Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Rettungsring im Männerhaus

Im brandenburgischen Ketzin gibt es seit 2008 einen Zufluchtsort für Opfer weiblicher Gewalt

  • Von Haiko Prengel, dpa
  • Lesedauer: 3 Min.
Welcher Mann gibt schon zu, von der eigenen Frau geschlagen zu werden? Im brandenburgischen Ketzin steht Deutschlands einziges Männerhaus. Schutz suchen dort gebrochene Männer, die nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll.

Ketzin. Die übelsten Attacken seiner Frau passierten nachts, wenn Dietmar Gettner schlief. Dann kam sie manchmal betrunken ans Bett und knickte ihm brutal die Finger um. Tagsüber machte sie »Psychoterror«. Heute lebt der 66 Jahre alte Rentner und ehemalige Schiffskapitän längst ohne sie: Im brandenburgischen Ketzin betreibt er zusammen mit einem Diplom-Pädagogen Deutschlands einziges Männerhaus. Es ist ein abgelegenes Asyl im grünen Havelland für Männer, die Opfer partnerschaftlicher Gewalt wurden und nicht mehr wissen, wie es weitergehen soll in ihrem Leben.

Von der Politik ignoriert

Denn nicht nur Frauen, auch das vermeintlich starke Geschlecht wird in Beziehungen weitaus öfter geprügelt und gedemütigt als öffentlich bekannt. »In Deutschland traut sich kaum jemand, offen über dieses Problem zu sprechen«, sagt Gettner. Von der Politik wurde das Thema lange ignoriert. Rund 400 Frauenhäuser gibt es in Deutschland, ein flächendeckendes Netz mit breiter finanzieller Unterstützung. Eine Einrichtung für geschlagene Männer sucht man jenseits von Ketzin vergebens.

Zusammen mit dem Diplom-Pädagogen Horst Schmeil betreibt Gettner das Haus seit zwei Jahren. Auch Hilfe suchende Frauen werden dort nicht abgewiesen. Nicht immer sind alle Zimmer belegt: Männer wagen es eben nur selten, zuzugeben, von der eigenen Frau geschlagen zu werden. »Die schämen sich viel zu sehr«, sagt Pädagoge Schmeil.

Vor ein paar Wochen traute sich dann doch mal wieder einer – ein junger Mann Ende 20. Erst hatte er sogar den Mut, bei der Polizei anzurufen. »Aber die haben ihn ausgelacht«, berichtet Gettner. Zusammen mit Schmeil holte er den Hilfesuchenden vom Bahnhof ab. »Er hat bitterlich geweint, war ganz zerkratzt und hatte blaue Flecken im Gesicht. Sein Geld hatte ihm seine Frau auch abgenommen«, erzählt Gettner. Sie nahmen den jungen Mann für ein paar Tage auf und unterstützen ihn mit langen Gesprächen. Die ersten Frauenhäuser wurden in Deutschland in den 1970er Jahren aufgebaut. Die erste Studie zum Thema Gewalt gegen Männer veröffentlichte das Bundesfamilienministerium 2004. Ihr zufolge widerfuhr jedem vierten der befragten 200 Männer einmal oder mehrmals »ein Akt körperlicher Gewalt« durch die Partnerin.

Im Verhältnis 1:1

Deshalb sei »die Schaffung eines öffentlichen Bewusstseins für Ausmaß und Folgen der Gewalt gegen Männer von großer Bedeutung«, heißt es in der Studie. Allerdings seien weitere Forschungen erforderlich. In den Augen von Gerhard Amendt verhält sich die deutsche Politik »schlicht ignorant«. Der emeritierte Universitätsprofessor leitete das Bremer Institut für Geschlechter- und Generationenforschung und beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema fraulicher Gewalt gegen Männer. »Ich benenne eine Realität, die man nicht wahrhaben möchte«, sagt Amendt. Und die sehe so aus: Frauen sind in Partnerschaften genauso gewalttätig wie Männer – Verhältnis 1:1. »Das haben rund 200 internationale Studien bestätigt, die erste im Jahr 1985«, erläutert Amendt. »Wir müssen uns endlich von der Illusion verabschieden, dass nur Männer gewalttätig sind.«

In Ketzin erweitern Gettner und Schmeil ihr Männerhaus gerade. Bald soll es zwölf Zimmer geben. Der Flur ist schon frisch gestrichen, dort hängt auch ein Erinnerungsstück an Gettners letztes Schiff: ein rot-weißer Rettungsring.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln