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Mut zur Wildnis

Mit dem Nationalpark-Programm der DDR von 1990 wurde eine einmalige Chance genutzt

  • Von Martina Rathke, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.

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Fast genau 20 Jahre ist es her, dass die DDR-Regierung unter Hans Modrow einen wegweisenden Beschluss fasste: Zwei Tage vor den ersten freien Wahlen am 18. März 1990 stellte die scheidende Regierung mit ihrer letzten Verfügung ausgediente Truppenübungsplätze, Grenz- und Staatsjagd-Gebiete vorläufig unter Naturschutz.

Greifswald. In den dramatischen Wendemonaten 1989/90 hatte eine vom Gedanken des Naturschutzes beseelte Gruppe kühlen Kopf bewahrt: Sie bereitete das »Nationalparkprogramm der DDR als Baustein für ein europäisches Haus« vor. Treibender Geist war der damalige stellvertretende Umweltminister Michael Succow. »Wir begriffen, dass wir eine einmalige historische Chance hatten«, erinnert sich der 68-Jährige heute. Am 12. September 1990 schließlich, unmittelbar vor dem offiziellen Ende der DDR, wurde das Nationalparkprogramm von der ersten und zugleich letzten demokratisch gewählten DDR-Regierung besiegelt.

Succows Geniestreich

Fünf Nationalparks, sechs Biosphärenreservate sowie drei Naturparks und damit 4,5 Prozent ihres Territoriums brachte die wirtschaftlich ausgelaugte DDR als »Tafelsilber der deutschen Einheit« – so der damalige Bundesumweltminister Klaus Töpfer (CDU) – in das wiedervereinte Deutschland ein. 14 Gebiete, darunter die Kreidefelsen auf Rügen, die Rhön in Thüringen oder der Spreewald, standen damit langfristig unter Schutz. Im Jahr 1997 wurde Succow für diesen Geniestreich mit dem Alternativen Nobelpreis geehrt.

Für den Osten Deutschlands galt der Beschluss als Weichenstellung: Ganze Landstriche, einst intensiv genutzte Kulturlandschaften, lagen brach, eine Bewirtschaftung der meist mageren Böden schien ökonomisch nicht sinnvoll. Nach Jahren fortschreitender Naturzerstörung durch eine rücksichtslose Wirtschaftspolitik wuchs auch die Sensibilität für den Schutz der Umwelt. »Das Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber der Natur ist gestiegen – auch aus dem Erleben heiler Urnatur, wie wir sie in Australien, den USA oder Afrika finden«, erklärt Succow eine Folge der Reisefreiheit.

In Mecklenburg-Vorpommern steht inzwischen ein Viertel des Territoriums unter Schutz. Damit ist der Nordosten neben Brandenburg das Bundesland mit dem größten Flächenanteil an Großschutzgebieten. Das aber birgt zunehmend Konfliktpotenzial mit Kommunen, Anglern, Jägern, Landwirten oder Waldbesitzern. Gemeinden wie Userin im Müritz-Nationalpark sehen ihre wirtschaftliche und touristische Entwicklung gefährdet. Dort will die Nationalparkverwaltung Teile des Sees für Wind- und Kitesurfen sperren und den Segelsport deutlich einschränken. Zwischen Jägern und Naturschützern ist zudem ein Streit um die Bejagung von Rot- und Damwild in Nationalparks entbrannt.

Scheitern an der Peene

Auch Michael Succow, der inzwischen die Idee des Naturschutzes erfolgreich nach Aserbaidschan, Turkmenistan oder in die Ukraine »exportiert« hat, musste in seiner Heimat Lehrgeld zahlen. Seine Idee, aus dem Peenetal – »ein deutschlandweit einzigartiges Flusstalmoor« – einen Nationalpark mit privatem Träger zu machen, ist gescheitert.

»Ein Nationalpark war in der Region nicht gewollt«, musste Succow erkennen. Für das kleine Modell »Naturpark« mit weniger Restriktionen für die wirtschaftliche Entwicklung laufen aber die Vorbereitungen. Succow ist überzeugt, dass Schutzgebiete gerade in industriell schwachen Regionen ein Jobmotor sind. »Die Großschutzgebiete sind das Rückgrat des Naturtourismus in MV«, sagt er und findet Zustimmung beim Landestourismusverband. Neben dem maritimen Flair sei es vor allem die urwüchsige Natur, die Millionen von Gästen ins Land locke und den Hotels auch 2009 ein Rekordergebnis bescherte, betont Verbandsgeschäftsführer Bernd Fischer.

Die Nationalparks Jasmund auf Rügen, Müritz und Vorpommersche Boddenlandschaft gehören zu den beliebtesten Feriengebieten. »Die Menschen wollen genau diese Natur und keine möblierte Landschaft mit gepflasterten Wegen und Schutzhütten alle 500 Meter«, plädiert Michael Succow für mehr Mut zur Wildnis.

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