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Kinderärzte für Chancengleichheit

Fachmedizinische Versorgung Heranwachsender ist häufig gefährdet

Jedes dritte Berliner Kind unter acht Jahren wird durch medizinische Maßnahmen in seiner Entwicklung gefördert. Dieser Befund aus Anlass des 40. Kinder- und Jugendärztetages, der am Wochenende in Berlin tagt, wird von Fachärzten jedoch eher als hilflose Reaktion eingeordnet. Die Grundproblematik der Chancengleichheit für Heranwachsende sei nicht gelöst.

Uli Fegeler vom Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte will angesichts zunehmender vorschulischer und schulischer Entwicklungsdefizite keine Entwarnung geben. Zwar könne die Medizin keine soziale Vorsorge leisten, aber ihre besorgniserregenden Beobachtungen teilten die Kinderärzte mit Pädagogen und Kriminalpsychologen. Seit Jahren, so der in Berlin-Spandau praktizierende Kinderarzt, fordere sein Verband, die vorschulische Entwicklungsförderung ernster zu nehmen.

Eine seit 1962 in den USA durchgeführte Langzeitstudie biete dafür eindrückliche Argumente: Danach waren im Alter von 27 Jahren von den Personen, die als Kinder an einer Vorschulausbildung teilnahmen, sieben Prozent bereits im Zusammenhang mit Drogenstraftaten verhaftet worden. Bei Personen ohne Vorschule waren es 25 Prozent. Deutliche Unterschiede zeigten sich auch, wenn man die Zahl späterer Hochschulabschlüsse, des Wohneigentums oder die Einkommenshöhe verglich – ein Besuch der Vorschule verbesserte die Sozialprognose.

Dringend überarbeitet werden müssten die Richtlininen für die Bedarfsplanung, erklärte Wolfram Hartmann, der Präsident des Berufsverbandes, auf der Konferenz. In Städten wie Köln gebe es nur einen Zulassungsbezirk, aber große Unterschiede bei der Zahl der Kinder. In Stadtteilen mit vielen ärmeren Familien seien Kinderärzte oft eine der wenigen Institutionen, die bei Vernachlässigung und Entwicklungsrückständen Alarm geben könnten. Die wohnortnahe kinderärztliche Versorgung sei jedoch besonders in diesen Gebieten – auch in Großstädten oder im ländlichen Raum – häufig gefährdet.

Problematisch bewerten die Kinder- und Jugendärzte die Betreuung ihrer Klientel angesichts der Auswirkungen der gesetzlich geförderten hausarztzentrierten Versorgung. Das System der Bevorzugung der Allgemeinmediziner als »Lotsen« im Gesundheitssystem habe sich auch in anderen Ländern nicht bewährt. Hausärzte drängten nun Eltern dazu, ihre Jüngsten bei sich einzuschreiben. Allein in Bayern seien 200 000 Kinder in Hausarztverträge aufgenommen worden. Die Allgemeinmediziner erhielten dafür eine »kontaktunabhängige Pauschale«, könnten Kinder ohne Weiterbildung aber nicht nach Facharztstandard behandeln. So würden kleine Patienten zwar an Kardiologen und andere Fachärzte überwiesen, meist aber nicht an einen Kinderarzt. Sich daraus ergebende Doppeluntersuchungen werden aus Sicht der Ärzte zu einem finanziellen Problem der Krankenkassen.

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