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Agdam – Geisterstadt im Niemandsland

Eine traurige Hinterlassenschaft des Krieges um Berg-Karabach

  • Von André Widmer, Stepanakert
  • Lesedauer: 6 Min.

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Gegen internationalen Protest wurde in Berg-Karabach am vergangenen Wochenende ein neues Parlament gewählt. Ein »schwerer Verstoß« gegen internationale Gesetze, wie es aus Aserbaidshan hieß, zu dem das Gebiet völkerrechtlich gehört. Faktisch wird es jedoch von armenischen Separatisten beherrscht – und die halten nicht nur das eigentliche Berg-Karabach besetzt.
Nur die Moschee ragt aus dem Ruinenfeld.
Nur die Moschee ragt aus dem Ruinenfeld.

Ausgerechnet dort, wo kein Fremder etwas zu suchen hat, steht ein Schild mit der Aufschrift »bon voyage« (gute Reise!). Hier, ausgangs Askeran, einer Ortschaft im völkerrechtlich zu Aserbaidshan gehörenden, aber armenisch besetzten Berg-Karabach, führt die Hauptstraße in unbesiedeltes Niemandsland, in militärisches Sperrgebiet.

Ein Bauer treibt sein Vieh durch Agdams leere Straßen.
Ein Bauer treibt sein Vieh durch Agdams leere Straßen.

Die Fahrt geht von Stepanakert, der Hauptstadt der international nicht anerkannten Republik Berg-Karabach, vorbei an zwei Militärbasen. »Ich riskiere eine Verhaftung«, hält Taxifahrer Robert demonstrativ fest. Doch für harte Währung fährt er. In der Ferne ist mittlerweile eine Eisenbahnbrücke zu sehen, kurz darauf ein muslimischer Friedhof. Dann ist die Stadt Agdam erreicht – oder was von ihr übrig geblieben ist.

Verlassen, zerstört, geplündert

Bis 1993 lebten hier noch rund 50 000 Menschen, fast ausschließlich Aserbaidshaner. Heute ist Agdam verlassen, eine Geisterstadt – eine Folge des Krieges um Berg-Karabach. Ein paar Kilometer hinter der Stadt liegt die Demarkationslinie zu Aserbaidshan. Flach wie ein Teller ist die Region an den Füßen zweier Hügelzüge. Die Bäume tragen noch wenige Blätter. Die frühlingshafte Vegetation erlaubt den Blick in die Ferne. Und dieser Blick ist ernüchternd: Ruinen, wohin das Auge reicht. Gebäude ohne Dächer. Häuserskelette, zerbröckelnde Grundmauern. Die Straßen sind längst nur noch Holperpisten. Agdam: verlassen, zerstört und geplündert.

1991 hatte die armenische Bevölkerungsmehrheit des auf aserbaidshanischem Territorium liegenden Gebiets Berg-Karabach ihre Unabhängigkeit erklärt. Daraufhin entbrannte ein erbitterter, blutiger Krieg zwischen den Paramilitärs der Karabach-Armenier und der aserbaidshanischen Armee. Schätzungsweise 30 000 Tote forderten die bewaffneten Auseinandersetzungen bis 1994. Die Armenier gewannen den Krieg. Sie besetzten aber nicht nur Berg-Karabach selbst, sondern fünf weitere aserbai-dshanische Bezirke außerhalb des Autonomen Gebiets, das zu Zeiten der Sowjetunion existierte. Dort lebten fast ausschließlich Aserbaidshaner. Insgesamt flüchteten über 550 000 Aserbaidshaner aus allen okkupierten Territorien, weitere 300 000 aus Armenien. In anderer Richtung flohen etwa 300 000 Armenier aus Aserbaidshan. Heute leben nur noch ungefähr 150 000 Armenier in Berg-Karabach, aber keine Aserbaidshaner mehr. Der Konflikt um den »schwarzen Garten«, wie der fruchtbare Flecken Karabach übersetzt heißt, sorgte für die größte ethnische Säuberung im Kaukasus nach dem zweiten Weltkrieg.

Es war der 23. Juli 1993, als die Stadt Agdam nach anhaltendem Beschuss fiel und ihre aserbai-dshanische Bevölkerung angesichts des bevorstehenden Vorrückens der armenischen Militärs floh. Die Sieger begründeten die Einnahme Agdams damit, dass Artillerie aus der Stadt in Richtung Askeran und Stepanakert geschossen habe. Denn strategisch günstig liegt Agdam, am Ende eines Tals.

Nach der Eroberung der Stadt folgte, was im Karabachkrieg Usus war: Häuser wurden angezündet, alles Brauchbare wurde gestohlen. Die Organisation Human Rights Watch schreibt in ihrem Report, der beide Seiten, mehrheitlich aber die Karabach-Armenier wegen ihrer Kriegsverbrechen geißelt, von einer unnötigen Zerstörung Agdams nach der Einnahme. Ein OSZE-Vertreter äußerte gar, dass die Verwüstung der Stadt nicht das Resultat von Aktionen undisziplinierter Soldaten gewesen sei, sondern einem wohl orchestrierten Plan der sezessionistischen Führungsriege gefolgt sein müsse. Auf gewissen armenischen Karten ist der Name Agdam heute nicht einmal mehr zu finden, nur noch eine Straßenabzweigung ist darauf eingezeichnet.

»Sicherheitsgürtel« und Handelsobjekt

Robert fährt mit seinem Taxi langsam durch die Ruinenlandschaft. In einer Straße ist ein jeepähnliches Gefährt zu sehen. Angst vor der »Milizija«, einer Kontrolle, kommt auf. Bloß nicht anhalten, die verdunkelten Fenster raufkurbeln! Gelegentlich durchqueren Fahrzeuge Agdam, auf dem Weg von einer armenischen Siedlung zu einer anderen. Diesen Schein möchte Robert wahren. Deshalb kommt ein Besuch des einzigen Gebäudes der Stadt mit unversehrtem Dach, der Moschee, nicht in Frage. Ein Blick aus der Ferne muss genügen. Wie ein Mahnmal ragt das muslimische Gotteshaus aus der Ruinenlandschaft empor, äußerlich von den Brandschatzungen der armenischen Soldaten verschont. (Aserbaidshaner sind größtenteils Muslime, Armenier meist Christen.)

Selbst jetzt, 16 Jahre nach Unterzeichnung eines Waffenstillstands, dauert die Plünderung Agdams an. Ein Metallhändler hat sich in der Stadt eingerichtet, Sein ganzes Areal ist mit gesammeltem Schrott übersät. Entlang der Straßen sind Gräben ausgehoben; sogar die Wasserleitungen wurden zur Weiterverwendung herausgerissen. In einer Seitenstraße ist ein Baumaterialtransporter zu sehen, auch Backsteine sind ein beliebtes Gut.

Die Regierung der »Republik Berg-Karabach« unternimmt nichts gegen die systematische Plünderung Agdams durch die eigenen Leute. »Die militärische Aggression Aserbaidshans hat die gesamte Infrastruktur in Berg-Karabach zerstört«, äußert der offiziellen Repräsentant Karabachs in Washington, Robert Awetisjan. Agdam habe wegen der dort befindlichen aserischen Artilleriestellungen leiden müssen, dafür seien die Aserbaidshaner selber verantwortlich. »Das Einsammeln von Metall und Baumaterialien lässt sich durch den Wiederaufbau der armenischen Siedlungen in unserer Republik begründen, die schließlich von den Aserbaidshanern zerstört wurden.« Diese von Privatpersonen ausgeführten Aktionen seien nicht systematisch organisiert und extrem schlecht zu überwachen, erklärt Awetisjan weiter. Und schließlich betrachtet Berg-Karabach die einst als »Sicherheitsgürtel« besetzten aserbaidshanischen Provinzen mittlerweile als integralen Bestandteil seines Territoriums. Nur die Gefahr eines Beschusses aufgrund der Nähe zur Demarkationslinie hält die Armenier vermutlich davon ab, Agdam zu besiedeln.

Ganz im Gegensatz zum Städtchen Schuscha, der früheren aserbaidshanischen Kulturhochburg in Zentralkarabach. Heute wohnen dort statt der ehemals 15 000 ethnischen Aseris rund 2000 Armenier. Die Ortschaft ist aber nur teilweise wieder aufgebaut, die Bevölkerung lebt Haus an Haus mit verlassenen Ruinen.

Auch in anderen Teilen der besetzten Gebiete sind Spuren des Krieges und der Entvölkerung allgegenwärtig. In erster Linie profitiert die Hauptstadt Stepanakert von den Aufbaubemühungen. Ein kleiner Aufschwung und der Einzug einer Art Normalität sind dort und in einigen kleineren Orten sichtbar. Die Mittel dazu stammen zum allergrößten Teil aus Armenien und von der armenischen Diaspora im Ausland.

Viel Augenmerk wurde auch auf den Bau und die Renovierung der armenisch-orthodoxen Kirchen in der Bergrepublik gelegt – ein probates Mittel, um Identität zu stiften und den Anspruch auf Berg-Karabach zu untermauern. Aserbaidshan sieht in diesem Vorgehen und der Zerstörung der Infrastruktur ein System und wirft den Besatzern vor, die Spuren der geschichtlichen Vergangenheit verwischen zu wollen. »Die Aktionen der armenischen Seite schädigen das kulturelle Erbe Aserbaidshans«, sagt Elkhan Polukhov, Pressesprecher des aserbaidshanischen Außenministeriums.

Natur siegt über Zivilisation

Langsam geht die Fahrt durch Agdam zu Ende. Ein einsamer Viehhirte treibt seine Herde mit Kühen, Schafen und Ziegen durch die Straßen der einstigen Stadt. Ein Autowrack, verrostete Fässer, bizarr anmutende Betonsäulen sind zu sehen. Das Brotmuseum, früher das einzige seiner Art in der Sowjetunion, ist nur an zwei beschädigten Wandreliefs erkennbar. Das Dach fehlt; das Innere hat die Natur wieder in Beschlag genommen: ein Baum wächst darin. Wie auch in der übrigen Stadt, wo Ruinen und wuchernde Vegetation eine seltsame Zweisamkeit ergeben. Agdam, des pulsierenden Lebens, der kulturellen Güter und der Infrastruktur beraubt, ist zu einem einsamen, gespenstischen Ort im Niemandsland geworden.

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