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Der Witz und die Wahrheit

Sein Publikum lachte, auch wenn er es todernst meinte: Vor 100 Jahren starb Mark Twain

  • Von Alexander Pechmann
  • Lesedauer: 5 Min.

... ein Humor, der das Absurde des Allzumenschlichen auf manchmal geradezu schmerzhafte Weise ins Licht rückt – schmerzhaft deswegen, weil uns dieser Humor bewusst macht, dass wir uns ändern könnten und ändern sollten, aber uns trotz unseres Wissens niemals ändern werden und dieselben Fehler, Dummheiten und Verbrechen in alle Ewigkeit wiederholen müssen.

Er ist einer jener großen Erzähler der Weltliteratur, die fast ganz hinter der schillernden Maske des Nachruhms verschwunden sind: Mark Twain. Man erinnert sich vielleicht an seine markanten Gesichtszüge auf alten Photographien und Karikaturen, seinen buschigen Schnurrbart, an die amüsanten Bonmonts und natürlich an die Figuren Tom Sawyer und Huckleberry Finn, die seinen Büchern entsprangen und längst begonnen haben, ein merkwürdiges Eigenleben zu führen, so dass sie selbst jenen bestens vertraut scheinen, die Mark Twains Werke nie gelesen haben. Die Namen der kleinen Romanhelden sind so mächtig geworden, dass man bei ihrer bloßen Erwähnung zwangsläufig an Angelruten, tote Katzen und alte Schaufelraddampfer denken muss – oder an die Geschichte mit dem Lattenzaun, den Tom auf Geheiß seiner Tante Polly anstreichen soll. Sie wird jedem Schuljungen sofort einleuchten und beweist wie kaum eine andere Erfindung des Autors dessen gründliche Menschenkenntnis.

Hinter der Maske des Erfolgsautors und weltberühmten Humoristen verbarg sich jedoch eine vielschichtige, geradezu zerissene Persönlichkeit: Samuel Langhorne Clemens, dessen Biografie eine Vielzahl von Leben enthält, unter denen das Pseudonym »Mark Twain« wohl nur eine Rolle war, die der Öffentlichkeit präsentiert wurde. Sam Clemens wechselte seine Identitäten häufig, immer auf der Suche nach neuen Erfahrungen, neuen Zielen und Herausforderungen. Im Laufe seines Lebens war er Druckerlehrling, Reporter, Glücksritter, Silbergräber, Dampfschifflotse, Soldat, Abenteurer, Weltreisender und Vortragskünstler. Oft fiel er von einem Extrem in das andere: Familienvater und einsamer Misanthrop, Erfolgsmensch und Bankrotteur, Träumer und Realist, glühender Patriot und zorniger Kritiker seines Heimatlandes.

Vielleicht kann man ihm nur gerecht werden, wenn man jene zu Wort kommen lässt, die ihm am nächsten standen, ihn liebten. »Er ist ein sehr gütiger Mann und sehr lustig«, schrieb seine dreizehnjährige Tochter Susy. »Er hat seine Launen, aber die hat in unserer Familie jeder. Er ist der liebenswerteste Mann, den ich je gesehen habe oder je zu sehen hoffe. Die Öffentlichkeit kennt ihn als Humoristen, doch ist an ihm sehr viel mehr Ernstes als Humorvolles.«

Auch heute kennt man ihn vor allem als amüsanten Autor. Sein Ruhm zu Lebzeiten gründete jedoch auf seinen Vortragsreisen, die ihn in die abgelegensten Ortschaften der USA und rund um den Globus führten. Das Publikum verehrte ihn weniger aufgrund seiner pointierten Geschichten über berühmte Springfrösche oder die schreckliche deutsche Sprache, sondern eher wegen der besonderen Art seines Vortrags, seines schleppenden Südstaatendialekts, der bald sein Markenzeichen wurde, und den Figuren, die er als Alleinunterhalter auf der Bühne verkörperte, Leben einhauchte.

Twain rühmte sich damit, sein Publikum selbst mit einer langweiligen, abgedroschenen, albernen und pointenlosen Anekdote, die jedermann längst bis zum Überdruss satt hatte, zum Lachen bringen zu können – einfach, indem er sie oft genug wiederholte. Er erzählte seine Geschichte in einem absichtlich schwerfälligen und humorlosen Ton – das Publikum schwieg. Daraufhin wiederholte er seinen Vortrag auf dieselbe Weise, noch ernster und trockener – das Publikum wurde unruhig. Beim dritten Mal, begannen die Zuhörer zu begreifen, dass sie auf den Arm genommen wurden und Twain wurde mit Gelächter und Applaus belohnt.

Dieser Erfolg ist vielleicht der Grund für das weitverbreitete Missverständnis, ihn als reinen Humoristen oder sogar Komiker zu betrachten und seinen oft sehr ironischen Erzählton mit einer ausschließlich ironischen Haltung zu verwechseln. Hundert Jahre nach dem Tod des Autors scheint seine ernste Seite vergessen, zumindest in Deutschland, wo seine Werke in den letzten Jahrzehnten oft nur als Jugendbuchausgaben verkauft wurden. Dies soll nicht heißen, dass Twain kein begnadeter Humorist war, doch sind es letztlich nicht die Scherze, die uns zu fesseln vermögen, sondern der Schatten der unveränderlichen menschlichen Schwächen, der sich in seinen Texten abzeichnet und den Leser ungläubig den Kopf schütteln lässt. Ist es denn möglich, dass wir seit jeher und für alle Zeit dazu verdammt sind, zugleich Opfer und Täter einer immergleichen Gier, Arroganz, Dummheit, Selbstsucht, Naivität und einer unverbesserlichen Blindheit gegenüber den eigenen Fehlern bei gleichzeitiger Verurteilung aller Mitmenschen zu sein? Diese Frage ist sozusagen der giftige Stachel in den besten dieser anfangs so harmlos erscheinenden Romane und Erzählungen.

Mark Twain war kein Märchenonkel, der lediglich nette Anekdoten erzählte, und auch kein Komödiant, der alles tat, um das Publikum auf seine Seite zu bringen. Er suchte nach Wahrheit, Sinn und Erlösung, verzweifelte aber zunehmend an seinen eigenen Fehlern und den Fehlern seiner Mitmenschen und konnte dies nur durch eine bestimmte Art von Humor kompensieren. Ein Humor, der das Absurde des Allzumenschlichen auf manchmal geradezu schmerzhafte Weise ins Licht rückt – schmerzhaft deswegen, weil uns dieser Humor bewusst macht, dass wir uns ändern könnten und ändern sollten, aber uns trotz unseres Wissens niemals ändern werden und dieselben Fehler, Dummheiten und Verbrechen in alle Ewigkeit wiederholen müssen.

Mark Twains Bitterkeit verstärkte sich im Lauf seines Lebens, aufgrund persönlicher Misserfolge wie der Bankrott seines Verlages und Katastrophen wie der Tod seiner Tochter Susy und der großen Liebe seines Lebens, Olivia Langdon. Sein Blick auf die menschlichen Unzulänglichkeiten wurde zunehmend gnadenloser, der Humor wurde zur beißenden Satire. Doch sein Publikum lachte auch dann, wenn er es todernst meinte.

Ist es wirklich so schwer, Mark Twain als Schriftsteller, Skeptiker und hintergründigen Moralisten ernst zu nehmen?

George Bernhard Shaw brachte es auf den Punkt: »Die Wahrheit zu erzählen, das ist der größte Witz der Welt.«

Alexander Pechmann gab Bücher unter anderem von Herman Melville, Mary Shelley, William Butler Yeats und Mark Twain heraus. Jüngste Veröffentlichungen sind: »Mark Twain. Die schönsten Erzählungen« und »Mark Twain: Sommerwogen. Eine Liebe in Briefen« (beide Aufbau Verlag, 316 S. u. 304 S., geb., je 16,95 €).

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