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Die Wildnis braucht ihren Raum

Mario Broggi: Mensch muss Akzeptanz des Unkontrollierten wieder lernen

Mario Broggi, von Beruf Förster und Ökologe, war Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Bis 2007 lehrte er an den Unis Basel und Wien zum Thema alpine Landnutzung und Naturschutz. Kanyama Butz sprach mit ihm über die Schwierigkeiten des Menschen mit der Wildnis.
Mario Broggi, von Beruf Förster und Ökologe, war Direktor der Eidgenössischen Forschungsanstalt Wald, Schnee und Landschaft (WSL) in Birmensdorf. Bis 2007 lehrte er an den Unis Basel und Wien zum Thema alpine Landnutzung und Naturschutz. Kanyama Butz sprach mit ihm über die Schwierigkeiten des Menschen mit der Wildnis.

ND: Weshalb fällt es Menschen so schwer, Wildnis zu akzeptieren?
Broggi: Von der humanistischen Seite her gesehen gibt es zwei Welten, eine kontrollierte und eine unkontrollierte. Die kontrollierte Welt ist kultiviert und bewohnt. Die unkontrollierte ist der wilde, dunkle Wald, eben die Wildnis. Man weiß nicht, wer dort lebt, was dort passiert, Sherwood Forrest mit Robin Hood lässt grüßen. Deshalb kann dieser Teil nicht eingeordnet werden und wird eher abgelehnt. Die Wildnis strahlt eine gewisse Unheimlichkeit aus. Umso wichtiger ist die Auseinandersetzung damit, auch als Kulturbeitrag. Aus ethischer Sicht sollte sich der Mensch fragen, ob es wirklich richtig und notwendig ist, überall die Finger im Spiel zu haben und ein Terrain zu hundert Prozent zu kontrollieren. Oder ob es nicht besser ist, gewisse Teile der Natur zurück zu geben, auch mit dem Nichtwissen, was passiert.

Wo beginnt Wildnis, und wo hört sie auf?
Wildnis wird mit einer räumlichen Einheit gleichgesetzt, die eine gewisse Größe hat. In Siedlungsnähe, bei Naherholungsgebieten oder Naturgärten spreche ich eher von Wildheit. Im Grunde steht aber der gleiche Gedanke dahinter. Ich setze mich dafür sehr stark ein. Denn beides hat seine Berechtigung, die Wildnis, in die nicht eingegriffen wird und die traditionelle Kulturlandschaft, zum Beispiel mit Hecken und mit Trockenmauern. Ich bin nicht für ein entweder oder, sondern für ein sowohl als auch.

Wie viel Pflege erträgt die Wildnis, um noch Wildnis zu sein?
Keine. Sobald gepflegt wird, ist es keine Wildnis mehr. Wichtig im Naturschutz ist die Frage, was man erreichen will, also die jeweilige Zielsetzung. Wenn zum Beispiel Orchideen in einem lichten Föhrenwald geschützt werden sollen, dann geht dies nicht mit Wildnis-Überlegungen. Die Natur würde den Wald langsam verdunkeln, bis nur noch wenig Licht durchkommt. Dann wäre es mit den Orchideen vorbei und etwas Neues würde entstehen. Man muss also permanent eingreifen, um die Zielsetzung des Orchideenschutzes zu erhalten.

Wie weit ist es eigentlich möglich, die Wildnis nachzubilden, beispielsweise in botanischen Gärten?
Das Ziel botanischer Gärten ist es ja, möglichst viele verschiedene Arten zur Anschauung zu zeigen. Wenn keine Pflege geschieht, verschwinden einige gepflanzte Arten wieder und andere setzen sich durch, deshalb muss der Mensch eingreifen. Sobald große Artenvielfalt demonstriert werden soll, ist es nicht mehr möglich, die Gestaltung der Natur zu überlassen. In einem privaten Garten ist eine Art von Wildnis, ich nenne sie Wildheit, schon eher möglich. Der Vegetation kann einfach ihrem natürlichen Verlauf überlassen werden. Jedoch ist hier der Platz begrenzt, und zahlreiche andere Elemente aus der Zivilisation nehmen Einfluss.

Welches sind die größten Feinde der Wildnis?
Der Mensch und seine »grauen« Zellen, die sich nicht vorstellen können, der Wildnis einen Eigenwert zu geben. Der eine kriegt glänzende Augen vor Freude und Interesse, der andere lehnt die ihm unbekannte Wildnis ab. Wie jemand mit der Wildnis umgeht, ist auch eine Frage der Umweltbildung. Dies zeigt sich gut an der Debatte über den Wolf als Stellvertreter von Wildnis. Der Schäfer lehnt den Wolf meist kategorisch ab, während der Städter ihn als faszinierendes Tier empfindet. Der Wolf verkörpert, mehr noch als Luchs oder Bär, das Unberechenbare der Wildnis. Es sind noch viele Informationen, Abgeltungen und Präventivmaßnahmen nötig, um die Akzeptanz zu verbessern. Wie geht man mit großen Raubtieren um? In den letzten hundert Jahren haben die Menschen bei uns das Know-how verloren. Wir wissen es nicht mehr, da wir es nicht mehr erlebt haben. Wir müssen uns das Wissen erst wieder aneignen. Es braucht Zeit und kostet Geld, bis sich die Bevölkerung an den Umgang mit Wildnis und wilden Tieren gewöhnt.

Gehört der Mensch noch in die Wildnis, oder hat er dort nichts mehr verloren?
Ich finde es falsch, den Menschen auszuschließen. Es ist ein typischer, aber falscher Gedanke. Wir sind Teil der Natur. Es braucht jedoch Umweltbildung, um mit der Wildnis umgehen zu können und zu lernen, wann und in welchen Situationen wir uns zurückziehen müssen. Überhaupt können wir uns nur mit Wachstum befreunden, schrumpfen liegt uns eher fern.

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