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Die schönste Zeit

Beate Morgenstern blickt zurück

  • Von Christel Berger
  • Lesedauer: 3 Min.

Gleich zwei Romane von Beate Morgenstern. Der eine, bereits 1995 schon mal bei Hinstorff erschienen, erzählt von der Kindheit Susanne Burkards, »Burkard-Nanne«, wie sie in der erzgebirgischen Kleinstadt heißt. Das zweite, neue Buch hat Susannes »schönste Zeit« zum Thema: die Studentenjahre an der Filmhochschule Potsdam-Babelsberg.

Susanne wächst als Tochter eines Ladenbesitzers auf. Doch wie viele Kinder damals kannte sie ihren Vater kaum. Erst war er im Krieg, dann in der Gefangenschaft. Als er endlich heimgekommen ist, wird er verhaftet und kehrt aus dem Lager nie zurück. Susanne bleibt allein mit der Mutter, die sie bei geringstem Ungehorsam schlägt, und dem Onkel aus dem Nachbarhaus, der immer mal wieder andeutet, dass sie gar nicht richtig zu ihnen gehöre.

Eine Nachkriegskindheit in der Provinz voller fast vergessener Details, Lokalkolorit, immer neuen Wendungen und dem Bruch von Tabus. Denn über die Schicksale von Menschen, die – berechtigt oder durch falsche Beschuldigung – nach 1945 in Lagern verschwanden, war in der DDR nicht geredet worden. »Küsse für Butzemännchen« war 1995 und ist heute ein mutiges, erstaunliches Buch, das trotz seiner ernsten Thematik sehr heiter wirkt.

Nun also Susanne um einiges älter: Dank ihrer Liebe zum Kino schafft sie nach Abitur und Praktikum die Zulassung zur Filmhochschule und erlebt die schönsten Jahre ihres Lebens. Kein Massenbetrieb im Studium, vor allem Zeit zum Filme-Gucken und Analysieren, Begegnungen, Diskussionen, Feste, Affären, Prüfungen, Streitereien, Maßregelungen, Bespitzelungen, Freundschaft und Verrat. Alles, was jungen Leuten begegnet in einer Zeit großer Erwartungen an das Leben, das demnächst – bald – kommen wird.

Die Susanne des ersten Buches ist im zweiten eine alte Frau, invalid, die ihre Erinnerungen an die Studienzeit einem Zivi erzählt, den die so ganz andere Vergangenheit allmählich interessiert. Insgesamt spannt Beate Morgenstern so einen Bogen von großer Kindheitserwartung zu einem Lebensresüme, das viel zu denken gibt. Niemals wieder nach dieser Studienzeit fühlte sich Susanne so gefordert und so wohl. Was nach dem Studium kam, war enttäuschend und machte sie krank. Als sie glaubte, sich auf das Leben vorzubereiten, lebte sie am intensivsten, war glücklich ...

Wieder provoziert und experimentiert Beate Morgenstern auch stilistisch. »Villa am Gribnitzsee« ähnelt einem Erlebnisbericht über das Leben und die Arbeit an der Potsdamer Filmhochschule zu Beginn der 60er Jahre. Der Roman ist spröder, direkter, weniger »gestaltet« als das Kindheitsbuch – eher eine Art Dokumentation, Verteidigung und Befragung vergangener Verhältnisse. Unterbrochen wird dies an vielen Stellen von detailliert beschriebenen kurzen Szenen aus Filmen von Ingmar Bergmann, Fellini, Lubitsch, Eisenstein, Slatan Dudow, Konrad Wolf und anderen – Filmklassiker, die für die Filmstudentin Susanne die eigentliche Welt bedeuteten. Die wirkliche Welt bot zwar Ähnliches, nur blasser, weniger bemerkenswert, weniger klar. Ein schöner Einfall, der Cineasten das Herz höher schlagen lässt.

Beate Morgenstern: Küsse für Butzemännchen. 302 S.; Villa am Griebnitzsee. 289 S. Beide Romane Trafo Verlag, brosch., je 16.80 €.

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