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Die Visualisierung des Grauens

Der Dokumentarfilm »La Isla« beschreibt das staatsterroristische Regime in Guatemala

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Vor wenigen Tagen hatte »La Isla« in Guatemala Premiere. Der Dokumentarfilm des deutschen Regisseurs Uli Stelzner thematisiert die Verbrechen des Bürgerkriegs, der 1996 endete. Als erster Regisseur ist es Stelzner gelungen, im 2005 wiederentdeckten Archiv der Nationalpolizei zu recherchieren. Basierend auf dem historischen Material ist ein Film im Zeichen der blutigen Vergangenheit des mittelamerikanischen Landes entstanden. Über den Film, dessen Hintergründe und Wirkung hat Knut Henkel mit dem 1961 geborenen Regisseur gesprochen.
Dokumente des guatemaltekischen Staatsterrors
Dokumente des guatemaltekischen Staatsterrors

ND: Bis zum Schluss hat man die Premiere von »La Isla« in Guatemala Stadt verhindern wollen. Was ist passiert?
Stelzner: Es gab einen Bombenalarm, Spezialeinheiten rückten an und haben das ganze Theater abgesucht. Gegenüber der Presse wurde Stillschweigen vereinbart, um die ganze Sache nicht unnötig aufzubauschen. Zudem wurde drei Stunden vor der Vorführung ein Stromaggregat in die Luft gejagt, so dass man mit einem Notaggregat überbrücken musste. Da waren schon einige Hundert Besucher inbeziehungsweise rund um das 2500 Besucher fassende Theater versammelt. Das war der Grund, weshalb die Premiere dann auch durchgeführt wurde. Die folgenden Vorführungen am Samstag und Montag verliefen dann aber sehr ruhig und der Andrang war beachtlich. Viele Jugendliche, es gab viel Diskussionsbedarf und der Film hätte noch eine Woche weiterlaufen können, denn der Bedarf an derartigen Dokumentarfilmen über die eigene Geschichte scheint durchaus da zu sein.

Uli Stelzner
Uli Stelzner

Haben Sie eine Vermutung, wer dahinter stecken könnte, wer ein Interesse haben könnte, dass Ihr Film nicht gezeigt wird?
Darüber kann man nur spekulieren. Allerdings ist es vor der Vorführung immer wieder zu Äußerungen gekommen, dass der Film Teil einer Kampagne gegen Ex-General Otto Pérez Molina sei. Deshalb hat es auch Gespräche zwischen der deutschen Botschaft, den Vertretern Molinas von der patriotischen Partei, Partido Patriota, und der Regierung gegeben, die sich darauf verständigt haben, keine Grußworte zu sprechen, um nicht für zusätzliche Spannungen zu sorgen.

Hat es direkten Kontakt zur Partido Patriota, einer extrem konservativen Partei, gegeben?
Ich bin von einem Abgeordneten angerufen worden, der eine Kopie des Films im Vorfeld haben wollte. Das habe ich verneint.

Warum das Interesse von Pérez Molina und Co.?
Letztendlich kommt ja nicht nur Otto Pérez Molina in dem Film vor, sondern auch die Todesschwadronen im Bild und mit vollem Namen. Das ist brisant und daher nicht im Interesse der Partido Patriota. Aber auch Ex-Präsident Efraín Ríos Mont hat wenig Interesse an der Aufarbeitung der Geschichte, und er taucht im Film mit ziemlich hanebüchenen Zitaten auf.

Wie konnten Sie überhaupt im Archiv drehen?
Die Leute, die in dem Archiv arbeiten, kannten meine früheren Arbeiten wie »Testamento« und so bekam ich dann relativ schnell die Zusage von Ihrer Seite.

War auch eine offizielle von Seiten der Regierung nötig, um »La Isla« in Szene zu setzen? Schließlich handelt es sich um das Archiv der Nationalpolizei mit den Dokumenten des Grauens – Unterlagen, die Menschenrechtsverletzungen von Politikern, Polizisten und Militärs belegen, die teilweise noch im Amt sind.
Ursprünglich kam das grüne Licht von der Leitung des Archivs, das wiederum der Menschenrechtsbehörde untersteht, die später – kurz vor Drehbeginn – die formelle Genehmigung erteilte. Wir haben uns bemüht die Stimmung dieses geheimen Archivs, das in einem Kerker untergebracht war, wo auch gefoltert wurde, einzufangen. Letztendlich haben wir uns entschieden, im Gebäude zu bleiben und das Archivmaterial an die Wände zu projizieren. Dabei haben wir auch auf externes Archivmaterial zurückgegriffen, um das Funktionieren dieses Terrorapparats darzustellen.

Klingt erstmal recht trocken …
Ja, aber wir haben schließlich auch noch die Interviews mit den Protagonisten zweier Generationen und einem Mitarbeiter des Innenministeriums, wodurch ein visuell durchaus attraktiver Film entstanden ist. Das haben wir mit live eingespielter Musik noch abgerundet. Unser Cellist hat sich die Interviews angehört und dann dazu improvisiert. Wir haben uns also bemüht, den Film auch erlebbar zu machen, und am Ende gibt es einen Rap, der den Film noch einmal Revue passieren lässt – so funktioniert der Film.

Was für ein Ziel verfolgen Sie mit dem Film?
Für uns bot der Film die Möglichkeit, der jungen Generation in Guatemala die eigene Geschichte nahe zu bringen. Die Dokumente tragen Stempel, es sind Beweise des Staatsterrors, da gibt es keine Ausflüchte über das, was sich zugetragen hat. Dadurch wird klar, wer dafür die Verantwortung trägt. Als Regisseur bin ich glücklich, über ein Ereignis zu arbeiten, welches im nationalen Bewusstsein verankert ist und das wir versucht haben, zu visualisieren. Das kann in den Schulen verwendet werden, in der Zivilgesellschaft und ist vielleicht auch interessant für internationale Festivals – auch für Deutschland. Ziel ist es eben auch klar zu bekommen, wie perfide so ein staatsterroristischer Apparat funktioniert hat.

Wann kann man »La Isla« in Deutschland sehen?
Anfang Mai in München wird er auf dem Dokumentarfilmfestival laufen, aber er hat bisher noch keinen Vertrieb und keinen Sender.

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