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Der günstige Augenblick

Die Malerin Silke Höppner – eine Ausstellung in Dresden

  • Von Sebastian Hennig
  • Lesedauer: 4 Min.
Ein Ölgemälde von 2007: »Italienischer Platz«
Ein Ölgemälde von 2007: »Italienischer Platz«

Wieder ringt die Kunststadt Dresden mit ihrem Mythos: Der Kunstpreis wurde eben erst mit der Professorin Elke Hopfe an eine ausgewiesene Kapazität vergeben. Junge, alte und längst verstorbene Maler werden in Ausstellungen über ihre zufälligen Akademie-Professoren definiert. Einmal verlegen-ironisch, wie bei »Alle gegen Kerbach« in der Galerie Zanderkasten, ein andermal mit kunstwissenschaftlichem Ernst, wie bei den Einzelausstellungen der hundertjährigen »Dix-Schüler« Kurt Sillack, Erika Streit, Gussy Hippold. Den Loschwitzer Schönmalern Johannes Beutner und Hans Jüchser sind ausführliche Retrospektiven gewidmet. Das alles wirkt gespenstisch wie in E. T. A. Hoffmanns »Der goldene Topf«, wo der leblose Zierrat einer Teekanne, eines Türklopfers im Lichte der Sehnsucht und Fantasie neues Leben gewinnt. Das dem flüchtigen Blick das gegenwärtige Schaffen vielleicht enttäuscht, entbindet nicht von der Aufgabe hier genauer hinzuschauen, nötigenfalls zu suchen.

Zwischen der abstoßenden Koketterie der jungen Kunstmarktlieblinge und den in ihrer Pfründe gestrandeten alten Wilden arbeiten, wie immer, ernsthafte, kritische und vor allem talentierte Künstlerpersönlichkeiten an der Ehrenrettung, auch der Dresdner Kunst. Erst wenn Schall und Rauch sich verzogen haben, wird sichtbar werden, was wirklich gemalt und was mit Mitteln der Malerei behauptet wurde.

Dazu gehört Silke Höppner (»Ralf-Kerbach-Schülerin«), die bisher durch nobel inszenierte Radierungen und melancholische monochrome Malereien hervorgetreten ist. 2001 erhielt sie dafür den Ernst-Rietschel-Preis. Eine Reihe großformatiger mehrfiguriger Ölbilder reifte in den letzten Jahren in ihrem Atelier im Dresdner Künstlerhaus heran. In einer Ausstellung in der Sächsischen Landesärztekammer werden sie nun das erste Mal öffentlich.

Wer wie sie in den neunziger Jahren auf der Brühlschen Terrasse studiert hat, konnte seine persönlichen Erfahrungen machen mit der beugsamen Künstlerprofessorenschaft Radebeuler und Loschwitzer Provinienz. Die unvermutete Anwesenheit leibhaftiger Maler in der Gemäldegalerie Alte Meister redete eine klarere Sprache als die ratlosen Bemerkungen, die der strebende Student in den Ateliers der Hochschule vernehmen durfte. Wenn der eine oder andere Absolvent sich nun als Schüler von diesem oder jenem Professor deklariert, dann bedeutet das mehr pragmatische Mimikry innerhalb des regionalen Kunstgeschehens, als es tatsächliche Nachfolge sein kann. Die ist im Methodischen bei der bildenden Kunst ohnehin fragwürdig. Allenfalls kann das Beispiel erziehen.

Das gilt nicht nur für die staatlich alimentierten Meisterklassen, sondern auch im Verhältnis zu den Alten Meistern. Deren geistige Haltung, ihr Vermögen, Schwerwiegendes leicht vorzutragen und Vergänglichem erstaunliches Gewicht zu verleihen, scheint Silke Höppner an den Venezianern und Spaniern des 16. und 17. Jahrhunderts gefesselt zu haben. Wie vor achtzig Jahren der Überdruss an der routinierten Wildheit des Spätexpressionismus einige Dresdner Künstler zum Studium der Maltechnik der Altdeutschen veranlasste, wendet sich Höppner Tizian, Tintoretto oder Velasquez zu. Dabei ist ihre Aneignung keine äußerliche, ikonografische. Der höfische Stil mit Halskrausen, geschlitzten Ärmeln und Stulpen hat längst geschmeidigen und unauffälligen Anzügen Platz gemacht. Auch aus der Montur der Soldaten ist mit dem ritterlichen Geist die markante Färbung gewichen. Allenfalls bei Mannschaftsspielen wie Fußball und Hockey signalisieren die Farben Zugehörigkeit. Feldgrau und Camouflage haben die kräftigen Kontraste abgelöst.

Bernhard Kretzschmar malte vor fünfzig Jahren einen Demonstrationszug auf der Augustusbrücke mit bunten Fahnen und Transparenten, wie weiland Velasquez die Umhänge, Barette und Halskrausen, als Signale der Farbgebung einsetzend. Heute kursieren die bizarren Bestandteile und Wirkstoffe der Trachten erneut im Alltagsbild. So wie das Feierliche banalisiert ist, kann das Banale feierlich erglänzen. Wer an abgelegenen Orten einer Kohorte abgesattelter Fahrrad-Ritter im hautengen silbrigen Dress mit Kunststoff-Sturmhauben begegnet ist, der zweifelt nicht mehr an dieser Möglichkeit. Bis vor zwanzig Jahren waren die doppelstöckigen Dresdner Vorortzüge dunkelgrün und staubig. Inzwischen durcheilen die S-Bahnen als knallrote Bänder die Landschaft.

Auf einem der Bilder Höppners hängt ein dürres Männlein, leicht wie eine Flaumfeder und zäh wie eine Stahlfeder, in der Anspannung frühester hierophantischer Überlieferungen, im schweren Ornat, das wie ein Wehr die Energie zurückhält und aufspeichert. In listiger Ökonomie auf den Augenblick günstiger Kraftentladung harrend.

Sollte es eine »Dresdner Schule« vielleicht doch geben? Nicht als Entscheidung, sondern als Schickung. Dann ist Silke Höppner inzwischen eine der wichtigsten Vertreterinnen geworden. Dresdnerisch ist diese zufällig durch den Ort des Geschehens, zur Schule möge sie vor allem für die Betrachter werden. Besonders für jene mit der hyperaktiven Optik. Dresdnerisch ist der Vorrang des Vortrages vor dem vorgetragenen Geschehen.

Bis 2. Mai in der Sächsischen Landesärztekammer, Schützenhöhe 16, Dresden, Mo-Fr 9-19 Uhr

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