Werbung

Protest an der Armutsgrenze

Kirchliche Organisationen fordern gesellschaftliche Teilhabe und Rettungsschirm für sozial Schwache

Unter dem Motto »Einladen statt abhängen« luden kirchliche Organisationen gestern zu einem Aktionstag ein. Damit fand die Woche der Nationalen Armutskonferenz ihren Abschluss.

Die soziale Kluft bringe mehr Gewalt, mehr Stress, weniger Leben und weniger Vertrauen, formulierte Martin Schenk, Sozialexperte der Diakonie Österreich. »Soziale Investitionen zahlen sich aus. Für alle«, war sein Fazit auf der gestrigen Veranstaltung unter dem Motto »Einladen statt abhängen«. Die Evangelische Kirche Deutschland mit ihrem Sozialwissenschaftlichen Institut (SI) und mit Unterstützung von Diakonie, Caritas und der Evangelischen Akademie zu Berlin hatten Experten aus der Praxis und Wissenschaftler zu dem Aktionstag eingeladen, gemeinsam über Erfahrungen und Forschungsergebnisse zu diskutieren.

Soziale Gerechtigkeit steht bereits seit einer Woche im Fokus der Nationalen Armutskonferenz. Im Rahmen des Europäischen Jahres zur Bekämpfung von Armut und sozialer Ausgrenzung war es Ziel dieser Woche, die Lage armer Menschen ins öffentliche Bewusstsein zu rücken.

Die Zahlen sind alarmierend: 11,5 Millionen Menschen sind in Deutschland als arm zu bezeichnen, europaweit sind es 80 Millionen. Vor allem Kinder sind betroffen. Beispielsweise lebt in Berlin jedes dritte Kind in Armut, in Köln ist es jedes vierte.

Es ist nicht nur der Mangel an materiellen Ressourcen und Lebenschancen, der den Alltag erschwert. Vielen Betroffenen macht vor allem die soziale Ausgrenzung zu schaffen, das ergaben Studien des SI. Alleinerziehende, Hartz-IV-Betroffene, Familien, die mit wenig Geld auskommen müssen, würden an den Rand gedrängt und stigmatisiert; ihnen fehle Wertschätzung.

Armut, erklärte Schenk, sei vor allem ein Mangel an Möglichkeiten, Verwirklichungschancen und Freiheit. Die Freiheit von Raum zum Beispiel bedeute die Chance, aus einem Problemviertel einfach wegziehen zu können. Auch die Freiheit, sich erholen zu können, sei bei unteren Einkommensschichten gering. Das führe häufig zu starken gesundheitlichen Belastungen.

Die kirchlichen Organisationen betonten, dass es nicht nur um Hunger, sondern um gesellschaftliche Teilhabe geht. Menschen dürften in ihrer Entwicklung nicht vernachlässigt werden, denn dann rutschten sie weiter ab und seien nicht mehr zu motivieren.

Wolfgang Gern, Sprecher der Nationalen Armutskonferenz, kritisierte das Sparpaket der Bundesregierung als ungerecht. Er beklagte, dass der gesellschaftliche Diskurs von oben nach unten verlaufe und forderte: »Armutsbekämpfung muss mehrheitsfähig werden. Wir brauchen einen armutsfesten Mindestlohn, einen Mindestsatz, von dem man leben kann, und einen sozialen Rettungsschirm.«

Martin Schenk bezeichnete als »Lebensmittel« eines Menschen trägfähige Beziehungen, Selbstwirksamkeit (»Ich halte das Steuer in der Hand«) sowie Anerkennung und Respekt. Seien diese »Lebensmittel« nicht gewährleistet, kämpfe der Betroffene gegen Isolation, Ohnmacht und Beschämung.

Genau an diesem Punkt setzen die zahlreichen Kirchengemeinden an, die auf dem gestrigen Aktionstag ihr deutschlandweites Engagement vorstellten: Mit Mittagstischen, Obdachlosenhilfe, Nachbarschaftshilfe, Kinderarbeit, Sozial- und Lebensberatung, Friseur und vielem mehr versuchen sie, Grundbedürfnisse zu decken und Teilhabe am Leben zu ermöglichen.

Auch der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte meldete sich gestern zu Wort: »Wir beobachten mit Sorge, dass in Deutschland Kinder nicht ausreichend zu essen haben und Hunger leiden müssen.« Die Kinder-Regelsätze seien zu niedrig und das geplante Sparpaket verschärfe die Lage für Jungen und Mädchen aus armen Familien weiter.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln