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Zukunft Sozialismus – ein Widerspruch?

Der Kapitalismus hat die Ergiebigkeit menschlicher Arbeitskraft ins Unermessliche gesteigert – jetzt weiß er sie nicht mehr zu nutzen

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Handelt es sich bei den Begriffen Sozialismus und Zukunft nicht um Unvereinbares? Hat nicht die bisherige Geschichte des Sozialismus bewiesen, dass er keine Zukunft hat, nachdem die sozialistischen Staaten Osteuropas zusammengebrochen sind? Auch die noch existierenden wie China und die südostasiatischen Staaten sind gezwungen, dem Kapitalismus immer mehr Raum zu geben. Und solche, die das nicht tun, kommen nicht so recht von der Stelle wie Kuba und Nordkorea.

Das Bild der Heutigen von Sozialismus ist geprägt vom frühen Sozialismus der DDR und der UdSSR, auferstanden aus Mangel und Ruinen. Er war aufgeglüht in den Schwächephasen der bürgerlichen Gesellschaft nach dem Ersten und Zweiten Weltkrieg, getragen von der Begeisterung der Völker, die den Krieg leid waren, den Hunger und die Ungerechtigkeit.

Aber er hatte noch kein wirtschaftliches Fundament. Und er konnte sich noch nicht stützen auf ein politisch wie auch fachlich hoch entwickeltes Proletariat als sozialen Träger der gesellschaftlichen Veränderung. Die entwickelte kapitalistische Gesellschaft war gerade in diesen Staaten wie Russland und China noch nicht einmal in Ansätzen erkennbar. Hier herrschte noch der Feudalismus. Das nationale Bürgertum dieser Staaten war zu schwach gewesen, um die eigene politische Ordnung zu errichten durch die Entmachtung des Adels.

So fiel den kommunistischen Parteien nach den Kriegen die Aufgabe zu, die Entwicklung ihrer Länder voranzutreiben. Sie waren die Kräfte, die das Vertrauen der Bevölkerung genossen. Der Adel in Russland hatte das Volk in den Krieg geführt, das Bürgertum und die Menschewiki trauten sich nicht, ihn zu beenden. Einzig die Bolschewiki boten eine glaubhafte und nachvollziehbare Aussicht auf die Beendigung des Krieges und die Herstellung menschenwürdiger gesellschaftlicher Verhältnisse. Ähnlich war die Situation in China nach dem Zweiten Weltkrieg.

Das bedeutete aber auch, dass die sozialistischen Kräfte die Grundlagen herstellen mussten, die zu schaffen eigentlich die Aufgabe des nationalen russischen oder chinesischen Bürgertums gewesen wäre: Aufbau einer Industrie, Entwicklung des Bankenwesens, Bauernbefreiung und Schaffung des Proletariats als dem Träger der zukünftigen sozialistischen Gesellschaft.

In diesem Widerspruch bewegten sich alle kommunistischen Parteien, die im 20. Jahrhundert die politische Macht errungen hatten. Sie mussten als Kommunisten die Gesellschaftsform verwirklichen und vollenden, die sie sich eigentlich zu überwinden zur Aufgabe gemacht hatten: die bürgerliche Gesellschaft. Denn, auch das zeigt der geschichtliche Rückblick, ein Überspringen dieser Entwicklungsstufe ist nicht möglich, auch wenn das viele Theorien zu belegen glaubten und damit nur eine scheinbare, trügerische und letztlich verhängnisvolle Sicherheit schufen.

Doch was soll sich geändert haben, dass Sozialismus wieder Zukunft sein und haben sollte? Wer glaubt, er oder sie habe den Masterplan dafür in der Tasche, täuscht sich und andere. Zu vieles ist in Entwicklung, im Ungewissen. Und jederzeit können Ereignisse eintreten oder Erfindungen gemacht werden, die das Gesicht unserer Erde, die Verhältnisse zwischen den Menschen und die Struktur von Gesellschaft unvorhersehbar verändern. Wer hätte vor 50 Jahren erahnen können, wie weitreichend die Veränderungen sein werden, die der Computer und die Digitaltechnik für die Ausgestaltung der Arbeitsprozesse und das alltägliche Leben der Menschen gebracht haben? Und wer kann erahnen, was menschliche Erfindungs- und Gestaltungskraft noch alles an Überraschungen und Entwicklungen bereithält?

Aber wie alle seine Vorgängergesellschaften birgt auch der Kapitalismus die Kräfte in sich selbst, die zu seiner Überwindung drängen. Diese in ihm drängenden Kräfte und Entwicklungen zu erkennen und zu benennen, muss die Aufgabe sein. Es sind nicht die feinen, bis ins Detail ausgearbeiteten Gesellschaftsmodelle irgendwelcher Theoretiker, die zum Sozialismus drängen, sondern die immer weiter um sich greifende Erkenntnis, dass die aktuelle kapitalistische Gesellschaft immer weniger in der Lage ist, den Bedürfnissen der Menschen gerecht zu werden.

Diese Erkenntnis reift durch die tagtägliche Auseinandersetzung mit dem Gesellschaftssystem, in dem die Menschen leben, durch die immer häufiger werdende Erfahrung, dass ihren Wünschen und Bedürfnissen, aber auch ihren Fähigkeiten und ihrem schöpferischen Potenzial immer engere Grenzen setzt sind.

Der Kapitalismus, der die Ergiebigkeit menschlicher Arbeitskraft ins Unermessliche gesteigert hat, ist immer weniger in der Lage, den ganzen Umfang dieser Schaffenskraft zu nutzen. Arbeitslosigkeit hält Millionen mit ihrem Erfahrungsschatz und ihrem Ideenreichtum fern von der Verwirklichung und Nutzbarmachung dieser ihrer Fähigkeiten. Und auch die, die (noch) in Beschäftigungsverhältnissen sind, sind reduziert auf die wenigen Aufgaben, die ihnen im und vom Produktionsprozess eingeräumt werden.

Die Orientierung der Produktion an der Renditeerwartung von Investoren und Kapitalbesitzern lässt Entfaltung und Einsatz menschlicher Fähigkeiten nur soweit zu, wie sie für den Produktionsprozess nutzbar und notwendig sind. Das ist nicht so neu, wie sogenannte Wirtschaftswissenschaftler uns glauben machen wollen. Solange die kapitalistische Produktionsweise expandierte und der Mangel an Arbeitskraft, der durch den Weltkrieg und die Teilung der Welt in Ost und West entstanden war, für Vollbeschäftigung und ständige Lohnzuwächse sorgte, ist dieser Umstand nicht ins Gewicht gefallen und hat auch in den Boomzeiten des Wirtschaftswunders nur wenige interessiert.

Mit der sozialen Marktwirtschaft schien ein dritter Weg gefunden worden zu sein zwischen Kapitalismus und Sozialismus. Die wirtschaftliche Grundlage der sozialen Marktwirtschaft war aber immer noch dieselbe wie die des Kapitalismus der freien Konkurrenz, die des Monopolkapitalismus und auch des Faschismus: die kapitalistische Produktionsweise.

Nun aber haben sich die Bedingungen geändert. Arbeitskraft ist im Überfluss vorhanden, und durch die modernen Techniken wie das Internet ist auch die lokale Bindung der Arbeitskraft aufgehoben. Daten können um die Welt geschickt und dort be- und verarbeitet werden, wo qualifizierte Arbeitskraft am billigsten ist.

Immer mehr Qualifikationen werden überflüssig und mit ihnen auch die Arbeitskräfte als Träger dieser Qualifikationen. Und je mehr menschliche Fähigkeiten übertragen werden in Maschinen und Software, umso weniger menschliche Arbeitskraft wird gebraucht für die Bewältigung der Warenproduktion, die von den Märkten aufgenommen werden kann. Ein immer größerer Anteil der Schaffenskraft der gesamten Menschheit, quantitativ wie auch qualitativ, wird von der kapitalistischen Produktion nicht mehr genutzt.

Nun hat aber die Arbeitskraft die für den Kapitalismus unangenehme Eigenschaft, dass sie an Menschen gebunden ist. Und diese Menschen sind nicht nur Arbeitskraft, sondern mehr. Sie wollen leben, sich entfalten und entwickeln, das in die Welt bringen, was in ihnen steckt: den unermesslichen Reichtum menschlicher Schaffenskraft, die unendliche Vielfalt menschlicher Schöpfungskraft, das Göttliche im Menschen, die Genialität.

Diesem eigentlich Menschlichen des Menschen ist der Kapitalismus immer weniger in der Lage, Raum zu geben. Zu groß ist die Einengung der Produktion auf das, was rentabel ist. Zu übermächtig die Renditeorientierung. Und diese Renditeorientierung lässt sich auch nicht wegreformieren, wegdiskutieren oder gar wegmoralisieren. Sie ist das, was Kapitalismus ausmacht, was ihn stark gemacht hat. Sie ist sein Wesen. Wer die Renditeorientierung des Kapitalismus beseitigen will, legt unweigerlich die Axt an seine Wurzeln.

Der Renditeorientierung, dem Gewinnstreben des Einzelnen, das zunehmend auf Kosten der Gesellschaft geht, wie die aktuelle Finanzmarkt- und Wirtschaftkrise zeigt, steht entgegen der Wunsch der Menschen, in sicheren sozialen Verhältnissen leben zu wollen, frei von Armut, frei von Krankheit, Verelendung, Unwissenheit und Hoffnungslosigkeit und auch frei von der Angst vor diesen. Aber sie wollen auch mehr als nur diese Sicherheit vor dem Untergang. Sie wollen gesellschaftliche Verhältnisse haben, unter denen sie Mensch sein können, was bedeutet, dass der Mensch dem Menschen ein Bruder ist, wie es Brecht ausdrückte.

All diese Visionen trägt der Kapitalismus nicht mehr in sich. Das erwartet niemand mehr von ihm. Das traut im keiner mehr zu.

Aber diese neue Welt kommt nicht von alleine, sozusagen über Nacht. Der Kapitalismus hat nicht nur Gegner oder solche, denen er egal geworden ist. Er hat auch mächtige Befürworter, die ein großes Interesse an seiner Erhaltung haben: die politisch herrschende Klasse der Investoren und Kapitalbesitzer als die privaten Besitzer und Anteilshalter der Produktionsmittel.

Das Private am Besitz der Produktionsmittel ist längst nicht mehr notwendig für das Funktionieren der Produktion. Diese ist längst gesellschaftlich geworden, was bedeutet, dass die Mitglieder der Gesellschaft in aufeinander abgestimmtem Zusammenwirken die Waren und Dienstleistungen herstellen und erbringen, die für die Versorgung und das Vorankommen der Gesellschaft notwendig sind.

Der private Kapitalist, wie ihn Marx noch im Kapitalismus der freien Konkurrenz kennengelernt hatte, der seinen eigenen Betrieb selbst führte und finanzierte, ist längst bedeutungslos geworden. Er wurde im Laufe der Entwicklung ersetzt durch den Investor als Finanzierer von Produktionsmitteln und -prozessen und durch die Fachleute, die als Geschäftsführer, Facharbeiter, als Spezialisten den optimalen Ablauf der Produktion gewährleisten. Sie sind in der Regel nicht die Besitzer der Betriebe, sie arbeiten nur für die Besitzer.

Privat ist im heutigen Kapitalismus nicht mehr die Verantwortung für das Unternehmen, sondern die Aneignung seines Ertrages und die Entscheidung über die Verwendung dieses Ertrages. Für die Produktion selbst hat das Private keine Bedeutung mehr. Das Private des Besitzes an Produktionsmitteln ist nicht mehr Voraussetzung für Produktion, sondern nur noch eine Frage der politischen Macht, über die die Besitzer der Produktionsmittel in der kapitalistischen Gesellschaft verfügen.

Gesellschaftlicher Fortschritt, im Sinne einer gegenüber dem Kapitalismus fortschrittlichen Gesellschaft, wird aber erst dann stattfinden können, wenn nicht nur die Produktion, sondern auch die Entscheidung über die Verwendung des Produktes gesellschaftlicher Prozess geworden ist. Dann entscheidet nicht mehr die gesellschaftliche Minderheit der Investoren über die Verwendung des Arbeitsproduktes nach ihren privaten und individuellen Interessen, sondern die gesellschaftliche Mehrheit der direkten Produzenten nach ihren Wertmaßstäben und Vorstellungen darüber, wie Produktion gestaltet werden muss, um den Bedürfnissen von Mensch und Natur gerecht zu werden.

Rüdiger Rauls, 1952 geboren in Trier, ist Sohn einer Arbeiterfamilie, Berufstätigkeit als Briefträger, Lagerarbeiter und Reprofotograf, Abitur auf dem zweiten Bildungsweg, betreibt ein Nachhilfe-Institut mit Filialen in Trier und Umgebung, Buchpublikationen: »Afghanistan – Grundlagen der gesellschaftlichen Entwicklung« (Verlag Dr. Müller, 2008), »Zukunft Sozialismus« (Books on Demand, 2009).

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