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Der Nagel trifft's

Günther Uecker zum 80.

  • Von Marion Pietrzok
  • Lesedauer: 4 Min.

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Meine Kunst ist für die Gegenwart angelegt, als Dialog. Und oft auch als ein Schrei, ein Schrei aus einer Not.
GÜNTHER UECKER

Der Nagelkünstler. Die Medienwelt will's kurz und griffig. Ja, durchaus, Günther Uecker steht zu dieser Bezeichnung. Bilder aus Nägeln haben ihn bekannt gemacht. Wer einmal eins dieser benagelten, zu rhythmisch bewegten Luft-Licht-Schatten-Skulpturen geformten Flächen und Objekte, wie er sie schuf, gesehen hat, der zehrt von diesem faszinierenden Augenblick ein Leben lang. Aber Uecker ist mehr als dieser Markenname. Die Nägel als bildnerische Mittel – sie als solche entdeckt zu haben, ist zweifellos seine große, den Platz in der Kunstgeschichte der Moderne sichernde Leistung – sind nur eins der vielfältigen Kunst-Materialien des Multitalents. Objektemacher, Aktionist, aber auch Maler, Aquarellist, Grafiker, Buchkünstler, Bühnenbildner, Lehrer. Die Vielseitigkeit zu betonen, um die Verkürzung auf die Nagelei abzuwehren, ist andererseits eigentlich ein Unding, denn Ueckers Nagelkunst ist schon Wert genug.

Fangen wir also damit an. Um 1957 entstehen die ersten Nagelbilder: Formationen der immer gleichen, durch ihre Anordnung Bewegung suggerierende Elementarform, wie es solch ein Schlichtstück aus der Werkzeugkiste nun mal ist, aufgeschlagen auf jeweils unterschiedlichen Grund (später war sogar ein Fernsehgerät dabei). Meist sind sie ganz und gar in der Null-Farbe Weiß gestrichen. Null – ZERO – war auch der Name der Künstlergruppe, die sich nach der Stunde Null in Deutschland zusammenfand (mit Heinz Mack und Otto Piene, 1961 bis zu ihrer Auflösung 1966 gehörte Uecker dazu). Als erste deutsche Künstlerbewegung nach dem Zweiten Weltkrieg schuf sie sich internationalen Ruf und wirkte schließlich inspirierend auf die künstlerische Avantgarde. Licht, Dynamik, Raum blieben für Uecker weiterhin Essenzen bildnerischen Tuns. An den geistigen Aufbruch, das soziale Gestalten von Bauhaus, Futurismus, Kubismus wieder anzuknüpfen, habe ihn, so der Künstler, geprägt. Und wenn hier doch eine Kurzformel, zum Charakterisieren der ideellen Spannweite seiner Arbeiten, gewagt werden soll, sie ist mit den Titeln zweier Ausstellungen beschrieben, 1995 und 1998: »Wind – 82 Liebesbriefe an die Natur« und »Der geschundene Mensch«.

Seine Wurzeln hatte der am 13. März 1930 in Wendorf Geborene in Mecklenburg, auf dem Land, wo die Bauern mit dem Pflug, der »eindrucksvollen Gerätschaft«, wie er im Interview des Katalogs zur aktuellen Ausstellung in Berlin bekennt, arbeiteten. »Eggen und pflügen waren immer auch ästhetische Vorgänge ... ein Tun in ästhetischen Kategorien«. Und zum rein Formalen hingedacht: Furchen, Raumlinien, aber auch Spiralen, Scheiben, Kugeln, Säulen wurden prägend für jede der Facetten des so intensiv sinnlichen Werks. Halbmeterlange Nägel mit ihrer brutalen Spitze in den Grund getrieben – hier findet sich das Zupackende des Bauern. Von der warmen Erde, den bloßen Füßen Stand gebend, hebt er ab ins Reich des Filigranen. Das des Poeten, der seine Worte mit nichts als Licht schreibt. Oder mit Sand, mit Bindfäden, mit Asche.

An der Ostsee, in Wustrow, aufgewachsen, begann Uecker zunächst eine Lehre zum Maler und Reklamegestalter, studierte in Wismar, an der Kunsthochschule Berlin-Weißensee, ging nach Westberlin und setzte sein Studium an der Kunstakademie in Düsseldorf fort, u.a. bei Otto Pankok. Später war er selbst dort jahrelang Lehrender. Drei Mal, 1964, 1968, 1977, nimmt er an der documenta in Kassel teil, 1970 an der Biennale von Venedig. 1988: Als erster Künstler der BRD kann Uecker in Moskau ausstellen, 800 Werke werden gezeigt. Er hat Ausstellungen in allen bedeutenden Museen der Welt, und dort finden sich seine Werke auch im Bestand. Er erhielt den renommierten Goslarer Kaiserring und den französischen Orden »Pour le Mérite«.

Die Verwundbarkeit des Menschen, die Gefährdung der Umwelt sind Themen seiner Arbeiten, Auseinandersetzungen mit kulturellen, politischen, religiösen Problemen. 1999 gestaltete er ein Steinmal für das ehemalige Konzentrationslager Buchenwald, im gleichen Jahr den Andachtsraum im Berliner Reichstagsgebäude. Das Wechselverhältnis zwischen Mensch und Natur – Uecker reagierte beispielsweise auf die Katastrophe von Tschernobyl mit dem Zyklus »Aschebilder« – ist ein Aspekt auch in der kleinen Ausstellung derzeit in Berlin. Eigens für das – auch mit seiner Unterstützung – wiederhergestellte Mies van der Rohe Haus, das mit seinen weiten Glasfronten sich so wunderbar zum Außen öffnet, schuf Uecker jetzt beeindruckende Arbeiten, die die Intentionen des Architekten aufnehmen und das menschen-maßstäbliche Gehäuse zum wörtlich natürlichen Lebensraum machen. Heitere farbige Aquarelle für das ehemalige Schlafzimmer – »Wasserfarben« –, sie verdeutlichen auch den Bezug zum See, und raumhohe Arbeiten auf Textil mit dem Titel »Regen«: Membranen in die Welt. Auch der »Baum« fehlt nicht. Er habe den Bau mit seiner Kunst behaust, sagt Uecker. Und man erinnert sich: Vor Jahren inszenierte er (mit Gerhard Richter) die Kundgebung »Museen können bewohnte Orte sein«.

Mies van der Rohe Haus, Oberseestraße 60, Berlin: Günther Uecker. Der See der Stille. Bis 21.3., Di-So 11-17 Uhr. Katalog 48 S., 10 €.

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