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Kirgistan kommt nicht zur Ruhe

Fünf Tote bei Pogromen nahe Bischkek / Angriffe auf die ethnische Minderheit der Mescheten

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 2 Min.
Von Normalität ist das zentralasiatische Kirgistan auch nach der Flucht des gestürzten Staatschefs Kurmanbek Bakijew weit entfernt. Nicht die Übergangsregierung der bisherigen Opposition und deren Chefin Rosa Otunbajewa diktieren das Gesetz des Handels, sondern weiterhin der Mob.

Mindestens fünf Tote und 30 Verletzte gab es allein in der Nacht zu Dienstag bei Pogromen in Majewka – einem Dorf nahe der Hauptstadt Bischkek. Dort hatten am Montag etwa 10 000 Menschen bei einem Meeting vor der Stadtverwaltung die kostenlose Zuteilung von Grundstücken verlangt und nach vagen Zusagen der Behörden Land bei Majewka illegal besetzt. Dieses gehört vor allem Mescheten: Nachkommen ethnischer Türken, die das Osmanische Reich nach Besetzung Georgiens im 16. Jahrhundert dort ansiedelte. Die Mescheten gehörten zu jenen Völkern, denen Stalin im Zweiten Weltkrieg Kollaboration mit der deutschen Wehrmacht unterstellte und sie wurden daher kollektiv nach Zentralasien verbannt. Anders als Tschetschenen, Russlanddeutsche oder Tataren konnten sie jedoch nicht zurück. Georgien sperrt sich, weil dadurch der muslimische Bevölkerungsanteil im Land steigen würde.

Kompakt siedelt die Bevölkerungsgruppe derzeit auch im Umland von Bischkek. Vor allem ihre Häuser wurden daher bei der illegalen Landnahme angezündet und geplündert. Polizisten, die versuchten, die Pogrome zu stoppen, mussten die Armee zur Hilfe rufen. Deren Panzerfahrzeuge patrouillieren inzwischen erneut auch in Bischkek und in anderen Großstädten.

Denn die Ausschreitungen gegen Mescheten und ethnische Russen sind nur die Spitze des Eisbergs.

Angesichts der Schwäche der Übergangsregierung, schätzen Experten mehr oder minder einmütig ein, tendierten die verelendeten Massen zunehmend zu spontaner Korrektur und Umverteilung der Besitzverhältnisse. Da die einzelnen Gruppen nach ethnischem Prinzip organisiert sind, wachsen zwangsläufig auch die Spannungen zwischen den Bevölkerungsgruppen, die beim Gerangel um Wasser und Land schon des Öfteren blutig aufeinander einschlugen. Vor allem im Süden: im ethnisch bunt gemischten Fergana-Tal, wo Kirgistan, Usbekistan und Tadshikistan aneinander grenzen.

Im kirgisischen Teil der Oase stellen ethnische Usbeken rund ein Drittel der Gesamtbevölkerung; sie werden von der Titularnation aber politisch und wirtschaftlich ausgebremst.

Nach dem Machtwechsel in Bischkek eskalierte der Konflikt der Bevölkerungsgruppen erneut. Als der gestürzte Präsident Bakijew sich vergangene Woche in seine Heimat im Süden zurückzog und von dort aus versuchte, sich erneut an die Macht zu putschen, scharten sich vor allem ethnische Kirgisen um ihn, Teilnehmer von Gegenkundgebungen zur Unterstützung der Übergangsregierung indes waren fast ausnahmslos Usbeken.

ND-Karte: Wolfgang Wegener

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