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Die Ängste der Mittelschicht

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Die »Aufwärtssolidarität« ist gerade in der Mittelschicht stärker als die »Abwärtssolidarität«
Die »Aufwärtssolidarität« ist gerade in der Mittelschicht stärker als die »Abwärtssolidarität«

Es gehe ungerecht zu in Deutschland: Reiche zahlen zu wenig und Arme gar keine Steuern; die Steuerlast müssten vor allem die Mittelschichten schultern. Diese weit verbreiteten Klagen wurden nun im Buche »Die ausgeplünderten Mittelschichten« artikuliert, das eine alternative Politik vorstellen will. Autor Marc Beise meint nicht nur die mittelständischen Unternehmer, sondern die ganze Mittelschicht: Angestellte und Beamte, Facharbeiter, Handwerker, Kleinunternehmer.

Die Angehörigen der Mittelschicht seien nicht arm im üblichen Sinne. Sie leben in guten Wohnverhältnissen, haben ihr Auto, fahren in Urlaub und schicken ihre Kinder auf Gymnasien und Universitäten. Schlecht aber stehe es um die Daseinsvorsorge, auch für die Kinder. Was sie haben, schmilzt durch die Finanzkrise dahin. Immer noch gehe es vielen gut, »doch im Herzen der Gesellschaft bröckelt es«. Die Mittelschichten verschulden immer mehr. Ihre Angehörigen seien die Helden der schwarzen Null am Monatsende. Allen solle geholfen werden, den Armen wie den Reichen, den Kindern wie den Rentnern. »Allen – nur nicht uns. Was anderen gegeben wird, fehlt uns.«

Der Autor stimmt auch in Klagelieder der Neoliberalen ein: Es gäbe zu viel staatliche soziale »Rundumversorge«, zu wenig Eigenverantwortung des Einzelnen. Vom Autor nicht zu erfahren, aber hilfreich für das Verstehen seines Anliegens ist die Einsicht in die Widersprüchlichkeit in den Lebensverhältnissen der Mittelschicht. Dass die Reichen zu wenig Steuern zahlen, ist gewiss ungerecht. Dass aber die Armen keine Steuern zahlen, ist keineswegs ungerecht. Die Position zwischen Arm und Reich mag zwar in Einkommens- und Vermögensstatistik das wichtigste Merkmal der Mittelschicht sein, im sozialen Leben aber verhält es sich anders.

Einerseits fühlen sich Angehörige der Mittelschichten zu den Reichen, keineswegs zu den Armen hingezogen. Alle haben Angst vor Armut, und viele möchten reich werden. Die »Aufwärtssolidarität« ist gerade in der Mittelschicht stärker als die »Abwärtssolidarität«. Andererseits sind die Angehörigen der Mittelschichten seit der »Wende im Westen« in den 1970er/1980er Jahren mehrheitlich in den gleichen sozialen Sog geraten, der die Zahl der Armen wieder steigen lässt und sie wieder ärmer macht. Es ist die Umkehr der sozialen Verschiebungen in den Nachkriegsjahrzehnten, des sozialen Aufstiegs der Mittelschicht. Es war dies auch eine Zeit bedeutsamer Entwicklungen der sozialen Sicherungen gegen Krankheit, Alter und Arbeitslosigkeit. Seit dieser Wende wird der Großteil der Mittelschicht ärmer, nur einer Minderheit gelingt der Aufstieg zu den Reichen. Und die Armen werden wieder zahlreicher und ärmer; die sozialen Sicherungssysteme werden demontiert.

Die Ansicht des Autors, dass die Wohlfahrt der Mittelschicht jenseits der Auseinandersetzungen zwischen Arm und Reich liege, geht am Problem vorbei. Die Umverteilung des Reichtums von unten nach oben, in deren Sog auch immer stärker die Mittelschichten geraten, ist das Grundproblem in dieser Gesellschaft. Veränderte Interessenlagen verlangen neue Einsichten und veränderte politische Verbündnisse.

Wieso sind Aufstieg und Niedergang der »sozialen Marktwirtschaft« zeitlich geradezu deckungsgleich mit dem Aufstieg und Niedergang des »realen Sozialismus« in Europa? Ist es nicht naheliegend, die Verteidigung der Interessen der Mittelschichten heute an der Seite derjenigen zu verfolgen, die dem heutigen Kapitalismus am kräftigsten Paroli bieten?

In der wöchentlichen ND-Wirtschaftskolumne erläutern der Philosoph Robert Kurz, der Ökonom Harry Nick, die Wirtschaftsexpertin Christa Luft und der Wirtschaftswissenschaftler Rudolf Hickel Hintergründe aktueller Vorgänge.

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