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Alles möglich für Bafana Bafana

Vorfreude und Vertrauen in die eigene Stärke bei den Südafrikanern ist groß

  • Von Martin Ling, Johannesburg
  • Lesedauer: 5 Min.

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Die Sehnsucht der Südafrikaner nach dem WM-Beginn ist spür- und sichtbar. In Nationaltrikots oder wenigstens in gelb gekleidete Passanten dominieren die Straßen. Ab 16 Uhr wird heute die allgegenwärtige Formel Ke Nako (Es ist an der Zeit!) mit Leben erfüllt. Dann rollt der Ball beim Eröffnungsspiel zwischen Südafrika und Mexiko im Stadion Soccer City in Johannesburg. Das Zutrauen in die Bafana Bafana (Die Jungs) ist gewaltig. Am 9. Juni paradierte die begeistert gefeierte Mannschaft durch das vornehme Stadtviertel Sandton, zuvor erklangen um 12 Uhr in ganz Südafrika simultan die Vuvuzelas (Tröten). Sie werden bis zum Ende der WM nicht mehr verstummen.

»Alles ist möglich.« Die Antwort des Sicherheitsbeamten im auf Hochglanz polierten Flughafen in Johannesburg auf die Frage nach den Aussichten für Südafrika bei der WM ist alles andere als eine Einzelmeinung. Kaum ein Südafrikaner, der nicht in glatter Verkennung der FIFA-Weltrangliste, die Südafrika als 83. führt, von einem lockeren Durchmarsch der Bafana Bafana mindestens ins Achtelfinale ausgeht.

Ungewisse Zukunft

»Mexiko ist die Vorspeise für die große Mahlzeit«, meint Lala. Das Unternehmen, für das er arbeitet, ist Auftragsnehmer im Stadion Soccer City. Sein Job hänge aber nicht an der WM, erzählt er. 40 000 Bauarbeiter, die im Zuge der direkten und indirekten WM-Baumaßnahmen in Lohn und Brot kamen, sehen hingegen einer ungewissen Zukunft entgegen. Ob das Land am Kap jemals wieder so viele Bauarbeiter brauchen wird wie in den letzten Jahren, ist fraglich. Derzeit kümmert das freilich kaum jemanden.

Südafrika, das sich als stolze Sportnation versteht, ist von einer Aufbruchstimmung erfasst, die wohl jener ähnelt, die das Land nach dem Ende der Apartheid (1994) zu den großen und überraschenden Triumphen bei der Rugby-Weltmeisterschaft 1995 und beim Fußball-Afrika-Cup 1996 im eigenen Land beflügelte. Das zeigte sich zwei Tage vor dem Eröffnungsspiel, als mehr als 150 000 Südafrikaner ihre Helden vorab bei einer Parade mit offenem Bus durch das wohlhabende Viertel Sandton im Nordosten der Millionenmetropole feierten. Der ganze 9. Juni stand im Zeichen »United for Bafana« (Vereint für Bafana). Präsident Jacob Zuma höchstselbst, der nicht weniger als den Titel erwartet, schaute wie einst Nelson Mandela beim Training vorbei und hielt eine aufmunternde Rede mit der Kernbotschaft »Ich bin gekommen, um euch mitzuteilen: Das ganze Land steht hinter euch.« Angesichts des vorangegangenen Triumphzuges durch Sandton eine zwar redundante Mitteilung, willkommen war sie trotzdem. Und so bekam auch Zuma wie einst Mandela ein Trikot mit der Rückennummer des Mannschaftskapitäns als Präsent überreicht. Offenbar soll mit der Pflege von erfolgreichen Ritualen der Vergangenheit eine erfolgreiche WM beschworen werden.

Der Klang der Vuvuzela

Dass die WM unmittelbar bevorsteht, ist an den mit gelben oder grünen Nationaltrikots ausstaffierten Südafrikanern aller Altersklassen und Geschlechts ebenso zu erkennen wie an den zahlreichen die Straßen säumenden Flaggen aller teilnehmenden Länder. Bei den Fähnchen an den Autos, oft ergänzt um Hüllen um die Außenspiegel, dominiert die südafrikanische Nationalfahne, doch nicht wenige haben auch noch mindestens ein zweites Land installiert. Kaum eine Straßenkreuzung, an der nicht fliegende Händler versuchen, Fan-Artikel an die auf Weiterfahrt Wartenden zu verkaufen. Und immer wieder der Sound der Vuvuzela. Ob an Tankstellen oder am Straßenrand, Südafrikaner mit einer landestypischen Trompete finden sich überall. Der Klang soll dem Trompeten eines Elefanten ähneln, einzeln und ohne die verstärkende Wirkung eines lärmpotenzierenden Stadionrundes ist das Geräusch keine Belästigung, sondern dient eher der Belustigung der Umstehenden.

Bettler finden sich auf den Kreuzungen nur selten. Offenbar blieb die Kampagne, mit der sozial Marginalisierte aus den Innenstädten in die Randgebiete verfrachtet wurden, nicht ohne Wirkung. Südafrika will im Spiegel der Weltöffentlichkeit glänzen, zerlumpte Gestalten oder Straßenkinder passen da nicht ins Bild. Ganz im Gegensatz zu den vielen Freiwilligen, die sich im Stadion Soccer City verdient machen. Von Platzeinweisern, die mangelnde Fremdsprachenkenntnisse freudestrahlend mit Richtungsgesten gekonnt überspielen, bis hin zu vorzüglich englisch sprechenden Schülern und Studenten in den Akkreditierungs- und Medienzentren. Viele sind in grünen Trainingsjacken mit der Aufschrift Volunteers gekleidet und wirken so als großes Team. Rund ums Stadion werden noch die letzten Vorbereitungen für die große Eröffnung getroffen, Stände von Sponsoren aufgebaut, der offizielle Fanshop zusammengezimmert, während im Stadion für die Eröffnungszeremonie geprobt wird.

Der Optimismus ist auch unter den Freiwilligen grenzenlos. »Wir werden gegen Mexiko definitiv gewinnen.« Sanzo, der wie Webster aus dem Township Soweto stammt und mit ihm zusammen beim Pressezentrum am Einlass die Zugangsberechtigung kontrolliert, weiß sogar schon das Ergebnis und die Torschützen: Zwei zu null durch die Tore von Katlego Mphela, Rufname Killer, und Bernard Parker, die zusammen Südafrikas Sturm bilden. »Danach drei Punkte gegen Uruguay und o. k., gegen Frankreich vielleicht nur unentschieden«, prognostiziert er die Vorrunde.

Überzeugte Fans

Das überschießende Vertrauen von Sanzo und Co. verdankt sich vor allem der jüngsten Serie von zwölf ungeschlagenen Testspielen und insbesondere dem letzten 1:0-Sieg gegen den europäischen Weltmeisterschaftsteilnehmer Dänemark. Torschütze war »Killer« Mphela, mit 17 Treffern Torschützenkönig in der letzten Saison der südafrikanischen Liga. Auch er zeigt sich vor dem Auftaktmatch optimistisch: »Ich habe allen Mittelfeldspielern gesagt, sie sollen mir den Ball geben, dann hau ich ihn rein.«

Die Handvoll mexikanischer Fans, die Soccer City vor dem Spieltag von außen begutachten, sind freilich von ihrer Mannschaft ebenso überzeugt. Wir gewinnen 3:1, meint ein Mexikaner, der sich dem deutschen Journalisten mit »Francisco wie Francisco Beckenbauer« vorstellt. »Wir sind fußballerisch die beste Mannschaft in der Gruppe und müssten alle Spiele gewinnen«, fügt er hinzu. »Es wird Zeit, dass die »El Tri« endlich mal übers Achtelfinale hinauskommt, Viertelfinale, nein sieben Spiele und damit die Runde der letzten vier, warum nicht das Finale, müssten es 2010 sein«, stellt Francisco hohe Erwartungen an sein Nationalteam.

In Bezug auf das Eröffnungsspiel hat er aber Befürchtungen: Manipulation. »Die FIFA ist eine Mafia, der es nur ums Geld geht. Wenn Südafrika in der Vorrunde ausscheidet, ist das schlecht fürs Geschäft.« Und schon in den letzten Freundschaftsspielen hätte Südafrika von fragwürdigen Schiedsrichterentscheidungen profitiert, schwant ihm Böses. Ob er diese Spiele selbst gesehen hat oder die Informationen den mexikanischen Medien oder dem Hörensagen entnommen hat, bleibt offen. So wie bis zum Schlusspfiff das Ergebnis des Eröffnungsspiels der 19. Fußballweltmeisterschaft.

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