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Ende eines deutschen Sonderwegs?

Anmeldefrist für weiterführende Schulen beginnt / Entscheidung auch über Zukunft des Gymnasiums

Heute startet die Anmeldefrist für die weiterführenden Schulen in Berlin. Die Eltern haben künftig nur noch die Wahl zwischen der Sekundarschule und dem Gymnasium. Die Schulreform des rot-roten Senats ist nicht unumstritten. Politiker und Bildungsexperten erwarten einen Ansturm auf die Gymnasien zulasten der neu gegründeten Sekundarschulen.

Inge Hirschmann, Leiterin des Berliner Grundschulverbandes, ist skeptisch. Die Verunsicherung in der Elternschaft sei groß, sagte die Leiterin der Kreuzberger Zille-Grundschule kürzlich der »taz«. Auch Politiker wie der bildungspolitische Sprecher der Fraktion der Grünen im Abgeordnetenhaus, Öczan Mutlu, erwarten zumindest für dieses und das nächste Schuljahr steigende Anmeldezahlen an den Gymnasien.

Die Erwartung ist nicht unbegründet. Die Gymnasiallobby hat in den vergangenen Monaten alle Register gezogen, um die Privilegien ihrer Lieblingsschule zu verteidigen. Die CDU etwa schickte ihre Bildungsstadträte in Spandau, Reinickendorf und Tempelhof-Schöneberg an die Schulfront. Noch im Dezember letzten Jahres blockierten die drei Stadträte die von vielen Schulen in ihren Bezirken gewünschte Fusion zu Sekundarschulen bereits für das kommende Schuljahr. Sekundiert wurde diese Taktik u.a. durch den Landeselternsprecher André Schindler. Der erklärte in den vergangene Monaten das Gymnasium gebetsmühlenartig zu einem Erfolgsmodell. Ob die Sekundarschule dagegen funktioniere, sei unklar, orakelte Schindler.

Schindlers Kritik ist nicht unbegründet, denn der Senat hat es den Sekundarschulen ausdrücklich frei gestellt, ob sie neben dem Haupt- und Realschulabschluss auch das Abitur anbieten wollen. Beim Gymnasium wissen die Eltern dagegen, was sie erwartet, denn dort verändert sich im Prinzip kaum etwas. Im Gegensatz zu den Sekundarschulen dürfen sie weiterhin Schüler sitzenbleiben lassen und notfalls auch auf die Sekundarschule »abschulen«, und wie bisher haben sie bei der Schulwahl ihrer Kinder das letzte Wort – die Empfehlungen der Grundschule über die Schulwahl bleiben unverbindlich. Damit hat sich die Gymnasiallobby gegenüber dem rot-roten Senat durchgesetzt, denn noch vor Jahresfrist hatte der Bildungsexperte der Linksfraktion im Abgeordnetenhaus, Steffen Zillich, gegenüber ND auf einem Abschulungsverbot der Gymnasien beharrt. »Kinder dürfen nicht mehr von den Gymnasien nach unten aussortiert werden«, stellte er damals in einem Interview apodiktisch fest.

Ob allerdings die Skeptiker recht behalten werden und die Sekundarschule zur ungeliebten Restschule wird, ist noch nicht ausgemacht. Bildungsinteressierte Eltern, die bislang das Rückgrat der Gymnasien bilden, könnten ihre Sympathie für die Sekundarschule um die Ecke entdecken – vorausgesetzt, die Qualität stimmt. Die Erfahrung macht bereits jetzt der Leiter der Heinrich-von-Stephan-Oberschule in Tiergarten, Jens Großpietsch. Seine Schule gilt als Musterbeispiel für eine gelungene Schulentwicklung: Aus der einst gefürchteten Ghetto-Schule ist eine mit Preisen ausgezeichnete Vorzeigeschule geworden. Das Gros besteht dabei nach wie vor aus Schülern bildungsferner Herkunft und mit Migrationshintergrund. Künftig kann hier nach 13 Schuljahren auch das Abitur abgelegt werden. Das lässt das Bildungsbürgertum aufhorchen. »Wir erhalten immer häufiger Anfragen von Eltern, die eigentlich ihr Kind auf ein Gymnasium geben wollen, aber den hohen Leistungsdruck dort fürchten«, sagt Großpietsch. Viele dieser Eltern wünschten sich zudem eine Ganztagsschule für ihre Kinder, meint der Schulleiter. Die aber wird es laut Schulreform zwingend nur bei einem Gymnasium pro Bezirk geben.

Eine Abstimmung mit den Füßen pro Sekundarschule kann sich auch die Leiterin der Wilhelm-von-Humboldt-Gemeinschaftsschule in Pankow, Gabriela Anders-Neufang, gut vorstellen. Eltern mit bildungsbürgerlichem Hintergrund wollten für ihre Kinder zwar das Abitur, dies aber nicht unbedingt auf Biegen und Brechen im Schnelldurchlauf, schildert sie ihre Erfahrung. Das könnte der Anfang vom Ende des deutschen (Bildungs-)Sonderwegs sein.

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