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»Organisiert sind wir die Mehrheit«

Buch zu einem Treffen von Frauen in Chiapas

  • Von Kirsten Achtelik
  • Lesedauer: 3 Min.

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5000 Frauen und Männer aus aller Welt trafen sich Ende 2007 im mexikanischen Lakadonischen Urwald auf Einladung der zapatistischen Frauen.

Auf einmal waren die Rollen umgekehrt: Die Frauen sprachen, kümmerten sich um die Technik und übersetzten, während die Männer auf die Kinder aufpassten, Holz holten und die Klos putzten. Auf dem »ersten Treffen zapatistischer Frauen mit den Frauen der Welt« waren die zapatistischen Frauen die Protagonistinnen. Sie erzählten von ihrer Unterdrückung, dem Kampf dagegen und ihren Erfolgen. Sie riefen alle Frauen auf, sich gegen Neoliberalismus und Patriarchat zu organisieren. Männer waren zu der dreitägigen Begegnung explizit eingeladen, allerdings unter der Voraussetzung, dass sie nur zuhören und nicht reden.

Über dieses Treffen in Chiapas ist nun eine Dokumentation erschienen, herausgegeben von der Münsteraner Gruppe Zwischenzeit. In dem Buch und auf der beiliegenden DVD sind Reden der Aktivistinnen dokumentiert, in denen die Entwicklung und die Fortschritte in den Lebensbedingungen dargestellt werden.

Der Prozess der Befreiung

Vor dem zapatistischen Aufstand im Januar 1994 wurden die Indigenas »wie die Tiere« behandelt, wie Compañera Rosa Linda auf dem Treffen berichtete. Oft kam es zu Vergewaltigungen durch Großgrundbesitzer. Mädchen konnten sich ihre Partner nicht selbst auszusuchen, sie wurden von ihren Vätern zwangsverheiratet.

Die Unterdrückung war also eine dreifache: als Arme, als Indigenas und als Frauen. Das Wort von Frauen war nichts wert, auch nicht innerhalb der eigenen Gemeinden. Daher waren viele Frauen erstaunt, als die Zapatistas zu ihnen kamen, um sie zu organisieren. So beschrieb Comandanta Maribel den Prozess der Bewusstwerdung von Sklaverei und Unterdrückung. Frauen gingen als Kämpferinnen in die Berge und übernahmen Organisationsaufgaben. Dadurch änderte sich ihr Selbstbewusstsein und das Verhältnis zwischen Frauen und Männern. Dies führte zu Forderungen nach Frauenrechten innerhalb der EZLN, auch gegen den Widerstand der Genossen.

Bereits 1993 wurde das Revolutionäre Frauengesetz beschlossen, das Frauen verschiedene Rechte garantiert, z. B. sich am Kampf zu beteiligen und selbst zu entscheiden, wie viele Kinder sie bekommen wollen. Diese sind abgeleitet aus dem alltäglichen Leben der Frauen in Chiapas und Mexiko und muten westlichen Feministinnen teilweise seltsam an, wie das Recht auf Familienplanung ausschließlich für verheiratete Frauen, oder das Recht, die eigenen Gefühle auszudrücken, da Frauen sensibler seien. Hier ist es nicht hilfreich, wie häufig geschehen, den Zapatistinnen vorzuwerfen, sie würden vornehmlich »feminine« und keine wirklich feministischen Forderungen stellen. Gegenseitiges Zuhören und miteinander reden, wie auf dem Treffen Ende 2007, kann auf allen Seiten für mehr Verständnis der jeweiligen Situation sorgen und Reflexionsprozesse auslösen.

Die Dokumentation ist ein wichtiger Beitrag zur neozapatistischen Bewegung. Zu häufig blenden westliche AktivistInnen aus falsch verstandener Solidarität Konflikte aus. Das Buch zeigt, dass (Selbst-)Befreiung nicht auf einheitlichem und gradlinigem Weg, sondern nur durch Auseinandersetzungen, auch mit eigenen GenossInnen erreicht werden kann.

Zwischenzeit e.V.: Das Recht glücklich zu sein. Münster 2009, 16 €.
Internet:zwischenzeit-muenster.de

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