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So viel war lange nicht

Kolonialliteratur

  • Von Ulrich van der Heyden
  • Lesedauer: 3 Min.

So viel Interesse an der deutschen Vergangenheit in Afrika hat es seit 1984/85 nicht mehr gegeben, als Historiker der DDR und der BRD den 100. Jahrestag Berliner Kongokonferenz zum Anlass für zahlreiche Publikationen und Konferenzen nahmen. Danach schwand das Interesse an der Geschichte des deutschen Kolonialismus, nicht zuletzt weil im Osten Deutschlands die einschlägigen wissenschaftlichen Kapazitäten auf die nationale Befreiungsbewegung konzentriert wurden und im Westen man das Feld weitgehend der apologetischen Überseegeschichtsschreibung überließ.

Als die DDR-Geschichtswissenschaft Anfang der 90er Jahre abgewickelt wurde, wussten einige Historiker aus der Bundesrepublik die quellenorientierte und immer auf Seiten der unter dem Kolonialjoch leidenden Afrikaner stehende Geschichtsbetrachtung zu würdigen und bekundeten, sie fortführen zu wollen. Andere wollten keine Konkurrenz im Osten, zumal die Fördertöpfe zunehmend kleiner wurden. Wenige Jahre später hatte sich dieses Problem in kolonialer Manier erledigt.

Seit einigen Jahren hat eine spezielle Disziplin der Kolonialgeschichtsschreibung, die sogenannten postcolonial studies, auch auf die deutsche Wissenschaft übergegriffen. Damit stehen nicht mehr nur die Geschehnisse in Afrika zur Zeit des Kolonialismus im Mittelpunkt des Interesses, sondern ebenso die Auswirkungen des Kolonialismus auf die kolonisierenden Gesellschaften in Europa, also auch auf die in Deutschland. In der kolonialgeschichtlichen Literatur selbst werden ebenfalls neue Themen aufgegriffen und regionalen Untersuchungen größere Aufmerksamkeit gewidmet. Einen globaleren Überblick zur europäischen Kolonialgeschichte nicht nur Afrikas bietet der Sammelband »Kolonialgeschichten«, der die Möglichkeiten einer Historiografie jenseits des Eurozentrismus aufzeigt, nach den materiellen und mentalen Hinterlassenschaften kolonialer Herrschaft in den ehemaligen Kolonien wie auch nach den Rück- und Nachwirkungen auf die kolonisierenden Länder fragt.

Neben Historikern sind es vor allem Literaturwissenschaftler, die sich mit den postkolonialen Phänomenen der deutschen Vergangenheit befassen, wie beispielsweise Axel Dunker, der »koloniale Strukturen« in den Werken einiger der bedeutendsten Autoren deutscher Sprache zwischen Spätaufklärung und dem Ende des Realismus, also bei Kleist, Hoffmann, Eichendorff, Storm, Keller, Raabe und Fontane analysiert (»Kontrapunktische Lektüren«). Unter Einbeziehung des Genres Film kommt Wolfgang Struck (»Die Eroberung der Phantasie«) für eine spätere Zeit zu ähnlichen Schlussfolgerungen. Monika Albrecht (»Europa ist nicht die Welt«) zeigt auf, dass in der Literatur der frühen Bundesrepublik schon Fragen diskutiert wurden, die erst in jüngster Zeit mit den postkolonialen Debatten aufgeworfen worden sind.

Lediglich auf das deutsche Kolonialreich beschränkt und die Rückwirkungen auf die Gesellschaft des deutschen Kaiserreiches bzw. auch auf die Weimarer Republik ignorierend, hat der ZDF-Publikumshistoriker Guido Knopp jüngst das Buch »Das Weltreich der Deutschen. Von kolonialen Träumen, Kriegen und Abenteuern« vorlegen lassen. So flach seine gleichnamige TV-Dokumentation war, so wenig Neues findet sich auch hier. Lediglich die in hoher Qualität wiedergegebenen Bilder verdienen Beachtung. Knopp's Darlegungen orientieren sich an Publikationen, die vor 20 oder 30 Jahren erschienen. Zudem: Den Kolonialismus etwa in der Südsee auf eine mehr oder minder fröhliche Nudisten-Insel mit freier Liebe zu reduzieren, grenzt schon an Geschichtsklitterung.

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