Werbung

Meisterschaft im Ballflachhalten

Kurz vor Ligaschluss stapeln die Spitzenmannschaften tief – nur im Keller fallen klare Worte

In Gelsenkirchen ist es mit der Zurückhaltung vorbei. Ausgerechnet der Meister der Tiefstapelei, Felix Magath, ruft kurz vor Saisonende der Fußball-Bundesliga zum Angriff auf die Meisterschaft. »Wir sind die einzigen, die dem FC Bayern noch Paroli bieten können«, sagt Schalkes Trainer, der bis vor Kurzem partout nichts vom Titelgewinn wissen wollte. Nun hofft er, dass sich die Münchner vom bevorstehenden Champions-League-Halbfinale gegen Olympique Lyon ablenken lassen. »Um solche Spiele herum hat schon so mancher Klub wichtige Punkte liegen gelassen«, meint Magath und versucht, die Bayern unter Druck zu setzen. »Zwei Punkte sind aufzuholen. Jetzt geht es nur noch um Rot oder Blau.«

Um etwas mehr geht es an den letzten vier Spieltagen schon noch. Immerhin sind auch noch die Plätze für die Champions-League-Qualifikation und die Europa League zu vergeben. Bewerber gibt es reichlich, doch lauscht man Magaths Kollegen, könnte man meinen, dass so recht keiner will. Jupp Heynckes, Trainer von Bayer Leverkusen, lamentiert nach schlechten Ergebnissen in den letzten Wochen lieber über die Substanz seines Kaders. »Man kann nicht Spitzenfußball spielen, wenn nicht das entsprechende Personal da ist. Darüber muss man sich hier im Hause klar werden«, meint Heynckes vor dem schwierigen Auswärtsspiel in Stuttgart.

Aber auch die Kollegen der Verfolger geben sich alles andere als kämpferisch und verbreiten kaum Zuversicht vor den entscheidenden Spielen. Für Dortmund »ist und war die Champions League als Thema nie interessant«, behauptet Borussias Coach Jürgen Klopp trotz des auf einen Punkt zusammengeschmolzenen Rückstandes auf Rang drei. In Bremen glaubt man – zumindest offiziell – nur noch bei vier Siegen an eine kleine Chance auf die Champions League.

Sollte Werder als DFB-Pokalfinalist die Saison mindestens auf Rang fünf beenden, darf auch noch der Sechste in der kommenden Spielzeit in der Europa League mitspielen und -verdienen. Die Kandidaten aus Hamburg und Wolfsburg halten sich bedeckt und selbst beim besten Rückrundenteam aus Stuttgart reagiert man verhalten. »Je näher die Entscheidung rückt, desto schwerer werden die Spiele für uns«, meint Trainer Christian Gross vor dem Heimspiel gegen Leverkusen. »Wir müssten alle Spiele gewinnen, aber Bayer ist ein Gegener mit viel Wucht, der auch die Punkte braucht.«

Noch besser im Ballflachhalten als die anderen Europapokalanwärter ist Frankfurts Trainer Michael Skibbe. Sein Team ist »noch nicht bereit für Europa«, der Kader nicht ausgeglichen genug. Auch wenn sein Team – immerhin besser in der Rückserie als Herbstmeister Leverkusen – mit einem Erfolg gegen Schlusslicht Hertha Platz sechs noch näher kommen könnte: »Platz acht ist das Maximum.« Skibbe stapelt bewusst tief, wäre im Erfolgsfalle die Sensation doch noch größer.

In den Niederungen der Tabelle hat das taktische Understatement kurz vor Schluss keinen Platz mehr. Kein Trainer würde behaupten, sein Team gäbe sich mit dem Abstieg zufrieden. So hört man von den um den Klassenverbleib kämpfenden Klubs die Durchhalteparolen. »Wir haben es selbst in der Hand. Ich gehe davon aus, dass wir es schaffen«, macht Nürnbergs Trainer Dieter Hecking vor dem Kellerduell gegen Freiburg Mut und sein Gegenüber Robin Dutt zeigt sich nicht weniger motiviert: »Für uns gibt es keine andere Priorität als den Sieg.«

Selbst der Tabellenletzte aus Berlin gibt sich noch nicht geschlagen und erinnert an die zuletzt starken Auswärtsauftritte. »Deshalb bin ich optimistisch, dass wir auch in Frankfurt etwas holen können«, meint Hertha-Trainer Friedhelm Funkel. Nur bei Hannover 96 hät man sich an diesem Wochenende mit zu lautstarken Kampfansagen zurück. »Wenn wir einen Punkt holen, wäre das ein Erfolg«, so Trainer Mirko Slomka. Vor einem Gastspiel beim FC Bayern München ist ein bisschen Tiefstapelei wohl erlaubt.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Als unabhängige linke Journalist*innen stellen wir unsere Artikel jeden Tag mehr als 25.000 digitalen Leser*innen bereit. Die meisten Artikel können Sie frei aufrufen, wir verzichten teilweise auf eine Bezahlschranke. Bereits jetzt zahlen 2.600 Digitalabonnent*innen und hunderte Online-Leser*innen.

Das ist gut, aber da geht noch mehr!

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen und noch besser zu werden! Jetzt mit wenigen Klicks beitragen!  

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!