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Wahrnehmung und Wissen

Was uns die Aga Khan-Sammlung sagt – Berliner Brückenschläge zum Islam

  • Von Harald Kretzschmar
  • Lesedauer: 5 Min.

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Drachenkelch mit Edelsteinschale, Mogulindisch, 16.–17. Jahrhundert, Bronzefassung und Marmorbasis: frühes 19. Jahrhundert © Aga Khan Trust for Culture, Geneva, Switzerland
Drachenkelch mit Edelsteinschale, Mogulindisch, 16.–17. Jahrhundert, Bronzefassung und Marmorbasis: frühes 19. Jahrhundert © Aga Khan Trust for Culture, Geneva, Switzerland

Berlin ist in Islamfragen bekanntlich nicht von gestern. Indem wir hier mit Menschen aus orientalischen Ländern mehr als anderswo zu tun haben, nehmen wir offen ihre Kultur wahr. Das geht mit einer allmählichen Veränderung unserer Wahrnehmung einher. Nur aus europäischer oder gar nur westlicher Sicht Weltkultur zu betrachten und einzuordnen, ist unmodern geworden. Und das ist gut so.

So durften wir bereits von November vergangenen Jahres bis Januar im Martin-Gropius-Bau die Ausstellung »Taswir / Islamische Bildwelten und Moderne« erleben, die einen kühnen Sprung aus der hermetischen Bildvorstellung einer Religion wagte – hin zu vielerlei historischen und aktuellen Assoziationen. Das Beste daran war die nicht nur räumliche Nachbarschaft zur Übersicht »Istanbul Modern Berlin« mit türkischen Kunstwerken von 1928 bis 2008 im selben Haus zur gleichen Zeit. Diese war mit einer Übersicht, erstens, über weibliche und, zweitens, über kritische Arbeiten aus Istanbul in beiden Häusern der Akademie der Künste verknüpft. All dies bewies eine aufsehenerregende Übereinstimmung neuer Bildvorstellungen mit Tradiertem und vermittelte eine komplexe Sicht auf die Welt.

Auf diese Weise ist unsere Neugier auf immer reicheres Anschauungsmaterial aus einer Folge von Jahrhunderten geweckt. Das »Islamische an sich« wird dabei gegenüber ganz alltäglichen anderen Kunstäußerungen immer wieder dominieren. Eine wiederum im Martin-Gropius-Bau gezeigte Sammlung eröffnet uns völlig andere Einblicke. Der 74-jährige Karim Aga Khan IV hat sie zusammengetragen. Ein enormes Vermögen und die Stellung als geistiges Oberhaupt der Ismailiten ermöglichten ihm die Gründung eines Museums, das 2011 im kanadischen Toronto Platz finden soll. Wir gewinnen Einblick in eine Schatzkammer, die mit über 200 Exponaten vom Reichtum an Ornament und Arabesken, an Kalligrafischem und Dekorativem überquillt. Die gründliche Kommentierung skizziert die zeitlichen Abläufe der prägenden Dynastien. Von Umayyaden über Fatimiden zu Mameluken und Osmanen. Was wissen wir darüber hinaus von Safawiden und Kadscharen, Timuriden und Abbasiden? Hier wird vieles ihrer Eigenarten anschaulich. Und mit Maghrib und Al Andalus reichte diese Bildwelt über die iberische Halbinsel hinweg einmal weit nach Europa. Wir dürsten danach, unsere Vorstellung von einer Kultur der Welt endlich mit dieser Flanke abzurunden. Da hilft uns am ehesten die Videoprojektion in der Mitte der Ausstellung. Zwei Bildflächen ergänzen sich: In rasender Kamerafahrt wird aus der Satellitenperspektive ein Ort rund um den Mittelmeerraum angepeilt, und daneben ersteht in vertikaler Projektion ein monumentales Bauwerk von sakraler Bedeutung. Die ockerfarben aufgerissene Struktur der regionalen Erdoberfläche findet in der Fassadengestaltung grandioser Moscheebauten ihre Entsprechung. Plötzlich finden wir im Moscheedach von Isfahan das Vorbild für Scharouns Außenhautgestaltung der Berliner Philharmonie. Und spüren eine ungewohnte Nähe auf den ersten Blick ungewohnter Ausdrucksmittel.

Die Erkenntnis, wie kulturschöpferisch die disziplinierende Wirkung eines Rituals sein kann, überrascht. Die hier herrschenden ästhetischen Prinzipien verlangen eine Unterordnung, die ein westlicher Freiheitsbegriff als Unterwerfung unter eine Diktatur denunzieren mag. Doch Kalligrafie wie Ornament schwelgen in der pflanzlichen Symbolik gewachsener Strukturen. Ja, Natur ist abstrahiert. Jenseits vom Gegenständlichen und Figürlichen. Was über die Fläche hinaus plastisch-räumlich wirkt, bewahrt als Gefäßform Nahrung und Labsal sowie als Raumgestalt die geistige Dimension einer Anbetung der Schöpfung. Ideal.

Bedenken wir, dass diese Kultur nicht tot ist wie unser vergangenes antikes Erbe, sondern sich kontinuierlich weiterentwickeln kann, dann stellt sich die Frage nach einer weniger dem kultischen Ritual einer Religion verpflichteten Kunst. Literatur und Film sind vorangegangen und stellen Fragen nach der künstlerischen Wiedergabe menschlicher Verhaltensweisen. Der türkische Nobelpreisträger Orhan Pamuk setzt sich in seinem Roman »Mein Name ist rot« kritisch mit den immer wieder inkonsequenten Abbildungsverboten des Islam-Mittelalters auseinander. So etwas wie Menschendarstellung zeigt sich als lockeres Beiwerk in mancher Koranhandschrift und mancher höfisch geprägten Miniatur bei Exponaten der Aga-Khan-Auswahl. Der Duktus beschwingtester Schriftzeichen – ob nun als Federzug oder Relief oder Stickerei – vermittelt im Vergleich dazu eine fantasievollere Emotionalität.

Dieselbe wird sofort gebremst, wenn allzu herkömmliche Sichtweisen das Blickfeld schon wieder einschränken. Das im oberen rechten Trakt des Berliner Pergamonmuseums über der Prozessionsstraße von Babylon beheimatete Museum für Islamische Kunst ist vor allem durch seine wundersam großzügig gestalteten Gebetsteppiche und die originale meterlange Wüstenschloss-Kulisse berühmt. Hinter Letzterer verbergen sich drei relativ kleine, erst seit Kurzem für Gastausstellungen genutzte Räume. Dort wird nun ein Einblick in die als Keir Collection bekannte Sammlung des 92-jährigen Edmund de Unger gewährt. 112 Exponate, oft im Miniformate. Klein, aber fein, könnte man sagen.

Doch hier bestimmte allzu viel Zufall das »Sammlerglück« (wie die Schau auch heißt). Textil, Metall und Papyrus dominieren. Glas, Holz und Elfenbein fehlen. Auf Begleittexten und dem laufenden Video bezieht man sich mehr auf den Sammler als das Gesammelte. Eine solide optische Information ist ohnehin nicht die Stärke dieses Museums. Die Beschriftung selbst der eigenen Exponate verschwindet im Halbdunkel. Die Staatlichen Museen zu Berlin stehen fast auf der Schwelle eines imaginär geplanten Humboldt-Forums, und haben alles andere als moderne Richtwerte für Ausstellungskonzeptionen. Auf den Stufen des Pergamonaltars lümmeln sich müde Jugendgruppen. Fragt man nach Informationen, herrscht ein mürrisch abweisender Ton. – Die Konkurrenz schläft nicht. Wer islamische Bildwelt erkunden will, ist in der Niederkirchnerstraße besser aufgehoben als am Kupfergraben.

Schätze des Aga Khan Museum. Meisterwerke der islamischen Kunst. Martin-Gropius-Bau, bis 6. Juni Mi-Mo 10-20 Uhr

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