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Höhere Weihen

Warum das Goldene Buch der Stadt Schwerin gefleddert wurde – die unglaubliche Geschichte des Wladimir Ischin

Dies ist die Geschichte eines doppelten Betrugs. So wie sie sich einst in der Bezirksstadt Schwerin zutrug, war sie wohl einzigartig in der DDR. Und doch erklärt sie sich gerade aus der offiziellen DDR-Gedenkkultur, aus einer ritualisierten Heldenverehrung, die den tatsächlichen Akteuren und dem wirklichen Geschehen zuweilen keinen Platz ließ. In Schwerin jedenfalls wurden seinerzeit im Grunde gerade jene beleidigt, um deren Ehrung es gehen sollte. Die Rede wird sein von Geschichtsklitterung, von ignoriertem Protest, von Obrigkeitsdenken – und dies nicht nur vor der Wende.
Aus dem Nichts aufgetaucht: Wladimir Ischin 1976 mit Schülern vor dem Schloss in der DDR-Bezirksstadt Schwerin
Aus dem Nichts aufgetaucht: Wladimir Ischin 1976 mit Schülern vor dem Schloss in der DDR-Bezirksstadt Schwerin

Es ist in beklagenswertem Zustand, dieses Goldene Buch der Stadt Schwerin. Das Wappen, einst goldfarben, ist fleckig, das rote Leder stumpf, vor allem aber: Es fehlen etliche Seiten. Mit einer Schere wurde das Buch derart gefleddert, dass eine weitere Verwendung peinlich gewesen wäre. Letzter Eintrag ist der Gruß einer Delegation aus Tallinn, Datum: 12. Juni 1989. Dann folgen mehr als hundert leere Blätter.

Im Schweriner Rathaus hat man sich natürlich längst ein neues Goldenes Buch zugelegt – das historische Exemplar liegt eingestaubt im Stadtarchiv am Schlossgarten. Doch die interessanteste Seite fehlt ohnehin, und selbst in Schwerin weiß schon jetzt kaum noch jemand von Wladimir Alexandrowitsch Ischin. Aber berichten wir von vorn.

Ihren Anfang nahm die Sache Mitte der 70er Jahre mit Aufrufen in der FDJ-Zeitung »Junge Welt« und ihrem Partnerblatt »Komsomolskaja Prawda«. Sowjetische Offiziere, die nach dem Sieg über Nazi-Deutschland in der sowjetischen Besatzungszone eingesetzt waren, wurden gebeten, sich in »ihren« Städten zu melden. Längst nicht überall waren die Namen derer noch bekannt, die nach der Befreiung durch die Rote Armee an den Schaltstellen der örtlichen sowjetischen Militärverwaltungen saßen und sich dort um den Wiederaufbau verdient gemacht hatten. »Auch in Schwerin«, sagt der frühere Stadtarchivdirektor Manfred Kriek, »wusste man 1976 nicht, wer wann sowjetischer Stadtkommandant war.« Der Sachse Kriek, Jahrgang 1930 und selbst lange Jahre Offizier, wird in dieser Geschichte noch eine entscheidende Rolle spielen. Schwerin war am 2. Mai 1945 kampflos von der US-Armee besetzt worden, dann folgten die Engländer, bevor am 1. Juli 1945 gemäß alliierten Vereinbarungen sowjetische Truppen übernahmen.

Es war Anfang Februar 1976, da traf in Schwerin eine kleine Delegation aus Berlin ein. Die Hauptperson trug eine respektable Tschapka aus edlem, dunklen Pelz. Ein freundlicher Mann von 57 Jahren, älter aussehend, stämmig, nicht gerade groß. »Ein ewig lächelnder Typ«, sagt Rainer Blumenthal. Er betreut heute das Stadtarchiv und ist dem Ehrengast in den 80er Jahren begegnet. »Und dieses Lächeln fiel besonders auf, weil er den Mund voller Goldzähne hatte. Ansonsten wirkte er sehr zurückhaltend.« Der Mann hieß Wladimir Alexandrowitsch Ischin, und er präsentierte sich den Schwerinern als der erste sowjetische Kommandant ihrer Stadt.

Später wird man fragen, welche Legitimation dieser Ischin damals eigentlich hatte. Möglich, dass er sich mit dem Zeitungsaufruf in der Hand bei sowjetischen Stellen gemeldet hatte und dort ohne viel Fragerei einen entsprechenden Propusk bekam, mit dem er dann in Berlin vorstellig wurde. Doch vielleicht war es auch so, wie Ischin Jahre später selbst schreibt: Als Mitglied einer Veteranendelegation habe er 1974 in Berlin den 1. Sekretär der SED-Bezirksleitung Schwerin kennengelernt und mit ihm über Schwerin gesprochen, »wo ich als Stadtkommandant eingesetzt worden war«. Beeindruckt habe sein Tischnachbar dann erklärt, dass »er den Genossen Honecker darüber informieren würde, was ich in der Vergangenheit getan hätte«. Später sei die Einladung nach Schwerin erfolgt. Fest steht: Als Ischin 1976 in Schwerin ankam, trug er bereits den Vaterländischen Verdienstorden der DDR in Silber am Revers – verliehen auf Vorschlag des ZK der SED, dessen Gast er zuvor in Berlin war. »Der hatte die höheren Weihen«, sagt Kriek. Da habe in Schwerin niemand mehr gefragt, zumal ja auch keine gegenteiligen Informationen über die Besetzung der Stadtkommandantur bekannt waren.

Und so trug sich Wladimir Ischin im Februar 1976 im Beisein der Stadtoberen als ehemaliger Stadtkommandant ins Goldene Buch von Schwerin ein. Unter anderem rühmte er »die örtlichen Parteiorgane, die es verstanden haben, dem kommunistischen Menschen die besten Eigenschaften anzuerziehen«. Die offizielle Stadtchronik vermerkte: »Als erster sowjetischer Stadtkommandant von Schwerin von August 1945 bis August 1946 förderte der jetzige Leiter eines Konstruktionsbüros in Perwomaisk im Gebiet Gorki (RSFSR) wesentlich den demokratischen Neuaufbau Schwerins.«

Wie oft Ischin später in Schwerin war, kann nicht mit Sicherheit gesagt werden. Fest steht, dass er mindestens noch zweimal als Ehrengast in die Stadt kam. Im Sommer 1985, zur 825-Jahr-Feier Schwerins, reiste er jedenfalls wieder an. »Er hatte ein sehr einnehmendes Wesen«, sagt Kriek. Er erzählt von teuren Gastgeschenken, die Ischin mit in die Heimat nahm – für den Transport nach Berlin sei ein PKW-Anhänger nötig gewesen. Verheiratet sei Ischin wohl nicht gewesen, und in der Heimat habe er immer mal wieder einen anderen Wohnort gehabt.

1985 war Ischin ebenfalls zunächst Gast des ZK, wie Schweriner Akten besagen. Später wurde von Einladungen zur Jagd berichtet, von einem Kurangebot. Ein Foto aus jener Zeit zeigt den weißhaarigen Ischin zwischen DDR-Pionieren. Er trägt ein Pionierhalstuch, die Zahl der Orden und Medaillen an seiner Brust ist weiter gewachsen. In der Zeitung ist zu lesen, er habe die Schüler aufgefordert, »ehrlich und fleißig zu sein«.

Auch etliche andere Termine gab es, aber dass der Ehrengast je auf dem Schweriner Friedhof der Opfer des Faschismus gewesen wäre und vor der Figur des trauenden Sowjetsoldaten einen Kranz niedergelegt hätte, ist nicht vermeldet. Aber vielleicht schreckte Ischin, der auch nicht in Uniform auftrat, vor einer solchen Beleidigung der bei der Befreiung gefallenen Kameraden dann doch zurück.

Noch zwei Jahre sollte es dauern, bis man dem Hochstapler auf die Spur kam. Manfred Kriek, der das Stadtarchiv Anfang der 80er Jahre übernommen hatte und seitdem auch viele verlotterte Akten aufarbeitete, stieß auf Originalbefehle sowjetischer Stadtkommandanten aus den ersten Nachkriegsjahren – ein Ischin tauchte nicht auf. Eine Anfrage in der Hauptarchivverwaltung beim UdSSR-Ministerrat erbrachte schließlich: Vom 12. Dezember 1945 bis zum 24. November 1949 war ein Oberst Tscheprassow Stadtkommandant in Schwerin. In den fünfeinhalb Monaten davor hatte die Stadt drei Kurzzeit-Kommandanten, auch unter ihnen kein Ischin.

Kriek informierte – es war der 9. September 1987 – den zuständigen Vizebürgermeister. Nur Stunden später erging die Order an den Historiker und seine Kollegen, absolutes Stillschweigen zu bewahren. Ischin stehe mit Honecker in Verbindung, hieß es. Wer den Schweigebefehl letztendlich gab – in Schwerin oder anderswo – ist unklar. Krieks Erkenntnisse jedenfalls wurden nicht bezweifelt.

Der Stadtarchivar schwieg, doch er ließ nicht locker. Er nahm Kontakt zu Tscheprassow auf, der sich freute, in Schwerin nicht vergessen zu sein. Kriek fand auch heraus, woher Ischin die Stadt und die damaligen Umstände kannte: Der Mann hatte 1945/46 für ein Jahr in der Sowjetischen Militärverwaltung Schwerins als Mitarbeiter für Landwirtschaft gearbeitet.

Umso empörter war man im Stadtarchiv, als der Hochstapler – er lebte inzwischen in der Ukraine – zu den Jubiläumsfeiern im Oktober 1989 erneut nach Schwerin eingeladen wurde: Ehrengeleit durch die Stadt, Ehrenplatz bei der Festveranstaltung im Schweriner Theater, die Goldene Ehrenadel der Stadt, wieder Gastgeschenke. Doch diesmal war nicht nur Ischin der Betrüger.

Drei Monate später, im Wendewinter, fand die Köpenickiade in den Farben der DDR ihr Ende. Kriek war an die Presse gegangen, die örtlichen Zeitungen berichteten über den Hauptmann von Schwerin. Der langjährige Oberbürgermeister wurde mit den Worten zitiert: »Mit Ischin haben wir eigentlich nicht ihn als Person, sondern die historische Leistung des gesamten Sowjetvolkes geehrt. Wem nützte es schon, Zweifel an Ischin aufkommen zu lassen?« Ein Betrüger als Stellvertreter für zu ehrende sowjetische Helden.

Am 2. Mai 1990, unmittelbar vor der ersten Kommunalwahl nach der Wende, beschloss der Rat der Stadt, dem falschen Kommandanten alle Ehrungen abzuerkennen. Man informierte den DDR-Ministerrat und die UdSSR-Botschaft offiziell über den Betrug. Ischin, der gerade noch Glückwünsche zum 1. Mai geschickt hatte, erhielt ebenfalls ein Schreiben, in dem er auch zur Rückgabe der Auszeichnungen aufgefordert wurde.

Das letzte Zeugnis des Hauptmanns ist ein ziemlich wirrer Brief von Ende Mai 1990. Darin bekräftigt er, Stadtkommandant gewesen zu sein. Und er denke häufig an »Wilhelm Pieck und Ulbricht, denen ich oft im Auftrag des Militärrates Lebensmittel im Koffer brachte«. Dann verliert sich Ischins Spur.

Doch damit ist die Geschichte nicht zu Ende. Die Streichung des falschen Kommandanten aus dem Goldenen Buch geriet selbst zur Farce. Beflissene Stadtangestellte haben im Wendeeifer mit der Ischin-Seite auch gleich die Einträge etlicher anderer Ehrengäste herausgetrennt – am Ende musste man ein neues Exemplar besorgen. Als am 2. Dezember 1990 der damalige Bundespräsident Richard von Weizsäcker verwundert vor einem völlig leeren Buch stand, wurde es noch einmal peinlich. »Da sagte von Weizsäcker doch vor laufenden Kameras, er hätte keine Probleme gehabt, sich hinter Gästen aus DDR-Zeiten einzutragen«, erinnert sich Stadtarchivar Blumenthal.

Dass man in Schwerin nunmehr sensibler mit Ehrungen umgegangen wäre, kann man auch nicht sagen. Mit Ludwig Bölkow erhielt nach der Wende ein Mann sogar die Ehrenbürgerschaft, der während der Nazi-Zeit maßgeblich am Bau eines Superflugzeuges für Görings Luftwaffe beteiligt war. Noch im April 1945 war Bölkow, der in der Bundesrepublik wieder zu den Profiteuren der Aufrüstung zählte, zusammen mit seinem Chef Messerschmidt von Hitler empfangen worden.

Der gebürtige Schweriner Bölkow – in den letzten Jahren beschäftigte er sich verstärkt mit Ökotechnologien – engagierte sich nach 1989 mit Geld und anderen Wohltaten in der Stadt. Er habe sich buchstäblich eingekauft, sagt Blumenthal.

Der Archivar, der einst zu den Aktivisten des Neuen Forums gehörte, machte damals vergeblich auf Bölkows gerade erschienene Autobiografie aufmerksam, die kaum Distanz zu seinem Tun in der Nazi-Zeit erkennen ließ. Trotz seiner Besuche in Konzentrationslagern, deren Häftlinge für die Flugzeugindustrie arbeiten mussten, habe er ja »nichts von den wahren Zuständen in den KZs mitbekommen«, schreibt Bölkow. Ausführlich wird von Hitlers Augen geschwärmt, und stolz davon berichtet, wie »wir Messerschmidt-Leute« im Frühjahr 1945 in die Berge geflohene Angehörige der Waffen-SS unterstützten.

Die Ehrenbürgerschaft bekam Bölkow – auch mit Stimmen der PDS, wie sich Blumenthal erinnert – im Jahr 2000 dann ausgerechnet am 27. Januar, dem Tag der Befreiung von Auschwitz. Mit Bölkows Tod im Juli 2003 ist diese Ehrenbürgerschaft dann zwar erloschen, doch auf der Webseite der Stadt firmiert er weiter unter der Rubrik »Einer von uns«. Und im Industriepark Göhrener Tannen heißt eine Straße nach ihm. Der Mann war ja schließlich kein Hochstapler.

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