Werbung

Theater unterm Dach

Ein spiel für s.

Bei uns droht die ABOkalypse!

Wir brauchen zahlende Digitalleser/innen.

Unterstütze uns und überlasse die Informationsflanke nicht den Rechten!

Mach mit! Dein freiwilliger, regelmäßiger Beitrag:

Was soll das sein

Wir setzen ab sofort noch stärker auf die Einsicht der Leser*innen, dass linker Journalismus auch im Internet nicht gratis zu haben ist – mit unserer »sanften« nd-Zahlschranke.

Wir blenden einen Banner über jedem Artikel ein, verbunden mit der Aufforderung sich doch an der Finanzierung und Sicherstellung von unabhängigem linkem Journalismus zu beteiligen. Ein geeigneter Weg besonders für nd-Online-User, die kein Abo abschließen möchten, die Existenz des »nd« aber unterstützen wollen.

Sie können den zu zahlenden Betrag und die Laufzeit frei wählen - damit sichern Sie auch weiterhin linken Journalismus.

Aber: Für die Nutzung von ndPlus und E-Paper benötigen Sie ein reguläres Digitalabo.

Ronald M. Schernikau war anders. Nicht, weil er Männer liebte. Eher, weil er gerne in der Gegenrichtung unterwegs war. Im September 1989 ließ er sich aus dem Westen kommend in der DDR einbürgern. Tausende rannten raus. Schernikau spazierte rein. Denn während man im Westen sagte, man könne gegen dies und jenes ohnehin nichts tun, sei im Osten immer noch die Option »es wird« gewesen. Unbekannt war ihm das Land nicht. Er hatte als »Ausnahmestudent« aus dem Westen in Leipzig Literatur studiert, wonach sein Buch »leben in l.«entstand.

Der junge Schriftsteller hatte mit Peter Hacks kommuniziert und ihn gefragt, ob es gut sei, in den Osten zu wechseln. Wenn er ein großer Dichter werden wolle, antwortete Hacks ihm, habe er keine andere Wahl. Die DDR allein würde die Fragen des Jahrhunderts »auf ihre entsetzliche Weise« stellen. Also kam Schernikau, lebte in Hellersdorf und wurde Hörspiel-Dramaturg im Henschelverlag. Zu einer anderen Zeit hätte dieser ungewöhnliche Einwanderer sicher Aufsehen erregt – »schreiben schwulsein kommunistsein. glaube liebe hoffnung. kindlich tuntig selbstbewusst«. Alles, was er Großes vorhatte, schrieb er klein. Er kümmerte sich nicht um Interpunktion.

Eine Theaterproduktion von PortFolio Inc. mit dem Theater unterm Dach Berlin und dem LOFFT Leipzig beschäftigt sich mit dem Leben des jungen Dichters, der nur 31 Jahre alt wurde und 1991 an Aids starb. Regisseur Marc Lippuner, der auch die Textfassung schuf, bezeichnet sein Stück »Schernikau.Sehnsuchtsland« als dreiseitige Annäherung. Vor diese Aufgabe stellt er die drei Schauspieler Stefan Aretz, Thomas Georgiadis und Michael F. Stoerzer. Sie machen daraus kein Trauerspiel. Bei aller Ernsthaftigkeit ist da immer Augenzwinkern, während sie im Schernikauschen Sinne über Kapitalismus, Sozialismus und Kommunismus streiten.

Das ist interessant in dieser Zeit, in der der Kapitalismus in der Krise dümpelt. DDR und BRD seien niemals vereinbar, hatte der junge Dichter gesagt. Die Entwicklung ab Herbst 1989 sah er als Konterrevolution. Er glaubte nicht, dass man ohne diese Erkenntnis in der Zukunft würde Bücher schreiben können. Lesenswert ist seine Rede auf dem Schriftsteller-Kongress der DDR 1990.

Die Schauspieler zitieren aus der Rede. Ebenso aus der »kleinstadtnovelle«. Diese Geschichte über das Coming Out eines Homosexuellen in der Provinz schrieb er vor dem Abitur. Es erschien im Rotbuch Verlag und wurde sein erster Erfolg. Seine wichtigste Arbeit aber war die »legende«, die er 1990 noch beenden konnte. In diesem 800 Seiten langen Werk scherte er sich nicht um Grenzen der Genre. Er montierte alles aneinander, was es nur an literarischen Möglichkeiten geben kann. Da sind Theorien, Fantasien, auch die Geschichte seiner Mutter, die aus Liebe zu einem Mann mit dem 6-jährigen Ronald die DDR verließ. Wer mehr wissen will, dem bleibt die Biografie »Der letzte Kommunist. Das traumhafte Leben des Ronald M. Schernikau« von Matthias Frings.

Regisseur Lippuner beweist mit seiner exzellenten Textfassung den Blick für das Wesentliche. Er folgt Schernikaus Montagemethode und den gedanklichen Exkursionen des Dichters, der mit Worten fliegen konnte und dennoch immer wieder am Boden zu landen fähig war.

1983 beschäftigte Ronald M. Schernikau die Frage, ob Schlager blöd und unpolitisch sein müssen. Er schrieb einen Schlagertext über den Mann, der erst ein schlechter Schauspieler und dann Präsident war. Namen brauchte er nicht nennen. Marianne Rosenberg hat's gesungen – »amerika«.

Wieder 1.-4.7., 20 Uhr, Theater unterm Dach, Tel.: 902 95 38, www.theateruntermdach-berlin.de

ndPlus

Ein kleiner aber feiner Teil unseres Angebots steht nur Abonnenten in voller Länge zur Verfügung. Mit Ihrem Abo haben Sie Vollzugriff auf sämtliche Artikel seit 1990 und helfen mit, das Online-Angebot des nd mit so vielen frei verfügbaren Artikeln wie möglich finanziell zu sichern.

Testzugang sichern!