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Ein Urteil ohne Wirkung

Alberto Adrianos Tod und die Folgen – Gedenken in Dessau

  • Von Hendrik Lasch, Dessau
  • Lesedauer: 3 Min.

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Obwohl der Mord an Alberto Adriano in Dessau das Bewusstsein für Rassismus im Alltag schärfte, sehen sich Schwarzafrikaner auch zehn Jahre danach mit Ressentiments und Ablehnung konfrontiert.

Mouctar Bah wird gelegentlich in Dessauer Schulen eingeladen. Der junge Mann aus Ghana erzählt dort über seinen Freund Oury Jalloh, der im Januar 2005 in einer Polizeizelle der Stadt verbrannte, aber auch über den Mosambiker Alberto Adriano, der heute vor zehn Jahren von drei Neonazis im Stadtpark brutal zusammengetreten wurde und an den Folgen verstarb. Ein Schüler habe ihn einmal gefragt, was der Afrikaner nachts überhaupt im Stadtpark zu suchen hatte. »Das muss mit Drogenhandel zu tun haben«, bekam Bah zu hören, der sich fragt: »Wo hat der junge Mensch so etwas her?«

Bah sitzt auf dem Podium in einem Zelt, das im Dessauer Stadtpark an genau der Stelle steht, an der Alberto Adriano in der Nacht vom 11. zum 12. Juni 2000 umgebracht wurde. Mehrere Organisationen und Initiativen haben zum Gedenken an den 39-Jährigen eingeladen – und zur Diskussion darüber, was den Mord möglich gemacht hat. Geredet wird über Ressentiments wie die, wonach es Ausländer in der Bundesrepublik nur auf soziale Leistungen abgesehen hätten oder in Drogenkriminalität verstrickt seien; Vorurteile, die in vielen Köpfen stecken und den Tätern womöglich das Gefühl gaben, »lediglich den Willen der Mehrheit zu exekutieren«, wie Heike Kleffner vom Beirat der Mobilen Opferberatung formuliert.

Alberto Adriano freilich hat nie mit Drogen gehandelt, sondern seit Jahren in einem Schlachthof gearbeitet. Der Familienvater war auf dem Rückweg von einer Privatfeier, als er den drei Rechten zufällig über den Weg lief. Sein Tod schreckte die Republik auf; er trug neben anderen Gewalttaten jenes Jahres dazu bei, dass die rot-grüne Bundesregierung Programme für die Stärkung von Demokratie und Zivilgesellschaft etablierte. Deren Arbeit habe in der Öffentlichkeit einen deutlichen Sinneswandel bewirkt, meint Stephan Kramer. »Die Ansteckungsgefahr der neuen Nazis wird von niemandem mehr bestritten«, sagt der Generalsekretär des Zentralrats der Juden: »Wir sehen heute schmerzhafter hin, wo etwas im Argen liegt.«

Der geschärfte Blick entdeckt auch in Dessau weiter erhebliche Defizite. Zwar wird nicht nur Bah, sondern auch Razak Minhel, der Chef des Multikulturellen Zentrums, heute regelmäßig in Schulen eingeladen, was früher undenkbar gewesen sei: »Alle waren der Meinung, wir haben kein Problem mit Fremdenfeindlichkeit.« Um die Gründung eines Integrationsbeirats werde aber zehn Jahre nach dem Tod Adrianos noch immer gerungen, klagt Minhel: »Das ist nicht zu verstehen.« Und dass bei der gestrigen Debatte die Rathausspitze nicht vertreten war, bestätigt seine These, wonach viele Bürger noch immer »einen großen Bogen um das Thema machen«. Er regt stattdessen eine Partnerschaft Dessaus mit Adrianos mosambikischen Heimatdort an.

Zudem werden Schwarzafrikaner auch heute in Dessau noch oft als Drogenhändler statt als Mitbürger gesehen, ein Ressentiment, das durch staatliches Handeln bestärkt wird. Für erheblichen Wirbel sorgte im Dezember 2009 eine Razzia, bei der Polizeibeamte in einem vor allem von Afrikanern frequentierten Geschäft Unschuldige demütigten – und das in einer Stadt, deren farbige Bewohner seit dem Feuertod Oury Jallohs der Polizei häufig sehr misstrauen. Für das überzogene Vorgehen musste sich der Polizeipräsident entschuldigen. Dennoch gebe es in Dessau weiter verdachtsunabhängige Kontrollen, bei denen vor allem Schwarzafrikaner ins Fadenkreuz gerieten, sagt Heike Kleffner, die zudem betont, mit 40 rechten Gewalttaten im Jahr 2009 gehöre Dessau weiter zu den »Kern-Problemregionen« Sachsen-Anhalts.

Zu den Anhängern der Szene gehören offenbar auch die Mörder von Alberto Adriano: Ein noch in Haft sitzender Täter gibt eine rechte Knast-Postille heraus, ein anderer, der wieder auf freiem Fuß ist, soll sich in einschlägigen Internetforen zu Wort gemeldet haben. Razak Minhel macht das sehr nachdenklich. Er frage sich, wie erfolgreich die »Zivilisierung« der Täter in den Justizeinrichtungen verlaufe: »Das Urteil hat nichts bewirkt.«

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