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Im Vers russische Erde

Zum Tode des Dichters Andrej Wosnessenski

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 4 Min.

Hinter regenverwischter Glasscheibe Stalins himmelversuchende Architektur. Das Große, Leuchtende, mächtig Ragende: plötzlich ein Verschwimmendes, jene sonst so scharfe Kontur nun gefährdet durch Auflösung. Doch zugleich erinnert das Foto an die heiter-kraftvolle Metapher vom Moskau, das den Tränen nicht glaubt ...

Der Schutzumschlag von »Mitternachtstrolleybus« – ein Buch mit »neuer sowjetischer Lyrik«. Von Achmadulina bis Matwejewa, von Okudshawa bis Roshdestwenski. An die dreißig Dichter, 1965 herausgegeben im Verlag Neues Leben. In grobschönem Leinen durfte Poesie damals noch herauskommen, wie selbstverständlich das Streuen von Kostbarkeiten unter die Leute. Und der Buchpreis nah bei der Poesie: Die schwingt sich auf, und sie in Händer zu halten, war – erschwinglich. Ein Annäherungsprogramm zwischen Kunst und Leben, das alles andere als – billig war.

Im Buch auch: Andrej Wosnessenski. Damals las man nicht nur russische Dichter, es gehörte zum Erlebnis, sie zu hören, in großen Sälen, in Stadien gar, auf Platten. Es konnte schon vorkommen, dass man aus Moskau kam und sagte, man sei bei Lenin, im GUM, in der Tretjakow-Galerie gewesen, und: Man habe Jewtuschenko gehört. Oder eben Wosnessenski: die Emphase, die ausschwingende Melodik, die großen Gesten zur rauen Stimme, die Piano und Fortissimo unvermittelt nebeneinander setzte.

Ein wunderbares, aus der Welt inzwischen verschwundenes Erlebnis: den Dichter als Propheten und Botschafter zu erfahren – und Russisch plötzlich: der grandiose Laut einer verkünderischen Ursprache. Das große Wort bildet in dieser Poesie noch ganz selbstverständlich einen Bedeutungshof, und lesend, hörend lässt du die Skepsis vom Körper fallen, wie ein Schutzumhang fällt, ein Schutzumhang aus Skepsis und Misstrauen gegen das innige, freie Pathos der hohen An-Sprache.

Die Muse ein wildschönes Marktweib; die monologische Empfindsamkeit nicht nur laut und tönend, sondern auch innig. Russland eben, »vom Himmel ein Stück/ der Mensch lebt vom Himmel allein«, ein Kornblumenblau für Chagall, ein Blau, das Erde und Himmel vereint; die Literatur, die Kunst als Lebensmittel, in Armut noch der reichgedeckte Tisch des alles ins Schöne und Traurige und Erhabene hinüberfühlenden und -denkenden Geistes.

Ein Geist, der bei Wosnessenski, wie jedem wahren russischen, sowjetischen Dichter von Liebe zum Land erhitzt und zugleich von den stalinistischen Praktiken zerfrostet wurde. Das ewige Wechselklima. Die Tapferkeit des Aushaltens. Die Sinnwidrigkeit der Kulturpolitik, aber im Dichter die trotzige Energie des obsiegenden Hintersinns. Auch Wosnessenski erfuhr das Urteil, wie ein Feind im eigenen Staaqt zu leben, als Amerikanist zu gelten. War der Nestbeschmutzer, der im Hass der Bürokraten aber einer blieb, der im Schmutz der Wirklichkeiten weiter ein Nest baute, für eine Literatur des visionären sozialen Gesprächs.

Wosnessenski, der Versdramatiker (»Antiwelten«, in Moskau über 700 mal aufgeführt), der moderne Jessenin-Erbe, der Pasternak-Freund – er war Architekt (wie Max Frisch), ein Utopist auch da: Er entwarf zum Beispiel ein goldenes sechsstöckiges Kugelhaus, das nur durch den Luftstrom aus gewaltigen Kompressoren über der Erde gehalten wird.

Die kosmopolitische Welthaltigkeit seiner Poesie schlug sich gern in lyrischen Reisereminiszenzen, in gereimten Freundschaftsadressen und Gedenkversen sowie in alexandrinischen Paraphrasen über Themen klassischer Litereturwerke nieder. Gedichttitel wie biografische Wegweiser: Auf den Tod Pasolinis. Newyorker Abzeichen. Striptease. Italienische Garagen. Gangster. Es sang im nächtlichen Florenz Twardowski. Ophelias Lied. Michelangelos Gebet. In letzterem Werk die Zeilen: »Verse sind papierne Merkzeichen/ im Leben, das vergangen ist.« Eines seiner eindringlichsten Gedichte: »Der Ruf des Sees«. Auf dessen Grund Reste eines jüdischen Gettos, ein Grab der Ermordeten. Ein ukrainischer Badesee heute. Natürlich: Gedichte nach Auschwitz, unbedingt! Aber, so das Gedicht des Russen: An solchem Ort verbietet sich Schwimmen.

Andrej Wosnessenski, 1933 geboren, Lyriker, Übersetzer, Essayist, ins Deutscher übertragen von Fritz Mierau, Christine Wolter, Bernd Jentzsch, Rainer Kirsch, Heinz Kahlau – er starb am Montag im Alter von 78 Jahren. »Lasst mich ans Grab Nerudas./ Ich bringe ihm russische Erde. Stehe/ schlucke die Trauer, die Scham und neige mich/ vor dem letzten Dichter der gefallenen Freiheit.«

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