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Die Schuhe toter Juden am Donauufer

Iván Sándor geht in Budapest auf eine schmerzliche Spurensuche

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Auf dem Cover steht ein Mann auf einer Brücke, ein Herr aus Bronze, in Hut und Mantel. Man sieht ihn von hinten, er blickt auf das Budapester Parlament, diesen Prunkbau am Ufer der Donau. Die Brücke, ein Denkmal auf dem »Platz der Märtyrer«, führt von Irgendwo nach Nirgendwo, der Bronzemann ist Imre Nagy. Mit dem Buch von Iván Sándor hat der Volksheld von 1956 nichts zu tun, aber die Brücke passt zu Sándor: Der Romancier, Jahrgang 1930, sucht einen Weg, aus dem Heute ins Gestern zu gelangen, über den Sumpf der Jahrzehnte hinweg, in immer neuen Anläufen sucht er diesen Weg.

»Spurensuche« heißt das jüngste Buch in deutscher Übersetzung. »Eine Nachforschung« steht darunter. Und dann »Roman«. Die widerstreitenden Begriffe umschreiben Sándors Anspruch und Dilemma: die schöne Literatur mit der historiographisch forschenden zu verbinden.

»Spurensuche« führt uns zurück in das Jahr 1944, zu einem jüdischen Ich-Erzähler namens Iván Sándor, damals vierzehn Jahre alt. Ungarn ist von den Deutschen besetzt, gemeinsam mit der Wehrmacht regieren die faschistischen Pfeilkreuzler. Schon steht die Rote Armee im Land. Wenig später wird die Metropole eingeschlossen sein, im Dezember beginnt die Belagerung, die Schlacht um Budapest. Die Pfeilkreuzler führen in diesem apokalyptischen Ambiente ungerührt ihre eigene Schlacht. In den Monaten zuvor sind Hunderttausende Budapester Juden nach Auschwitz deportiert worden. Nun, im Spätherbst 44, sterben weitere Zehntausende: auf Todesmärschen oder – erschossen, ertränkt von den einheimischen Nazis – am Ufer der Donau, gleich in der Stadt.

Eine Nacht im November: Klingelterror morgens um sechs, Fausthiebe gegen die Tür, gebellte Befehle – jetzt wird auch die Familie des Erzählers aus dem Ghetto geholt. In Kolonne treiben die Pfeilkreuzler die Juden durch die Stadt, in eine Ziegelei am Rand. Sándor hat Glück. Männer mit Rotkreuz-Armbinden holen die Minderjährigen und die Alten aus dem provisorischen Lager. (Die Eltern werden ebenfalls überleben.) Wochenlang irrt der Jugendliche mit einer Freundin durch die gespenstische Metropole, auf Odyssee in der eigenen Stadt. Hier und da, in einem halbwegs sicheren Heim, einem Krankenhaus, können sie ruhen, dann müssen sie weiter. Was Iván damals nicht weiß: Er hat einen Schutzengel in den Wochen des Horrors. Carl Lutz aus dem Appenzell, Vizekonsul der Schweizer Botschaft. Der Mann – historisch verbürgt – ließ für 60 000 ungarische Juden Schutzbriefe ausstellen. Der Schwede Raoul Wallenberg, ab Juli 1944 in Budapest, soll von Lutz inspiriert worden sein. Bittere Ironie: Nach Kriegsende, daheim in der Schweiz, wurde Carl Lutz gerügt – weil er seine Kompetenzen überschritten hatte ...

Der Bericht von Deportation und wundersamer Rettung des jungen Iván Sándor bildet eine Ebene im Buch. Auf einer zweiten Ebene, in den Siebzigern und in der Jetztzeit, geht der Schriftsteller Stationen seiner Schreckensreise ab. Er trifft Gefährten von damals, und er recherchiert Lutz’ Geschichte, er imaginiert die Wege des Schweizers durch Budapest. Auf einer dritten Ebene ergründet der Verfasser – wie schon in Büchern zuvor – den Prozess der Erinnerung: Wie glaubhaft ist das, was wir zu wissen glauben? »Zeit ist immer Gegenwart«, schreibt Sándor. Er sucht die Annäherung an das Ich von einst. Eine Schicht nach der anderen legt der Archäologe deshalb frei (um sie gleich wieder zuzuschütten), Schichten im Gedächtnis, Schichten im Stadtbild.

»Ich bin der vierzehnjährige Junge und sehe das Gesicht eines alten Mannes, der mich beobachtet, während er über ein Blatt Papier gebeugt zu beschreiben versucht, was er sieht.« Der Alte will den Jungen hören und der Junge den alten Iván Sándor. Der Trick ist nicht neu in der Literatur (Fernando Vallejo nutzte ihn, auch Jorge Semprún), doch er fasziniert immer wieder.

Die drei Ebenen werden im Buch nicht voneinander getrennt; divergierende Zeit- und Erkenntnisniveaus verschwimmen ineinander. Vermischung ist für Sándor ästhetisches Prinzip: Was er aus dem Gedächtnis und aus Archiven holt, verbaut er in einem Irrgarten der Erinnerung. Bisweilen scheint es, als würde sich der Erzähler in diesem Labyrinth verlieren. Die Lektoren bei dtv sahen dies wohl auch so. Gleich zweimal im Buch findet sich der warnende Hinweis: »Die chronologische Reihenfolge der Kapitel wurde vom Autor bewußt durchbrochen.«

Andere Verfolgte sind weggegangen vom Ort des Grauens. Sándor blieb. Doch auch er sucht noch immer nach der eigenen Identität. Aus diesem Grund stellt er Fakten in den Mittelpunkt der »Nachforschung« (ergänzt mit Erfundenem); er schreibt schlicht, dokumentarisch; er hat dem Buch alte Stadtpläne beigegeben (im Weichbild sieht man einen Hitler-Platz und einen Mussolini-Platz). Schaut her, heißt das alles, so kann es gewesen sein.

In einem Interview sagte Iván Sándor, er wolle mit dem Buch »die Leute in die Vergangenheit schubsen«. Doch die Leute lassen sich nicht schubsen. Und deshalb wird der Erzähler weitere Nachforschungen unternehmen, weitere Versuche der Selbstvergewisserung. Wieder wird er auf Spurensuche sein, rastlos unterwegs in seiner Stadt. Er wird zu einer Bronzebrücke gehen, die doch nicht zurückführt ins Gestern. Und ein paar hundert Meter entfernt vom Parlament wird Sándor schließlich am Donauufer verweilen, an einer Stelle, die vor Jahrzehnten fast zu seinem Todesort geworden wäre. Schuhe stehen auf der Brüstung am Wasser, von Frauen, Kindern, Männern, von Jungen und Alten, ausgetretene Schuhe, an die sechzig Paar, wie hingeworfen, abgestellt. Die Schuhe sind aus Metall – Erinnerung an jene Budapester Juden, die hier erschossen und in den Fluß gestoßen wurden.

Iván Sándor: Spurensuche. Eine Nachforschung. Roman. Aus dem Ungarischen von Katalin Fischer. Deutscher Taschenbuchverlag. 340 S., brosch, 14,90 €.

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