neues-deutschland.de / 15.05.2010 / Seite 11

Adel des Alten

Dresden: Das Fr├╝hwerk Erika Streits

Sebastian Hennig
Selbstporträt mit roter Bluse, 1934 (Ausschnitt)
Selbstporträt mit roter Bluse, 1934 (Ausschnitt)

Die Ausstellung des Frühwerkes von Erika Streit setzt eine Reihe mit Werken der einstigen Studenten der Klasse Otto Dix an der Dresdner Kunstakademie fort. 2006 und 2007 wurden Willy Wolff und Ernst Bursche vorgestellt. Durch die Distanz zu den Dresdner Verhältnissen, die der Künstlerin dank ihres wohlhabenden Elternhauses möglich war, ist die Ausstellung besonders aufschlussreich. Gleich nach Kriegsende hat in Dresden die Mythenbildung eingesetzt, und die verschiedensten Impulse und Interessen durchkreuzten sich und vernebeln die Sicht auf jene Jahre bis heute. Gemälde von erstaunlicher Qualität entsteigen zuweilen diesem Dunst, wie jetzt die Ölbilder von Erika Streit.

Fritz Löffler hat sich 1982 mit einer maßgeblichen Monografie zum Anwalt der kunstgeschichtlichen Bedeutung von Otto Dix gemacht. Damit hat er zugleich indirekt den bequemen Fachkollegen die Kategorie der »Dix-Schüler« bereitgestellt. Ganz praktisch lässt sich da jeder einsortieren, der damals in dieser Klasse studierte. Ungefähr zeitgleich mit der Geraer Ausstellung »Dix-Schüler. Nähe und Distanz« war vor 15 Jahren im »Haus der Heimat« in Freital eine große Richard-Müller-Ausstellung zu sehen. Dieser ungeliebte, aber gleichwohl entscheidend prägende Hochschullehrer darf nicht außer Acht gelassen werden bei der Betrachtung des kurzen, aber heftigen Intermezzo altmeisterlich-sachlicher Manier im Dresden jener Jahre. Eine Wand ist ganz erfüllt mit großformatigen, kraftvoll-präzisen Zeichenstudien, die Erika Streit bei Richard Müller anfertigte. Darunter auch eine Kohle- und Rötelzeichnung von jenem schreitenden Skelett, das der Lehrer auf seinem Bild »Zeichenklasse der Akademie« (1920) wiedergibt. Dieses ist im Übergangsraum zur Dauerausstellung der Städtischen Galerie Dresden zu sehen, der sonst dem Kreis der Dix-Schüler gewidmet ist.

1910 wurde Erika Streit in der Duxer Gegend in Nordböhmen geboren. Ihr Vater war Spezialist für Braunkohlederivate. So ist die Familie aus der heimatlichen Schweiz in das Kohlerevier am Fuße des Erzgebirges gezogen. 1930 kann Streit das Studium an der Kunstakademie antreten. 1931 wechselt sie in die Klasse Dix. »Sitzender Frauenakt« (1932) zeigt das gleiche Modell wie Dix' »Vanitas« aus dem selben Jahr. Ungewöhnliche und spannungsvolle Körperhaltungen und Perspektiven verleihen ihren Darstellungen auch ohne Zuhilfenahme von Attributen oder Handlungen Lebendigkeit, so im Selbstbildnis, dem Porträt ihrer Freundin und dem Sitzenden Akt vor rotem Tuch. Im März 1933 unterschreibt sie mit sechs weiteren Studenten einen Brief an den nationalsozialistischen Studentenbund, in dem sie sich für den Verbleib ihres Professors an der Akademie einsetzten: »...wir zählen ihn zu den Aufgangskünstlern einer neuen deutschen Kultur.«

Im Elternhaus in Schwaz richtet sie sich 1933 einen Raum zum Malen ein. 1935 entsteht dort ein heute verschollenes Triptychon im Auftrag der Gemeinde Kutterschitz/Chuderice zum 85. Geburtstag des Präsidenten der Tschechoslowakischen Republik T. G. Masaryk. Mehrfach weilt sie zu Studienaufenthalten in Paris und bekennt: »Picasso lehne ich ganz ab – er ist mir zu krankhaft – natürlich ist er ein ganz großer Maler, aber ein zersetzender Teufel!«

Als Assistentin der Künstleranatomie an der Akademie präparierte sie unter anderem ein Zebra einen Schimpansen und menschliche Leichname. Einmal wurde sie darüber im Kühlraum vergessen, eingeschlossen. 1940 und 41 erhält sie jeweils eine »Anerkennung für Anatomie ohne Geldpreis«. Nach einer künstlerischen Krise machen sich neue Anregungen geltend. Sie stellt fest: »Altmeisterliche Malerei à la Dix (...) ist für uns unmöglich. Die jetzigen Mittel machen große Komposition unmöglich. Alles ist erschöpft und eine längst vergangene Kunst neu hervorholen – das ist unanständig.« (28. 3. 1941) Die wenigen Bilder aus dieser Zeit in einer gelösteren Primamalerei machen gespannt auf eine umfänglichere Darstellung der Wandlungen ihrer Kunst. 1943 übersiedelt die Familie Streit schließlich in die Schweiz. Seither lebt sie in Kilchberg bei Zürich. 1979 nimmt sie an der dortigen Kunstgewerbeschule noch einmal an einem Anatomie-Kursus teil, den der Dresdner Gastprofessor Gottfried Bammes leitet.

Ein zwanzigminütiges Gespräch mit der Neunzigjährigen aus dem Oral-History-Projekt »Archives de la mobilisation« zeigt sie munter erzählend. Gerne hätte die Jubilarin zu dieser Gelegenheit Dresden wieder gesehen, oder bei verlöschenden Augenlicht den Ort mindestens um sich gespürt, allein der Arzt wollte nicht zustimmen. Mit Unterstützung der Erika-Streit-Stiftung konnte zur Ausstellung ein ausführliches Katalogbuch vorgelegt werden.

Erika Streit. Das frühe Werk, bis 30. Mai, Städtische Galerie Dresden, Wilsdruffer Straße 2, Di-Do und Sa/So 10-18, Fr 10-19 Uhr