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Wenn dann alle Zeit nur noch Frist ist

Uraufführung am Centraltheater Leipzig: »Paris, Texas« von Sam Shepard, Wim Wenders, Sebastian Hartmann

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 7 Min.
Heike Makatsch mit Hagen Oechel
Heike Makatsch mit Hagen Oechel

Die Wüste lebt, wenn ein Mensch darin verdurstet. Wim Wenders' großer Film »Paris, Texas« (1984) beginnt mit einem Blick über die Weite der texanischen Wüste, eine Einladung zum Verdursten; dann der Blick auf einen Menschen, der in Gefährdung steht, diese Einladung anzunehmen.

Ein langer Zug aus einem Wasserkanister, der Mann trinkt die letzten Tropfen, dann nur noch die Luft aus dem Behältnis. Als lösche auch sie den Durst. Aber hier löscht alles nur alles und jeden aus. Doch der Mann wird im letzten Moment gefunden werden, er wird zu Malt, seinem Bruder, und dessen Frau Anne kommen. Ein Schock. Für beide, denn Travis ist seit vier Jahren vermisst, ein Totgeglaubter, verschwunden, wie auch dessen Frau Jane – beider Sohn, der kleine Hunter, lebt bei Malt und Anne, sie wurden ihm Eltern. Nun ist der Totgewähnte wieder da, ein beharrlich Stummer, Ausgelaugter, Stierender, ein lebender Leichnam.

Er wird schweigen, spät erst sprechen, mühsam, wenig, und er wird mit Hunter auf die Suche nach dessen Mutter gehen, und er wird sie in einer Peepshow finden, und er wird ihr durch die Glasscheibe (er sieht sie, aber sie nicht ihn), per Tischtelefon, beider Geschichte erzählen. Er wird Mutter und Sohn zusammenbringen und selbst aus der Erzählung gehen. Aber anders, als er schon einmal ging. Jetzt nicht als Schuldiger, Verzweifelter, Gejagter, jetzt als einer, der die Dinge in Schwebe hält zwischen Ende und neuem Anfang.

Sebastian Hartmann hat im Centraltheater Leipzig den Film von Wim Wenders und Sam Shepard auf die Bühne gebracht. Eine Bühne mit großem goldbesetzten Vorhang, als sei das Theater ein Kino. Wenn er sich öffnet, wird ein kleinerer Vorhang den Eindruck wiederholen. Zunächst aber steht vor diesem Vorhang Jane: Jene Peepshow-Szene, die den Film mit ergreifender Gleichzeitigkeit von Traurigkeit und Erlösung beschließt, bildet den Beginn von Hartmanns Inszenierung. Jane tastet sich mit routinierten Fragen an die Wünsche des soundsovielten fremden Besuchers heran, ahnt noch nicht, dass sie ihrem eigenen Leben nachzufragen beginnt, und Travis' Ja oder Nein kommt aus dem Publikum.

Schon dieser Anfang kennzeichnet Hartmanns Entscheidung, die Geschichte aufzubrechen, ihre Abfolge zu behandeln wie jede Wahrheit. Wahrheit kommt meistens nicht linear, sondern in Bruchstücken aus Ahnungen und beharrungsstarken Unbegreiflichkeiten ans Licht. Susanne Münzner hat hinter besagten Vorhang eine drehbare Container- und Verandalandschaft hingebaut, einen Drugstore der Unbehaustheit, die Szene überlegt ständig, ob sie zu Hopper oder Castorfs Bühnenbildner Bert Neumann will.

Hier plaziert Hartmann sein aufgekratztes Puzzle über die Zeit, über die elende Wucht des Versäumnisses, das uns anstachelt, den vertanen Gelegenheiten des Lebens hinterherzutreiben, als könne man Zeit anhalten – wenn man denn endlich begriffen hat, worauf es, vielleicht, ankäme. Immer wandelt sich der Wunsch, der fliegen kann, zur Wüste, in der die Füße bluten. Und immer ist die Liebe der Nachtrab zu dem, was aus ihr hätte werden können.

Die Geschichten, die wir einst von unserem Leben erzählen werden, wenn jene Zeit, die wir hatten, nur noch Frist ist – diese Geschichten werden die Umkehrung jenes landläufigen Kinderwunsches sein, alle, langweilige, zähe Gegenwart zu überspringen. Diese Erzählungen werden Vergangenheit beschwören und den heimlichen Glauben nähren, man könne doch noch einmal von vorn leben und nun ganz anders. Aber diese Welt wird uns nur immer sehnend groß, damit wir genügend Raum finden, darin zu verschwinden.

Jene schöne Trostlosigkeit, die wehe Melancholie und leidbeschwerte Güte, die der Film von Wenders ausstrahlt, hat Hartmann mit den Sprengsätzen seiner Regie ins grelle, knallige, schräge, gefühlsdämpfende Bild getrieben. Es nebelt aus den Gassen. Es wird um alle Ecken herumgerast. Es wird getaumelt und getanzt. Eine farbige junge Frau (Rosalind Baffoe) weitet die Begegnung mit dem verhärmten Travis zur furchtsamen Begegnung des Ursprünglichen mit dem Gespenstischen der Zivilisation. Ein fast erwachsener Sohn Hunter, von Hartmann hinzuerfunden (Maximilian Brauer), prescht in Abständen mit einem Vater-Sohn-Klassiker, Goethes »Erlkönig« herein; die letzten Zeilen rezitiert er vor dem kleinen Alter ego (Yusuf El Baz), »das Kind ist ...«, nein, dieses Kind hier lebt, das Wort vom Tod bleibt ihm also stecken, eine rührende Sekunde.

Der zur Sprache findende Travis verwüstet den Container bis hin zum letzten Barhocker, Steve Binettis Gitarre dröhnt, jammert, seufzt – die Musik vor allem muss den geradezu melodiösen Grundton der Filmbilder ersetzen, sie ist der Stimmungstank, aus dem der zweieinhalbstündige Abend seine berührenden Momente bezieht, dann, wenn die kühle Regiehand ihre Zugriffe lockert, weil sie sich selber ans gemeinte Herz greifen muss. Das führt sogar dazu, dass sich ein Song-Duett zwischen Binetti und Heike Makatsch, der Jane, schier zu einer kleinen Konzertpassage auskapselt. Und in Abständen zieht überm Container, geräuschhöllisch untermalt, ein hell leuchtendes Viereck auf oder geht nieder, Sinnbild einer apokalypischen Sonnenvariante, die das individuelle Leid in einen kosmischen Befund aus bevorstehender Vernichtung einbettet. Alles eine Frage der Zeit, die kommen wird. Dazu ein Verrückter (Manuel Harder), der vom Dach des Containers den Menschheits-Untergang brüllt.

Wie für Hartmann die Zeit nicht erledigt ist, die war, die den american way of life zu begründen half: John Ford und Co. auf mörderischer Leinwandjagd gegen Indianer. Starke Filmszene: ein Offizier in der Kutsche, der seine Frau erschießen will, um ihr die Indianer zu ersparen, lässt die Waffe an der Frauenschläfe sinken – er wurde soeben selbst erschossen. Da ist sie wieder, die Zeit, eine einzige, dauernde Verfehlung, das Willkür-Wüten der Sekunden, die ausreichen, um alles Gedachte, Geplante, Geträumte in andere Zusammenhänge zu stoßen. Der kleine Hunter steuert noch Bemerkungen zu Einsteins Relativitätstheorie bei, auch Heisenbergs Unschärfe kommt zu Wort.

Hagen Oechel ist ein schmalzäher, wie abwesend anwesender Travis, überm nackten Oberkörper nur die Jacke, Cowboyhut auf dem Kopf, erstaunlich seine Präsenz ganz aus bloßer Beobachtung und einer Unsicherheit heraus, die er in die Souveränität eines quasi Erdfremden einzuschmelzen weiß. Heike Makatsch ist Jane: von graziler Natürlichkeit, mit dem gewinnenden Lächeln der jungen Frau, die nur noch nicht weiß, dass sie vom eigenen Leben eingeholt wird. In den Videoszenen, die sie live in ihrer Show-Kabine zeigen, lässt sie Zerstörtheit und Narbenspur durchscheinen, etwas, das der Jane auf der Bühne ein wenig fehlt. Wer die Makatsch im Fernsehen als Margarete Steiff sah, weiß, dass sie das bestechend und ergreifend kann: bübischen Charme ins tief Gelebte wechseln.

Zu den großen Augenblicken der Aufführung zählt, dass Jane, als Travis ihrer beider Geschichte erzählt und sich selber also kenntlich macht, die Kabine, gleichsam das Video, verlässt und auf die Bühne kommt. Es ist die Geschichte einer großen Liebe, die an Eifersucht starb (Travis hatte Jane, um sie nachts unter Kontrolle zu haben, ein Glöckchen an den Fuß gebunden). Die Geschichte einer Liebe, die in Wohnwagen-Flammen endete (wer wollte hier wen töten?), Jane und Hunter weg, Travis wird in die Wüste rennen. Jane wird Hunter (Maximilian Brauer) zu Walt und Anne geben (Peter René Lüdicke, Birgit Unterweger), sie wollte das Kind nicht dazu missbrauchen, nur die Leere in ihrem eigenen Leben füllen zu müssen.

Dass Hartmann die Erzählung von Travis mit einem kopiegetreuen, also effektvoll auf Publikumsreaktionen zielenden Affentanz des älteren Hunter verbindet – es zerlacht eine der bezwingendsten Stellen der Geschichte und offenbart wohl die grundsätzliche emotionale Scheu der Regie. Der Fingerzeig auf ein dauerndes ironisches Weltverhalten. Schutzschildtheater. Als wolle er die besinnungsfreie Feier des Kreatürlichen gegen den Menschen setzen, der am Ende nur noch nacherzählen kann, was er lebte – und der doch der Einsame bleibt, der sich nicht verständigen, nicht verständig machen kann.

Zum Schluss tappert Travis vergreist in den Kreis aller Spieler, ebenfalls weißperrückte Zitter- und Stolperfiguren, die Zeit hat gesiegt, sie zernichtet allen Sinn, den die Geschichte machen könnte. Was bedeuten Leidenschaft und Sehnsucht und Liebe vor dem harten Urteil des unabweisbaren Verdämmerns, dem keiner entrinnt? Wenig, scheint die Aufführung zu sagen. Aber ihre ergreifenden Momente waren denn doch zu stark, um nicht zu vermuten, dass sie zugleich auf Widerspruch wartet.

Nächste Vorstellung: 11. Mai

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