Von unten auf zur Hochkultur

Zum Tode des Schriftstellers José Saramago

  • Von Hans-Dieter Schütt
  • Lesedauer: 3 Min.

Die Katastrophe ist der Lehrmeister, die Diktatur eine große Beihilfe zur Poesie, Bestrafung wird plötzlich Förderung. Die bösen Kräfte als Anschub des unerwartet Guten. Dies wäre die zynische Interpretation dessen, was dem portugiesischen Kommunisten José Saramago (Foto: dpa) 1975 widerfuhr: Der Nelkenrevolution damals bleichen die roten Erleuchtungen aus, sie verliert ihre Dornenkraft wider die bürgerliche Reaktion; der Sozialismus, eben noch scheinbar greifbar und von vielen als Chance begriffen, wird wieder ins Exil der schönen Utopie gejagt – der linke Journalist wird ob seiner klaren politischen Haltung aus einer Tageszeitung entlassen und wird gleichsam aus Notwehr entschlossen und unumkehrbar zum Romancier. Eine Art portugiesischer Fontane, was das Späterblühen einer künstlerischen Gabe betrifft. Der Stoß ins unwirtlich Freie als Anstoß fürs Höhere. Hölderlin lächelt uns sein geflügeletes Wort zu: Ja, immer wächst, wo das Richtende zuschlägt, das Rettende auch. Nur weiß man's vorher nie, aber plötzlich ist es beglückende Biografie. Führt zur Nobelpreisträgerschaft sogar, 1998.

»Hoffnung in Alentejo«, »Die Belagerung von Lissabon«, »Handbuch der Malerei und Kalligraphie«, »Das Todesjahr des Ricardo Reis«, »Das Evangelium nach Jesus Christus«, »Das Zentrum« – José Saramago war ein Erzähler des großen gesellschaftlichen Bogens, den er über die meist jüngste Geschichte seines Landes spannte, stets war ihm Historie Anlass zur Offenlegung akuter Ausbeutungs- und Entfremdungsverhältnisse.

Er schrieb gegen den Klerus, er porträtierte die ins Unglück der Anpassung gefesselten Ohnmächtigen, er sah den Tsunami der Globalisierung gegen uns dröhnen, er porträtierte Mut und Wankelmut der Intellektuellen während der Revolution. Sein vielleicht berühmtester Roman, »Die Stadt der Blinden«, entwirft das Gemälde einer Gesellschaft, die in der Schwärze versinkt, weil sie die Finsternis sehend heraufbeschwört.

Saramago, 1922 geboren, war Sohn eines Landarbeiters, er blieb ein Leben lang Sohn seiner Klasse, publizierte noch zuletzt leidenschaftlich für Attac. 1969 trat er der verboteten kommunistischen Partei bei. Ein Maschinenschlosser war er und später dann Büroangestellter eines Krankenhauses, eine tiefer gehende Schulausbildung scheiterte an den finanziellen Engpässen der Familie. Aber auch hier wieder die vertrackte Dialektik des Lebens: Saramagos Vater war Polizist geworden, und just diese Nähe zum Staat, die José früh und heftig als Unwohlsein empfand, bescherte ihm ermäßigte Preise für Theaterkarten. Der Rebell zugleich als Nutznießer. Von unten auf zur Hochkultur.

Und diese Hochkultur, zu der dieser Schriftsteller selber wurde, besteht bei seinen Büchern in der großen bewegenden Balance zwischen Engagement und Erzählung, klarer politischer Parteinahme und schönster »Akrobatik der Fantasie« (Paul Ingendaay, FAZ). Saramago vereinte den proletarischen Urgrund seines denkenden Gemüts, der noch bis ins Späte seiner Existenz hineinflammte, mit der distanzierten Noblesse des bürgerlichen älteren Herrn, der zu jedem Skandal gleichsam den sauber geknoteten Schlips trug – und genoss.

Er glaubte an eine aufrührerische Wirkung von Literatur, er widersprach bis zuletzt jeder Auffassung von gültiger Statik und widerstandsbeständiger Symmetrie dieser ungerecht kapitalistischen Welt. Er hoffte auf die Dynamik politischer Unordnung, mit seinen Büchern und seinem persönlichen Beispiel des unermüdlich eingreifenden Demokraten wollte er die Umkehrbarkeit der fatalen Systeme anstiften. Er tat's gleichsam so, dass man es in seinen Büchern las, ohne es zu merken. In dieser Prosa war etwas klar und hellsichtig, ohne blank durchzuscheinen. Da lag etwas klar auf der Hand, ohne das Geheimnis der Herzen zu beschädigen. Dafür der Nobelpreis.

Vor Jahren verließ der Autor seine Heimat, zog auf die spanische Insel Lanzarote. So protestierte der Atheist gegen die Kirche, die ihn zum portugiesischen Ketzer erklärt hatte. Siebenundachtzigjährig ist José Saramago jetzt auf Lanzarote gestorben.

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