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Ein verdammt hoher Preis

Mathias Wedel ist Chefredakteur des Satiremagazins »Eulenspiegel«
Mathias Wedel ist Chefredakteur des Satiremagazins »Eulenspiegel«

Ich bin umzingelt von mutigen Deutschen, die aus der Geschichte gelernt haben. Beispielsweise, dass man Unrecht nicht geschehen lassen darf. Oder dass man keinem anderen Volk mit Gewalt – und sei es mit einer harmlosen Maßnahme, wie Krieg – zum Glück verhelfen darf. Gebildete unter diesen Mutigen wissen zudem, dass der »gerechte Krieg« eine Erfindung der Militärs oder – wie es im Kasernendeutsch heißt – eine Latrinenparole ist. Selbst Leute, die weder Tagesschau gucken noch eine ordentliche Zeitung lesen, wollen nicht, dass junge Thüringer oder Sachsen tot, verwundet oder verrückt aus Afghanistan zurückkommen. Natürlich auch nicht junge Schwaben.

Auch passt es ihnen nicht, dass der Krieg Milliarden kostet, während in den Städten Bibliotheken, Schwimmhallen, Theater schließen, weil Geld fehlt. Sie fragen sich, ob die Auslöschung einiger religiöser Eiferer in einer Schlacht, an der zuletzt 3000 Soldaten beteiligt waren, die Schwimmhallenschließung aufwiegt. Und wieso nicht Afghanen die dortige Müllabfuhr und die Finanzämter übernehmen können, ohne zuvor durch deutsche Polizeiausbilder qualifiziert zu werden.

Der Mut dieser Leute äußert sich subtil. Sie brüllen ihre Kriegsverachtung nicht auf der Gasse aus, sondern teilen sie den Call-Centern mit, die sie zu Hause im Auftrag von Meinungsforschern anrufen. Jede Woche sind es mehr Leute, die anonym in die Leitung flüstern, dass sie den Krieg Scheiße finden. Der Antikriegskampf wird nicht von charismatischen Politikern, Freiheitshelden oder Gewerkschaftern geführt, sondern von Statistikern. Nach den letzten vier Toten sind fast alle Deutschen fahnenflüchtig geworden.

Man kann die Courage dieser Leute nicht genügend bewundern. Denn aus dem letzten Krieg wissen sie, dass man am nächsten Baum aufgehängt werden kann, wenn man mitten im Krieg sagt, dass der Krieg nun mal langsam aufhören solle, oder wenn man nicht glaubhaft an den Endsieg glaubt. Dann hat man ganz rasch ein Schild um den Hals: »Ich war zu feige, deutsche Frauen und Kinder vor dem Taliban zu verteidigen.«

Na gut, so schlimm wird es diesmal nicht kommen. Die Herrin über Krieg und Frieden, über Tod und Leben, eine Protestantin aus der Uckermark, hat im Plauderton bereits durchblicken lassen, dass sie für Leute »Verständnis« hat, die sich nicht so recht für den Krieg erwärmen können (sagt aber, sie mache trotzdem weiter). Vielleicht lässt das manche Friedensfreunde glauben, der Krieg würde irgendwie von selbst zu Ende gehen, an Unlust, oder einschlafen, weil die Feriensaison beginnt. So lange, bis alle deutschen Soldaten »da unten« erschossen sind, würde er bestimmt nicht gehen.

Er könnte schon nächste Woche zu Ende sein. Alle die Millionen mutigen Deutschen müssten sich nur per E-Mail, Facebook, twitter oder Festnetztelefon oder durch Zuruf übern Gartenzaun zum Generalstreik verabreden. Sagen wir für nächsten Montag um 8 Uhr morgens. Dazu wäre weder eine feurige Agitation des Berufsrevolutionärs Michael Sommer vom DGB von Nöten, noch müsste Gregor Gysi von der Linken mit einem Patronengurt überm Jackett herumlaufen. Man müsste nur alle Betriebe, Bahnhöfe, Flugplätze und großen Kreuzungen besetzen und ein paar Lkw auf den Autobahnen querstellen. Auch Kinder, Arbeitslose und Nichtstuer könnten mitmachen, die Patienten in den Pflegeheimen könnten die Nahrung und die Windel verweigern. Von Arbeitslosigkeit bedrohte Schauspieler und Orchestermusiker und der Chor der Parteiveteranen würden ausschwärmen und die Streikenden unterhalten; die noch zwischen Krieg und Frieden Schwankenden müssten Tee für sie kochen und Brötchen schmieren. Nach zwei, höchstens drei Tagen würde die oberste Heeresleiterin den großen Frieden verkünden und wir könnten nach Hause gehen.

Natürlich wäre das illegal. Doch keiner würde erschossen. Und will man die Bevölkerung verhaften? Allerdings würde es noch Jahre dauern, bis es in Afghanistan eine ordentliche Parkraumbewirtschaftung und die Feinstaubplakette gibt – ein verdammt hoher Preis.

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