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Versuchung mit Vivier und Mozart

Berlin: Deutsches Symphonie-Orchester unter Ingo Metzmacher

  • Von Liesel Markowski
  • Lesedauer: 3 Min.

Nun neigt sich die fruchtbare Zeit des künstlerischen Wirkens von Ingo Metzmacher als Chefdirigent des Deutschen Symphonie-Orchesters Berlin ihrem Ende zu. Leider, denn er hat durch interessante, ja aufregende Programmgestaltung und hohen Anspruch des orchestralen Spiels das hauptstädtische Musikleben sehr bereichert. Da sind Aufbrüche zu Vergessenem oder ins Abseits Geratene, wie die Erweiterung des Hörverständnisses für Musik des 20. Jahrhunderts besonders charakteristisch. Nicht weniger jene Themen, die stichwortartig als Motto einer Saison vorangestellt wurden, ihr konzeptionelles Gepräge andeutend. Diesmal war es »Versuchung« – als Herausforderung im Leben wie in der Kunst, sich zu Ungewöhnlichem, Fremdem verführen zu lassen, Widersprüchliches zu entdecken, sich selbst zu finden.

Um Versuchung zur Schönheit ging es im letzten dieser Themenabende. Kontrastvolles, Gegensätzliches waren vereint: nämlich klassische Meisterschaft Mozarts und exquisite Klangkunst des Kanadiers Claude Vivier. Ein unbekannter Komponist (1948-1983), 35-jährig grausam ermordet, als Schüler Stockhausens mit der Avantgarde vertraut. Dass Vivier sich der Versuchung zur Schönheit, nämlich der Melodie, stellte und höchst eigene Klangwelten schuf, ließ eine entfernte Geistesverwandtschaft zu Mozart ahnen.

Metzmacher präsentierte im gut besetzten großen Saal der Philharmonie beide »Protagonisten« in wechselnder Gemeinsamkeit. Klang- und Musizierkunst auf hohem orchestralem Niveau. »Orion« – Viviers letztes Werk für großes Orchester (1979) – wurde nach dem bekannten Sternbild benannt. Doch ist es kein Sternenporträt oder eine Reflexion des antiken Mythos vom Sohn des Neptun, der übers Meer schritt. Der Komponist strebte vielmehr eine Weite an, gleichsam des unendlichen Universums im grenzenlosen Raum der Klänge. Vergleichbar vielleicht unbehindertem menschlichem Schöpfertum. Dazu erfand er eine vielfarbig schillernde musikalische Sprache. Auf einer von der Trompete eingangs formulierten Melodie, die Klangfelder durchstreifend Zusammenhang stiftet, entfalten sich Farben der gesamten orchestralen Palette in flirrender Schönheit. Das reiche, dreigeteilte Schlagwerk, u.a. mit Glockenspiel, Vibraphon, Marimba und einer Fülle von großen, kleinen Gongs, setzt schwebende, scharfe Akzente. Echos, dissonante Flächen, Rufe. Etwas Fernes Fantastisches teilt sich mit. Nicht experimentelle Spielerei, sondern Würde und Expression des Klanges prägen Viviers Musik. Sie erklang in vorzüglicher, äußerst fesselnder Wiedergabe.

In Mozarts andere Welt ging es dann mit der Sinfonia concertante (Es-Dur, KV. 364), deren Soloparts von Daniel Hope (Violine) und Nobuko Imai (Viola) in filigranem Duo, makellos virtuos gespielt wurden. Eher introvertiert als äußerlich »vorzeigend«: ergreifendes Cantabile im Andante, federnde Leichtigkeit im Presto-Finale, feinstes Zusammenspiel auch mit dem Tutti. Schönheit unmittelbar.

Dann wieder zurück in Gegenwartnähe mit Viviers »Zipangu«, einer Musik für nur 13 Streicher (1980). Prolog für Marco Polo, in dem es um den inneren Reichtum des Einzelnen geht. Schwierig dies zu verstehen, denn der Komponist versucht, mit unterschiedlichen Bogentechniken Farben zu entwickeln, zu variieren. Ein trotz melodischem Violinsolo fast statisch wirkendes Stück.

Hinreißender Höhepunkt zum Schluss mit Mozarts Jupiter-Sinfonie (C-Dur, KV. 551). Metzmachers Dirigat unglaublich locker, oft fast tänzerisch: im schwungvollen Eingangs-Allegro, in den melodischen Bögen des Andante, im lustvollen Menuetto, im überschäumenden Fugato-Finale. Vitalität und dramatische Tiefe, Eleganz und Charme. Orchestrale Brillanz und dirigentische Souveränität – so hat man die Jupiter-Sinfonie kaum jegehört. Bravo.

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