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»Dem Stadtrat zu roth ...«

Sternstunden des Leipziger Arbeiterbildungsvereins – von Wolfgang Schröder beleuchtet

Als Wilhelm Liebknecht in seiner Festrede zum 14. Stiftungsfest des Leipziger Arbeiterbildungsvereins am 27. Februar 1875 dessen historisches Verdienst mit den Worten würdigte: »... er ist der Bewegung voranmarschiert«, hatte er wohl mehrere Aspekte im Blick. Es war dies einmal die herausragende Rolle in der Formierung der sozialistischen Bewegung in den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts, insbesondere als zeitweiliger »Vorort« des Verbandes Deutscher Arbeitervereine 1867 bis 1869 und damit wesentlicher Stützpunkt der Bebel-Liebknechtschen Richtung bei der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei 1869 in Eisenach. Doch genauso fielen die zahlreichen spezifischen Bildungsofferten für die verschiedenen Arbeiterschichten und Berufe ins Gewicht und nicht zuletzt der beachtliche Beitrag zur Herausbildung eines sozialpolitischen wie kulturellen Milieus, in dem sich die Mitglieder des Vereins und deren Angehörige wiederfanden.

Wolfgang Schröder verdeutlicht kenntnis- und faktenreich eben diese Facetten. Dabei gelingt es ihm überzeugend, die Herausbildung des Leipziger Arbeiterbildungsvereines anhand der einzelnen Entwicklungsstufen seit 1861 bis zur letztendlichen Konstituierung 1865 vorzustellen und diese sowohl in ihrer gesamtgesellschaftlichen Einbindung wie ihrer Verknüpfung mit ihren Vorläufern aus der Zeit der 48er Revolution sichtbar zu machen. Er geht in diesem Zusammenhang der Frage nach, wie es dazu kam, dass sich Leipzig zur »Wiege der deutschen Arbeiterbewegung« entwickeln konnte. Bei ihrer Beantwortung rücken neben der Berücksichtigung der Traditionen aus der Revolutionszeit zunächst die verschiedenen Faktoren der industriellen Revolution und damit auch die berufliche Struktur der immer wieder wechselnden Mitglieder des Arbeiterbildungsvereins sowie die spezifischen ökonomischen und politischen Verhältnisse der Stadt Leipzig ins Blickfeld.

Im Fokus der Darstellung stehen jedoch der entscheidende politische und sozial-ökonomisch motivierte Ablösungsprozess der proletarischen Kräfte von der liberalen Bourgeoisie und der kleinbürgerlichen Demokratie, die Rolle einzelner Persönlichkeiten wie Julius Vahlteich, Ferdinand Lassalle, August Bebel, Wilhelm Liebknecht und der von ihnen repräsentierten Organisationen, in Sonderheit ihre unterschiedlichen Positionen im Ringen um die nationalstaatliche Einigung und um eine selbstständige Arbeiterpartei.

Überzeugend weist der Autor anhand zahlreicher Quellen die Originalität und die Vielseitigkeit des Leipziger Arbeiterbildungsvereins nach. Er zeigt, wie er einerseits innerhalb weniger Jahre über die tradierten Aufgaben der Bildung und Weiterbildung hinauswuchs, ohne diese andererseits zu vernachlässigen oder gar aufzugeben. Sicher, innerhalb der so ereignisreichen Jahre von 1865/66 bis zum Erlass des Sozialistengesetzes 1878 bildete die Herausbildung der Eisenacher Partei den Höhepunkt der über Leipzig hinausstrahlenden Wirksamkeit des Arbeiterbildungsverein und ließ ihn, wie der Autor zu Recht vermerkt, zum »Leitverein« und insbesondere auch in Zusammenhang mit den Reichstags-Wahlkämpfen dieser Jahre kurzzeitig zum nationalen »Aktions- und Kraftzentrum« großer Teile der deutschen Arbeiterbewegung werden. Das Wirken Bebels in seiner Doppelfunktion als Vorsitzender des Leipziger Arbeiterbildungsvereins seit 1866 und Präsident des Verbandes deutscher Arbeitervereine seit 1867 und darüber hinaus als einer der ersten Reichstagsabgeordneten der sich formierenden sozialdemokratischen Bewegung hatte daran verständlicher Weise großen Anteil.

Ganz ohne Zweifel, der Leipziger Arbeiterbildungsverein spielte eine bedeutende Rolle als konstitutives Element der proletarischen Parteibildung, international vielleicht nur noch vergleichbar mit dem Gewicht des 1867 gegründeten Wiener Arbeiterbildungsvereins bei der sich über Jahre hinziehenden Formierung der österreichischen Sozialdemokratie,

Doch ungeachtet der zeitweiligen zentralen politischen Wirksamkeit nahm der Leipziger Arbeiterbildungsverein stets und intensiv seine Aufgaben als wichtiger Bildungsträger wahr. Dabei erwies es sich als besonders hilfreich, dass er seit Anfang 1866 ein eigenständiges Domizil im 2. Stock der Ritterstraße 43 in Leipzig anmieten konnte, in dem Raum für eine bemerkenswert große Bibliothek war, ein Lesezimmer, in dem zahlreiche Presseorgane auslagen und ein Saal für Veranstaltungen zur Verfügung standen. Zu den Bildungsangeboten gehörten neben Rechnen, Buchhaltung und Stenographie, deutsche Orthographie und Stilistik, Fremdsprachenunterricht, Vorträge über Naturwissenschaften, Medizin, Recht, Literatur, Geschichte und soziale Probleme. Am Rande sei erwähnt, dass neben manch Veranstaltungen der Turner und Sänger auch Bebels Hochzeitsfeier am 9. April 1866 im Lesezimmer des Vereinslokals stattfand.

Viele Pädagogen, Wissenschaftler und demokratische Bürger unterstützten von Anfang an die Bildungsanstrengungen des Vereins. Zunehmend traten auch bekannte Vertreter der sozialistischen Bewegung als Referenten in Erscheinung, so neben Bebel unter anderem Julius Motteler, Wilhelm Liebknecht, August Geib, die zu sozialen Problemen und zur Entwicklung der internationalen Arbeiterbewegung sprachen. Der Leipziger Stadtrat honorierte diese Erweiterung des Bildungsangebots allerdings nicht. Die jährlich 500 Taler Subventionen, die der Verein 1865 zugesprochen bekam, wurden 1867 auf 200 Taler reduziert und Ende 1869 ganz eingestellt. Im »Volksstaat« hieß es treffend dazu: »Der Verein, der vor wie nach seine Bildungsbestrebungen pflegt, ist in seiner politisch-sozialen Tendenz dem Stadtrat zu roth ...«

Der Leipziger Arbeiterbildungsverein behielt auch nach der Gründung der Sozialdemokratischen Arbeiterpartei seine Eigenständigkeit. Er war zwar eng mit der Leipziger Parteiorganisation verbunden, aber ging nicht in ihr auf. Faktisch agierte er in den 70er Jahren als eine »Vorfeldorganisation« der Arbeiterpartei. Er war für sie eminent wichtig, nicht nur weil ihr sein Domizil offen stand, sondern weil der Arbeiterbildungsverein als wichtiges Bindeglied fungieren konnte, indem er einer breiteren Interessenlage sowie vielseitigen Bildungs- und Kulturbedürfnissen seiner Klientel Rechnung trug, was unter anderem auch in den sich formierenden Spezialabteilungen wie der Turner- und Stenographensektion oder dem Deklamatorischen Klub zum Ausdruck kam.

Eine wesentliche Rolle bei der Herausbildung eines spezifischen sozial und politisch geprägten Milieus spielten letztlich auch die vom Arbeiterbildungsverein jährlich organisierten Stiftungsfeste, ebenso die vielen Festveranstaltungen im Laufe eines Kalenderjahres – vom Frühlings- über das Sommer- und Herbstfest bis hin zur Weihnachtsfeier, die auch die Angehörigen der Vereinsmitglieder und Sympathisanten mit einbezogen. So war es durchaus kein Wunder, dass, gestützt auf diese historisch gewachsene Basis, schon bald nach dem durch das Sozialistengesetz verursachten Verbot des Arbeiterbildungsvereins in Leipzig ein neuer, offiziell unpolitischer »Fortbildungsverein für Arbeiter« an die Öffentlichkeit treten konnte.

Es gehört zu den unbestreitbaren Vorzügen der Publikation, dass der Autor diese Vielseitigkeit in der geschichtlichen Präsenz des Leipziger Arbeiterbildungsvereins vor dem Leser ausbreitet, interpretiert und zu neuen Erkenntnissen führt, wozu ganz besonders der aussagekräftige Dokumentenanhang (Statuten, Jahresberichte, Stiftungsfeste, personelle Zusammensetzung des Vorstandes) beiträgt.

Wolfgang Schröder: Leipzig – Wiege der deutschen Arbeiterbewegung. Wurzeln und Werden des Arbeiterbildungsvereins 1848/49 bis 1878/81. Reihe »Geschichte des Kommunismus und Linkssozialismus«, Band XIII. Hg. v. der RLS Sachsen. Karl Dietz Verlag, Berlin 2010. 479 S., geb., 29,90 €

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