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Ständig unter Strom

Das ADHS-Syndrom ist zum Massenphänomen geworden

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Sie können sich kaum konzentrieren und stehen ständig unter Strom: Rund 600 000 Kinder leiden in Deutschland an der Aufmerksamkeitdefizit-Hyperaktivitätsstörung (ADHS). Vor dem Rückgriff auf Medikamente sollten Eltern möglichst mit einer Verhaltenstherapie versuchen. Doch die ist schwer zu bekommen.
Ob heutzutage mehr Kinder zappelig sind als früher, weiß Manfred Döpfner nicht. Vorsichtig spricht der Kinder- und Jugendpsychotherapeut der Uniklinik Köln von einer »erheblichen gefühlten Zunahme von ADHS«. Dass die Diagnose häufiger gestellt werde, kann auch heißen, dass diese Kinder heute eher gefunden werden, betont er. »Aber man muss aufpassen, dass ADHS nicht zur Modediagnose verkommt.«

Weil es vielerorts an Kinder- und Jugendpsychiatern mangelt, sind die meisten Diagnosen von Haus- und Kinderärzten. Viele von ihnen haben weder das Wissen noch die Zeit für die oft aufwendige Untersuchung. Denn dabei klärt der Arzt zunächst, ob die Kinder situationsübergreifend hyperaktiv, impulsiv und unkonzentriert sind – in der Familie ebenso wie in der Schule und beim Spielen. Zudem soll er organische Ursachen ausschließen und sich vor allem vergewissern, dass die Unruhe nicht von seelischen Problemen wie Depressionen oder Schlafstörungen herrührt. »Die meisten Kinder haben viele andere Probleme«, sagt der Kinder- und Jugendpsychiater Aribert Rothenberger vom Uniklinikum Göttingen. »Deshalb braucht man für die richtige diagnostische Zuordnung oft mehrere Stunden.«

Bei den meisten Kindern raten die Leitlinien zu einer Verhaltenstherapie und vor allem zum Elterntraining. »ADHS ist eine Störung der Selbststeuerung«, erläutert Döpfner. »Diese Kinder brauchen eine erhöhte Außensteuerung mit klaren Regeln, die auf positive Anreize setzen sollte. Eltern sollten nicht mit Lob und Anerkennung sparen.« Psychopharmaka wie das Stimulans Methylphenidat sollen dagegen nur in schweren Fällen zum Einsatz kommen – wenn der Verbleib in der Schule gefährdet ist, die Familie zu zerbrechen droht oder andere Therapien erfolglos bleiben. Kritiker bemängeln, die Arzneien würden zu lax verschrieben. Tatsächlich stieg die Zahl der Methylphenidat-Rezepte in Deutschland zwischen den Jahren 1990 und 2008 von 300 000 auf 50 Millionen Tagesrationen.

Döpfner schätzt, dass rund 40 Prozent der kleinen ADHS-Patienten Medikamente nehmen, meist Methylphenidat. Der Wirkstoff, der in den Dopamin-Haushalt des Gehirns eingreift, lindert bei drei von vier Kindern die Symptomatik. Aber das Mittel hemmt mitunter den Appetit oder stört den Schlaf. Und weil es auch den Blutdruck steigern und das Wachstum bremsen kann, sollen Ärzte jährlich prüfen, ob die Arznei noch nötig ist. Schon in der Pubertät können viele Heranwachsende darauf verzichten, doch jeder dritte Patient nimmt das Stimulans bis ins Erwachsenenalter.

Auch eine medikamentöse Therapie sollte von einer Verhaltenstherapie begleitet werden. Aber gerade dies ist problematisch. Es scheine »deutlich schwieriger, eine Verhaltenstherapie für das betroffene Kind zu erhalten, als ein Medikament zu verschreiben«, bemängelt der Sachverständigenrat Gesundheit. Therapieplätze seien oft nicht verfügbar oder mit langen Wartezeiten verbunden. Rothenberger bestätigt diese Kritik: »Kinder müssen sehr lange auf Plätze für eine Verhaltenstherapie warten«, sagt er.


Ursachen von ADHS

Neurobiologen vermuten einen Mangel des Botenstoffs Dopamin im synaptischen Spalt zwischen zwei Nervenzellen. Verantwortlich dafür ist eine erhöhte Aktivität des Dopamin-Transporter-Proteins, das den Signalstoff aus dem Spalt zurück in die Nervenzellen pumpt. Der Wirkstoff Methylphenidat blockiert das Protein, so dass mehr Dopamin im synaptischen Spalt verbleibt. Zwillingsstudien deuten darauf hin, dass Erbanlagen das Erkrankungsrisiko zu rund 70 Prozent beeinflussen. Hinzu kommen Umwelteinflüsse. Sehr früh geborene Kinder sind extrem gefährdet. Auch der Konsum von Alkohol und Nikotin während der Schwangerschaft steigert die Wahrscheinlichkeit, ebenso Umweltgifte wie etwa Blei. Aufsehen erregte eine Studie im renommierten Fachblatt »The Lancet«: Demnach können Lebensmittelzusätze wie etwa Farbstoffe bei Kindern Unruhe und Konzentrationsschwäche fördern. wwi

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