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Hedgefonds bewegen Billionen

Die Spekulationen dieser Finanzfirmen wirken in der Krise wie Brandbeschleuniger / Teil 3

Am 26. und 27. Juni treffen sich die Staats- und Regierungschefs der 20 wichtigsten Industrie- und Schwellenländer zum nächsten G20-Gipfel im kanadischen Toronto. Kommt die Regulierung der Finanzmärkte nun endlich entscheidend voran? ND beleuchtet in einer Serie wichtige Mosaiksteine bei dieser Mammutaufgabe.

Bei Hedgefonds handelt es sich um hochspekulative Finanzkonstrukte, deren einziges Ziel es ist, dauerhaft hohe Renditen zu erzielen. Dabei können die Fondsmanager mit allem handeln, was am Kapitalmarkt verfügbar ist, also mit Aktien, Anleihen und Währungen, aber auch mit Wein, Kunst und Ackerland. Selbst an Transfers von Fußball-Profis sollen Hedgefonds schon beteiligt gewesen sein. Typisch ist zudem ihr hoher Einsatz an Fremdkapital. Mit der damit verbundenen Hebelwirkung lässt sich die Rendite nochmals deutlich steigern (»Leverage-Effekt«). Auch Leerverkäufe sind den Fondsmanagern erlaubt.

Das Treiben der Hedgefonds ist in vielerlei Hinsicht problematisch. Zunächst einmal sind sie höchst intransparent, weil unreguliert und keiner Aufsicht unterworfen. Über die Anlagestrategie und die eingegangenen Risiken ist oft wenig bis gar nichts bekannt. Dies wäre sicher noch zu verschmerzen, würde es sich bei Hedgefonds nicht um milliardenschwere Finanzgesellschaften handeln, deren Spekulationen in Krisen wie ein Brandbeschleuniger wirken. Innerhalb kürzester Zeit können sie mit gigantischen Summen gegen alles und jeden wetten und damit sogar ganze Volkswirtschaften ins Wanken bringen. Dies war auch in der Griechenland-Krise der Fall. Hedgefonds hatten hier durch den Handel mit Kreditausfallversicherungen auf Staatsanleihen die Zahlungsprobleme weiter verschärft.

Weltweit verwalten Hedgefonds ein Vermögen von etwa 1,9 Billionen Dollar, der größte Teil davon ist in den angelsächsischen Ländern und in Steueroasen geparkt. Gemessen an den weltweit zirkulierenden Geldströmen, mutet dieser Betrag noch relativ moderat an. Allerdings sind Hedgefonds in der Lage, mit wenig Eigenkapital viel Geld zu bewegen. So kontrollierte der 1998 zusammengebrochene Hedgefond LTCM bei einem Eigenkapital von vier Milliarden Dollar insgesamt gut 100 Milliarden Dollar. Der Gesamtwert der eingegangenen Kontrakte bezifferte sich sogar auf 1,25 Billionen.

Regulierungsbedarf in puncto Hedgefonds haben die G20-Staaten erstmals bei ihrem Gipfel in Washington im Herbst 2008 festgestellt. Geschehen ist bislang jedoch kaum etwas. Meist scheitern international abgestimmte Regelungen an den unterschiedlichen Interessen der einzelnen Länder. So haben die Briten die von den EU-Finanzministern im Mai verabschiedete Hedgefonds-Richtlinie nicht mitgetragen. Kein Wunder, denn 85 Prozent der in Europa zugelassenen Hedgefonds sind in der Londoner City registriert. Glaubt man den Ankündigungen, dann werden sich die Staats- und Regierungschefs auch in Toronto um mehr Transparenz und Kontrolle bei den Hedgefonds bemühen. Inwieweit sie dabei zu sinnvollen Ergebnissen kommen, bleibt fraglich.

Alternative Ökonomen wie der Bremer Professor Rudolf Hickel fordern schon seit Jahren Meldepflichten und Transparenzregeln für diese Fonds ebenso wie ein Verbot der bedrohlichsten Spekulationsgeschäfte. Einen Schritt weiter geht das globalisierungskritische Netzwerk Attac, das Hedgefonds in der EU gleich ganz verbieten will. Zudem soll Banken der Kontakt zu Hedgefonds in Offshore-Zentren untersagt werden. Nach der Ansicht von Attac haben Hedgefonds nämlich überhaupt keinen volkswirtschaftlichen Nutzen.


Lexikon

Der Begriff Hedging kommt vom englischen Wort »to hedge« (absichern). In der Wirtschaft versteht man darunter das Absichern von Geschäften. So kann ein Exporteur seine Lieferungen gegen einen möglichen Währungsverfall absichern, indem er am Kapitalmarkt auf einen fallenden Wechselkurs setzt. Er hätte dann das Währungsrisiko »gehedgt«.

Hedgefonds haben mit realen Geschäften nichts zu tun. Ihre Wetten etwa auf fallende Kurse dienen ausschließlich Spekulationszwecken. Beliebt bei diesen Fonds sind Leerverkäufe. Um die Rendite für ihre Geldgeber (vor allem institutionelle Anleger wie etwa Pensionsfonds, aber auch sehr vermögende Einzelpersonen) deutlich zu steigern, setzt man auf den »Leverage-Effekt«: Der Fonds kauft Wertpapiere auf Pump. Sind die Erträge höher als die Zinsen für den Kredit, kassieren die Investoren die Differenz. So lassen sich hohe Renditen erzielen, entsprechend hoch sind aber auch die Risiken. ND

Teil 4 am 16. Juni: Derivate

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