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Vorhang zu und viele Fragen offen

Uraufführung der Oper »Die Tragödie des Teufels« von Peter Eötvös in München

Georg Nigl (Lucifer)
Georg Nigl (Lucifer)

Es ist eine charmante Idee, die man in den Chefetagen des Prinzregententheaters und der Staatsoper in München da hatte. Wer das seltene Privileg nutzen wollte, sich die erste und die jüngste Oper von Peter Eötvös, einem der erfolgreichsten Opernkomponisten der Gegenwart, kurz hintereinander im Vergleich anzuschauen, dem räumten Theaterakademie-Präsident Klaus Zehelein und Opernintendant Klaus Bachler obendrein einen zwanzigprozentigen Rabatt auf im Doppel gekaufte Tickets ein. Was sich bei den Münchner Preisen lohnt.

Im Prinzregententheater also gab es den Februar über eine poetische, von Rosamunde Gilmore inszenierte und vom Chefdirigenten der Leipziger Oper, Ulf Schirmer, wunderbar dirigierte »Tri Sestri«- Produktion mit einem exzellenten Nachwuchsensemble. Neben Eötvös' Tschechow-Oper aus dem Jahre 1998 stellte die Staatsoper dann ihr Uraufführungsprojekt des Jahres: »Die Tragödie des Teufels«. Das klingt nicht nur nach Faust-Stoff-Nähe. Es ist tatsächlich eine Adaption der ungarischen Faust-Variante »Die Tragödie des Menschen« von Imre Madách, die Albert Ostermaier für sein Libretto verwendet hat.

Damit ist er auf die großen Gegenwartsprobleme aus: Vom subversiven Kampf des Bösen gegen das Gute über die Gewalt (mit Abu-Ghraib-Paraphrase), den Identitätenklau in unserer virtuellen Zukunft bis hin zum Abgang des Teufels wegen eigener Überflüssigkeit und einem nihilistisch auf das Ende der Menschheit bestehenden Adam (nebst der Ermordung Evas). Lucifer (vehement: Georg Nigl) hat nach zwölf Bildern und gut hundert Minuten die Schnauze voll von der teuflischen Karriere jenes Adam, mit dem er am Anfang gewettet hat. Er macht sich durch eine Lücke ins Nirgendwo davon.

Mitunter hat das, was Ostermaier gedichtet hat, einen gewissen intellektuellen Schick, etwa dann, wenn Lucifer sinniert. Sich etwa »an der Welt erkältet« oder sich grämt, weil er sich »verraten« fühlt »von einem Satansbraten«. Meist aber bleibt es verquast. Man versteht zwar die Worte, schon weil auch von Eva (Cora Burggraaf), Adam (Topi Lehtipuu), Lucifers Gefährtin Lucy (Ursula Hesse von den Steinen) und den Gefolgsleuten des Teufels deutlich gesungen und der deutsche Text zudem übertitelt wird. Doch der pocht so sehr auf sein eigenes Recht auf Assoziation und Vielschichtigkeit, dass er der erzählten Reise durch die große Welt in die Quere kommt.

Die Stationen »Phosphor City, Pyramidenhotel«, »Athen«, »Rom« und »Bagdad« klingen so Sience-Fiction-aufregend, wie »Prolog im Himmel«, »Im Paradies/Sündenfall«, »In der Wüste«, »Pakt«, »Dach der Welt« oder »Jenseits von Eden« bildungsbürgerlich anheimeln. Ein Musiktheatertext eigener Souveränität ist Ostermaier mit seinem Vexierspiel der Assoziationen gleichwohl nicht geglückt. Vielleicht lag es an der Ver-Dichtung der ursprünglich 140 Seiten auf 40? Vielleicht doch am Gegenstand, mit dem sich Goethe eine ganzes Klassikerleben lang plagte?

Eötvös liefert hochprofessionelle Klangmalerei und expressives Parlando, aber nicht den großen Wurf zum anvisierten Gegenstand. Die ungelösten Gegenwartsfragen auf die Bühne zu bringen, ist löblich, führt aber selbst dann nicht gleich zur überzeugenden Kunstantwort, wenn ein Peter Eötvös die Noten schreibt und seine Musik auch selbst dirigiert. Jedenfalls den kleineren Teil des Orchesters im Graben, während das große, symphonische, vom Bühnenhintergrund aus und von Christopher Ward dirigiert, seinen Teil beisteuert.

Balázs Kovaliks Regie verlässt sich auf die Möglichkeiten, die die wuchtige Treppen/Ruinen-Installation, die Ilya und Emilia Kabakov auf die Drehbühne gesetzt haben, für ein Treppe-rauf-und-Treppe-runter bietet. Der riesenhaft aufgeblähte Apfel der Erkenntnis, ein Motorrad für den Trip aufs Dach der Welt oder schwebende Homunculus-Kugeln werden da zu gefälligen Accessoires. Bejubelt wurde diese Uraufführung dennoch. Aber es gilt: Vorhang zu und viele Fragen offen.

Nächste Vorstellungen: 25., 28.2.

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