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In der Warteschleife

Probleme von Irak-Flüchtlingen in der Provinz

  • Von Martina Schwager, epd
  • Lesedauer: 4 Min.

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2500 irakische Flüchtlinge hat Deutschland aufgenommen, viele von ihnen sind Christen. Vor allem kleinere Kommunen haben Probleme mit der Betreuung der Flüchtlinge.

Hannover. In Bagdad traute sie sich allein nicht mehr aus dem Haus: Sie hatte Angst, auf offener Straße erschossen zu werden. Nesrin M. (Name geändert) ist Christin und wollte kein Kopftuch tragen. Außerdem ist sie geschieden und lebt allein mit ihren zwei Töchtern. Das machte die Situation für die 41-Jährige in der irakischen Hauptstadt noch gefährlicher.

Heute lebt Nesrin M. in einer kleinen niedersächsischen Stadt – sie ist in Sicherheit. »Deutschland hat mir ein neues Leben geschenkt«, sagt sie mit ernstem Blick. Aber um ihre Verwandten in Irak hat sie noch immer Angst, möchte auch ihren wirklichen Namen und den neuen Wohnort nicht nennen.

Insgesamt 2500 irakische Flüchtlinge hat Deutschland aufgenommen, die letzten 186 waren Ende April im Grenzdurchgangslager Friedland angekommen. Es sind Menschen, die als Christen oder Angehörige anderer religiöser Minderheiten keine Perspektive in ihrer Heimat hatten. Nach einem festgelegten Schlüssel wurden sie in Deutschland auf die Bundesländer verteilt.

Kein Partner in den Ämtern

Doch für Nesrin M. und die anderen Irakflüchtlinge ist es nicht immer leicht, sich in ihrem neuen Leben zurechtzufinden. Nesrin M. und ihre Töchter absolvierten in Friedland den ersten Teil eines neunmonatigen Integrationskurses. Den Anschlusskurs sollten sie in ihrer neuen Heimatgemeinde machen, hieß es. Doch Nesrin M. saß sieben Monate tatenlos in ihrer Wohnung und wartete darauf, dass der Anschlusskurs endlich beginnen möge. Dass sie sich selbst hätte melden müssen, wusste sie nicht. Mittlerweile hat sich das Missverständnis geklärt, sie besucht wieder einen Kurs.

Das Problem, vor allem in kleinen Kommunen: Weil insgesamt nur noch wenige Flüchtlinge nach Deutschland kommen, gibt es in den Ämtern niemanden mehr, der eigens für deren Betreuung abgestellt ist.

Nesrin M. ist mit großem Eifer bei der Sache. Ihre Hefte sind akkurat geführt. Dass niemand in ihrem Kurs Arabisch spricht, empfindet sie als Vorteil: »Da muss ich immer Deutsch sprechen.« Doch um ihre 21 und 24 Jahre alten Töchter macht die Mutter sich große Sorgen: Sie hatten lange keinen Platz in einem Sprachkurs, keine Kontakte und wüssten vor Langeweile nicht wohin. Dabei haben sie einen konkreten Berufswunsch. Beide wollen Kosmetikerinnen werden, haben in Syrien bereits erste Fortbildungen gemacht. »Ich verstehe das nicht«, sagt Nesrin. »Sie haben aus dem ersten Sprachkurs im Lager beinahe alles vergessen.« Die Nachfrage bei den Behörden ergab: Fälschlicherweise seien sie zunächst als Analphabetinnen eingestuft worden. Für solche Kurse gebe es lange Wartezeiten. Mit dem Integrationskurs hingegen können sie nun fortfahren.

Für Konrad Bramm, Leiter des Lagers Bramsche-Hesepe der Zentralen Aufnahme- und Ausländerbehörde Niedersachsens, ist das kein Einzelfall. Wartezeiten für Sprachkurse gebe es fast überall, vor allem in den kleineren Kommunen. »Das bremst die anfänglich sehr hohe Motivation der irakischen Flüchtlinge«, kritisiert Bramm. Viele hätten bei ihrer Ankunft schon konkrete Pläne gehabt, sich selbstständig zu machen oder wieder in ihrem Beruf zu arbeiten. »Aber das Lernen der Sprache steht nun mal am Anfang.«

Leere Versprechungen

Kritik übt Bramm aber auch an Kirchen und Wohlfahrtsverbänden. Viele hätten zu Beginn des vergangenen Jahres ihre Hilfe bei der Betreuung der Iraker angeboten. »Gemeldet hat sich dann aber niemand. Meine Mitarbeiter sind schließlich mit ihnen in die Stadt gefahren, haben ihnen Behörden erklärt oder sind mit ihnen einkaufen gegangen.«

In größeren Städten haben es die Flüchtlinge bei ihrem Start einfacher. Irakische Kulturvereine, Migrationsberatungsstellen der Wohlfahrtsverbände oder Mentoren-Netzwerke kümmerten sich um die Neuankömmlinge, sagt Jens Uwe Thomas vom Berliner Flüchtlingsrat. Auch die Initiative »Save me« helfe. »Save me« ist eine 2008 gestartete Kampagne von »Pro Asyl« und dem bayerischen Flüchtlingsrat.

Für Nesrin M. kommt Aufgeben trotz der Startschwierigkeiten nicht infrage. In ihrer Heimat hat sie viel genäht und gestrickt. Kürzlich hat sie sich beim Discounter eine Nähmaschine gekauft. Jetzt will sie ihre Handarbeiten wieder aufnehmen. Sie hofft, damit einmal ihren Lebensunterhalt verdienen zu können.

Immer noch erstaunt ist sie darüber, dass ihr so viel geschenkt wurde: Ein neues Zuhause, Fernseher, Sofa, Schränke, Betten. Weil sie etwas zurückgeben möchte, hat sie angefangen, in Kirchen sauber zu machen, ehrenamtlich. »Ich kann zwar noch nicht gut Deutsch sprechen, aber putzen kann ich«, sagt sie. Inzwischen hat sie darüber auch einige deutsche Frauen kennengelernt. »Ich will auch Gott danken, dass er uns gerettet hat«, sagt Nesrin M.

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