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»Jeder Sportler war schon mal verletzt«

Sledgehockey-Spieler lehren Kanadas Bevölkerung bei Paralympics normalen Umgang mit Behinderten

  • Von Ronny Blaschke, Vancouver
  • Lesedauer: 2 Min.

Wieder verkeilen sich zwei Leiber ineinander. Sie überschlagen sich, prallen krachend gegen die Bande. Ein lautes Raunen hallt durch die Thunderbird Arena, ein Zeichen von Besorgnis. Alles gut gegangen? Alle gesund? Keine zwei Sekunden später rappeln sich die Spieler auf und treiben den Puck nach vorn. Ein Pass nach rechts, ein Schuss, wuchtig, platziert, und 7000 Zuschauer springen auf. 1:0 für Kanada, der Gastgeber der Paralympics ist glücklich.

Eishockey ist der Nationalsport der Kanadier, da spielt es keine Rolle, ob die Spieler auf zwei Kufen oder auf einer gleiten. Nach dem umjubelten Olympiagold, wünschen sich die Gastgeber nun eine Wiederholung im Schlittenhockey, auch Sledgehockey genannt, der paralympischen Version ihres Lieblingshobbys. 5:0 gewannen die Kanadier am Dienstagabend gegen Norwegen, der dritte Sieg im dritten Spiel. Die Torbilanz: 19:1. Alles andere als der Finalsieg am Sonnabend wäre eine Überraschung.

Es mag vordergründig um die Goldmedaille gehen. Doch den Spielern kommt eine wichtigere Aufgabe zu. Die Zeitungen widmen ihnen ganzseitige Geschichten. Ihre Partien sind ausverkauft und werden landesweit im Fernsehen übertragen – im Gegensatz zu den anderen Wettbewerben. So öffnen die Schlittenhockeyspieler ihrer Nation ein breites Fenster in die Welt der Paralympier und lösen bei vielen Kanadiern den ersten Gedankenanstoß aus über die Stellung von vier Millionen Behinderten in ihrer Gesellschaft.

Die Spieler sind sich ihrer Verantwortung bewusst. Sie geben geduldig Interviews, gewähren Einblicke, ohne Floskeln abzuspulen. Ihre Geschichten symbolisieren die Stürze im Leben, aber auch die Auferstehung danach. Zum Beispiel Greg Westlake. Er berichtet schmunzelnd von einem Mädchen, das er für sich gewinnen wollte, das aber im Internet herausfand, dass er keine Beine unter seinen Hosen trägt. Oder Paul Rosen. Ihm wurde vor zehn Jahren das rechte Bein amputiert, er wurde süchtig nach Schmerzmitteln, und seine Ehe zerbrach. Rosen kollabierte während eines Turniers, doch seine Teamkollegen waren für ihn da. Heute ist er Motivationstrainer und wieder verliebt.

»Wir bleiben, wer wir sind«, regt sich der querschnittsgelähmte Todd Nicholson über die öffentliche Dramatisierung auf. Auf dem Eis denke jeder nur ans Gewinnen. Schnittverletzungen sind normal, verursacht durch die Zacken an den Schlägern, mit denen sich die Spieler abstoßen. »Jeder Sportler war schon mal krank oder verletzt«, sagt Nicholson. »Bei uns war eben alles etwas komplizierter.«

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