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Flensburgs Rum und Ehre

20-Stationen-Meile durch die Stadt erzählt Geschichte des Zuckerrohrschnapses

Museumsstücke
Museumsstücke

Flensburg? Na klar, da ist das Kraftfahrbundesamt, in dem die bösen Punkte aufbewahrt werden, und dann gibt es ja noch einen Erotik-Versand, der früher einmal für Schlagzeilen gut war. Aber wieso ist Flensburg, ganz im Norden und schon fast in Dänemark, die Rum-Metropole Deutschlands?

Walter Braasch, gelernter Destillateur und Rum-Experte, schiebt seinen Strohhut etwas aus der Stirn. »Manchmal hilft ein Blick in die Geschichte«, meint er. Und er hat recht. Schließlich gehörte Flensburg nicht immer zu Deutschland. Viele hundert Jahre hatten die Dänen das Sagen, auch gehörte das nördliche Herzogtum Schleswig, anders als das südliche Holstein, im Mittelalter nicht zum Deutschen Reich. Hier war der dänische König der Lehnsherr. Kein Wunder, dass in Flensburg auch heute noch viel Dänisch gesprochen wird und der Südschleswigsche Wählerverband der dänischsprachigen Minderheit ein Fünftel der Stadträte stellt.

Aber was das mit dem Rum zu tun hat? »Ganz einfach«, sagt Walter Braasch, »schließlich gehörten Dänemark vor rund 250 Jahren mehrere Karibikinseln, auf denen Sklaven Zuckerrohr anbauten«, und zeigt auf einen gerahmten Stich mit einer Bark unter dänischer Flagge, die mit vollen Segeln durch karibische See pflügt. Flensburg entwickelte sich in dieser Zeit neben Kopenhagen zum wichtigsten Zuckerhafen des dänischen Königreiches, und mit Zucker wurden in dieser Zeit märchenhafte Gewinne erzielt.

Die Segler aus St. Croix, St. Jan (heute St. John) und St. Thomas brachten neben Rohzucker auch »pure rum«, ein aus Rückständen der Zuckerproduktion gewonnenes Destillat, nach Flensburg. Das wurde mit allerlei Prozeduren und Zutaten schmackhaft gemacht und in Flaschen abgefüllt. Beim harten Dienst auf den Segelschiffen jener Zeit war es üblich, Rum als Proviant mitzuführen. Jedem Matrosen, bis auf die Schiffsjungen, stand pro Tag ein Viertel Liter Rum zu. Je gepflegter und aromatischer die Rumsorten ausfielen, desto schneller fand das exotische Getränk Eingang in die »gehobenen Kreise«. Heiß getrunkener Punsch oder Rum-Grog aus schön dekorierten Gläsern trafen den Geschmack am Besten. »In der Blütezeit des Rums gab es 200 Rumhäuser in Flensburg, heute sind es noch zwei«, weiß Walter Braasch. Christiansen, Balle, Pott, Jensen, Johannsen, Dethleffsen hießen die Familien, die Rum destillierten und verschnitten. Und selbst als Flensburg nach den Deutsch-Dänischen Krieg von 1864 nicht mehr zu Dänemark, sondern zu Deutschland gehörte und die dänischen Karibikinseln längst an die USA verkauft waren, wurde die Rumtradition weitergeführt, jetzt mit Rum aus Jamaika.

Das Traditionshaus Johannsen ist als einziges übriggeblieben und neu dazugekommen ist die Rum-Manufaktur von Walter Braasch. »So neu nun auch wieder nicht«, kommt der Einwand, schließlich hatte der spätere Weinhändler in den 1970er Jahren als 15-Jähriger den Beruf des Destillateurs erlernt. Damals musste er regelmäßig für seinen Chef einen besonders feinen Tropfen »anrühren«, einen Rum, der nicht in den Verkauf kam und den kein anderer trinken durfte. Das Geheimnis dieses Chef-Rums hat Walter Braasch glücklicherweise bewahrt, doch lässt er auch andere zumindest am Ergebnis teilhaben. Ein goldener Farbton verrät die lange Fasslagerung, die schicke Form der verkorkten Buddel erinnert eher an edlen Grappa. Doch das wichtigste ist natürlich der sanfte nachhaltige und nicht im Mindesten spritige Geschmack, und der muss sich hinter anderen Edelbränden durchaus nicht verstecken.

Flensburg ist sich inzwischen seiner fast untergegangenen Tradition wieder bewusst. Eine neu eingerichtete Rum- und Zuckermeile verbindet 20 Stationen, die mit Plaketten dekoriert sind: alte Speichergebäude für Zucker aus Dänisch-Westindien, ehemalige Produktionsstätten und Kontorhäuser früherer Rummarken, die Verkaufsstätten der heutigen Produzenten und das Rum-Museum im Flensburger Schifffahrtsmuseum direkt am Fördeufer. Im Frühsommer segeln sogar rund 100 Schiffe auf der nicht ganz ernst gemeinten Rum-Regatta, eher einer lockeren Geschwaderfahrt, bei der die besten mit einer Buddel Flensburger Rum geehrt werden.

  • Infos: Flensburg Tourismus, Am Zentralen Busbahnhof (ZOB), Tel.: (0461) 909 09 20, www.flensburg.de.
  • Rumhäuser: Wein- und Rumhaus Braasch, Rote Str. 26-28, Tel. (0461) 14 16 00, www.braasch.sh; Braaschs Rumladen in der Großen Str. 24. Verkauf, Führungen und Seminare und Mini-Museum; Johannsen Rum, Marienstr. 6, Tel. (0461) 252 00, www.johannsen-rum.de. Verkauf, Seminare und Führungen für Gruppen.
  • Schifffahrtsmuseum/Rum-Museum, Schiffbrücke 39, Tel. (0461) 85 29 70, www.schiffahrtsmuseum.flensburg.de. Alles über das Drumherum um den Rum, von geheimen Rezepturen bis zur Verkostung bei Sonderführungen, Di-So 10-16 Uhr.

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