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Eine neue Finkelstein-Debatte?

Angelika Timm über Vorwürfe gegen die Rosa-Luxemburg-Stiftung / Die promovierte Judaistin ist Leiterin des Büros der Rosa-Luxemburg-Stiftung (RLS) in Tel Aviv

ND: Die Rosa-Luxemburg-Stiftung hat den US-Politologen Norman Finkelstein von einem Vortrag zum Gaza-Krieg ausgeladen. Unerhört?
Timm: Finkelstein ist zweifelsohne ein interessanter und couragierter Diskussionspartner. Seine Wortmeldungen sind anregend, wenn auch nicht immer überzeugend, da nicht selten einseitig und Klischees bedienend, mitunter provokant.

Die kann man indes debattieren.
Ja, das Recht auf freie Meinungsäußerung steht auch ihm zu. Seine Publikationen stehen übrigens in meinem Bücherschrank neben denen gestandener Zionisten, namhafter Israelkenner und Nahostbeobachter. Eine andere Frage ist die nach der Diskussionsveranstaltung in Berlin über den Gaza-Krieg bzw. dessen aktuelle Weiterungen, etwa Goldstone-Report. Die Entscheidung darüber, wann und wo für Diskussionen der richtige Platz ist und mit welchen Intentionen sie geführt werden sollten, steht einzig den jeweils verantwortlich Einladenden zu.

Nicht wenige Vertreter israelischer NGOs haben sich zum Goldstone-Report sachkundig und verantwortungsvoll geäußert. Finkelstein scheint mir dagegen aussagekräftiger zu Themen, die der »Verantwortung der US-Regierung für die Aushungerung der Bevölkerung Gazas« oder aktuellen Auseinandersetzung unter jüdischen US-Bürgern über das Verhältnis zu Israel und zum Nahost-Friedensprozess gewidmet sind.

Finkelstein, Nachfahre von Holocaust-Opfern, wird Antisemitismus vorgeworfen, weil er vor einer Kommerzialisierung und Instrumentalisierung der Shoah warnte. Ist das nicht starker Tobak?
Die Auseinandersetzung über Finkelsteins »Holocaust-Industrie« wurde in Deutschland unmittelbar nach Erscheinen der englischen Ausgabe im Jahr 2000 geführt. Übersehen wurde in der deutschen Diskussion nicht selten, dass sich Finkelsteins Kritik primär auf die politische Instrumentalisierung des Holocaust seitens einzelner Vertreter jüdischer Organisationen in den USA bzw. auf den Umgang mit Entschädigungsgeldern richtete. Vergleichbare Diskussionen gab und gibt es immer wieder auch in Israel, wo Holocaust-Überlebende mitunter bis heute auf angemessene Entschädigungsleistungen warten. Der Antisemitismusvorwurf freilich scheint mir – bezogen auf Finkelstein – überzogen.

Wie wird Finkelstein, der in den USA so prominente Verteidiger wie Noam Chomsky hat, in Israel gesehen?
Eine »Finkelstein-Debatte« gibt es in Israel zur Zeit nicht. 2008 wurde ihm allerdings auf dem Ben-Gurion-Flughafen die Einreise verweigert. Aber als jüngst eine Delegation namhafter Abgeordneter des US-Repräsentantenhauses bzw. der proisraelischen Organisation J-Street um Gespräche mit Vertretern des israelischen Außenministeriums nachsuchte, wurde auch ihr Anliegen abschlägig beschieden – ein Verhalten, das höchst kritisch durch israelische Medien vermerkt wurde.

Welchen Part kann die RLS in aktuellen Nahostdebatten spielen?
Bei der Diskussion um die Berliner Veranstaltung mit Finkelstein geht es um recht unterschiedliche, nur bedingt miteinander verbundene Ebenen: einerseits um den israelisch-palästinensischen Konflikt, andererseits um die pauschalisierenden deutschen Debatten zwischen »Israelsympathisanten« und »Palästinaunterstützern«. Der Streit lässt außer Acht, dass auf jeder der Seiten im Nahostkonflikt ein breites politisches Spektrum existiert, das jeweils von rechts- bis linksaußen reicht. Es ist nicht Aufgabe der Rosa-Luxemburg-Stiftung, Klischees, Stereotype oder einseitige Positionen zu bedienen, sondern sich mit den demokratischen und friedensorientierten Kräften in beiden Lagern zu solidarisieren und sie aktiv zu unterstützen.

Fragen: Karlen Vesper

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