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Auf dem Weg zu einer neuen Vision

  • Von Marco Berlinguer
  • Lesedauer: 4 Min.

Je mehr sich die globale Finanzkrise verschärft, desto schwächer scheint die Linke zu werden. Italien zumindest ist ein Beispiel für diesen Trend. Dennoch konstatieren wir eine qualitative Veränderung. Ob zum Guten oder zum Schlechten, steht noch aus. Fakt ist: Wir stehen an einem Wendepunkt.

Mit Giovanni Arrighi ließe sich sagen, wir seien an die Grenzen des »langen Zyklus finanzieller Expansion« gestoßen und das System der Staaten investiere und desorganisiere sich nun im eigenen Zentrum. Orientierungslos sind dieses Mal vor allem die Gesellschaften im Norden der Welt. Sie sind in der Hand der herrschenden Klasse, die nur noch improvisiert. Ihr einziges Projekt konzentriert sich auf den verzweifelten Versuch, die alte »Normalität« wieder herzustellen. Ihre Liste außergewöhnlicher, heterodoxer und nie zuvor gesehener Maßnahmen ist bereits jetzt beeindruckend lang. Doch wir können sicher sein, dass sie noch längst nicht erschöpft ist.

Um diese »Mission Impossible« ermessen zu können, sollten wir fragen, wie intensiv und zerstörerisch die »Akkumulation durch Enteignung« (David Harvey) werden wird, die die heute schon schwächelnden und unter Legitimitätsverlust leidenden Staaten durchsetzen müssen, damit der Glaube an die Pyramide des »fiktiven Kapitals« (von Schulden und geschrumpften Finanzwerten), das in den vergangenen Dekaden angehäuft wurde und nun wegschmilzt, erhalten bleibt. Der Rettungsversuch wird jedoch nicht nur zu mehr Ungleichheit, Verarmung und Ausgrenzung führen; er bringt weitere ökonomische Depression und verschlimmert die Finanzkrise der Staaten.

Das beschämende Endspiel, dem wir beiwohnen, in dem Nationen und Zentralbanken mit allen möglichen Tricks das Finanzkapital künstlich am Leben halten, während dieses zum spekulativen Spiel zurückkehrt und auf das Scheitern der Staaten – und damit ihrer eigenen letzten Stütze – setzt, ist Ausdruck eines Systems, das schlicht verrückt wird. Verwirrung und Frustration sind die Folge der scheinbar ausweglosen Lage, in der wir uns befinden. Dies könnte unsere Gesellschaften weiter in die Arme irrationaler und desintegrierender Kräfte treiben. Doch gerade hier – in der zunehmend als systemisch wahrgenommenen Natur der Krise – liegt auch eine Chance.

Verzichten wir also auf Verzagtheit und intellektuelle Subalternität! Trennen wir uns von den Ideen, die unseren Geist gefangen halten oder, wie Keynes sagen würde, »versklaven«! Gäbe es heute eine politische Führung, müsste sie mit Priorität ein herausragendes intellektuelles Bemühen fördern, die fundamentalen Veränderungen im Panzer der Finanzwelt zu erfassen und neu darzustellen, deren wichtigste die digitale Revolution ist und das, was der spanische Soziologe Manuel Castells als »Informationalismus« bezeichnet.

Wie in den 1930er Jahren, wenngleich in ganz anderer Form, brauchen wir dringend einen neuen institutionellen Rahmen, um die von Karl Polanyi beschriebene neue »Einbettung« der Ökonomie in die Gesellschaft zu steuern und den Warencharakter in zentralen Bereichen zu überwinden (Dekommodifikation). Im Mittelpunkt steht dabei vermutlich das Geld. Der Verfall des Finanzsystems und seiner unhaltbaren Widersprüche und Irrationalitäten sollte uns unmittelbar und mutig die private Aneignung und die kapitalistische Verabsolutierung der Geldschaffung in Frage stellen lassen, die die Grundlage der neoliberalen Wende und ihrer katastrophalen Folgen sind.

Jenseits der politischen Systeme zeichnet sich eine zunehmend verbreitete, neue, kritische Suche ab. In nie dagewesener Weise mischen sich in ihr Traditionen, soziale Kräfte, intellektuelle und kreative Fähigkeiten. Als Schwarm attackiert sie aus unterschiedlichen Ecken grundlegende Konzepte, auf denen das bestehende institutionelle und ideologische Rahmenwerk beruht. Wir müssen unser Verständnis von Reichtum, Wert, Entwicklung, Wohlstand hinterfragen und neue Wege des Verstehens und Regulierens kollektiver Koordination, Aktion und Produktion erkunden. Wir müssen unsere Vorstellung von den Abhängigkeiten, denen wir als Menschen und als Teil der Natur unterliegen, erweitern und transformieren. Wenn es heute eine Chance gibt, dann liegt sie hier: in der Verdichtung dieser diffusen, doch noch schwachen, zerstreuten, neuen, kritischen Untersuchung auf dem Weg hin zu einer neuen politischen Vision.

Übersetzung aus dem Englischen: Lilian-Astrid Geese

Nächster Montag: Repliken auf Katja Kippings Text »Nicht auf der Höhe der Zeit« in ND vom 21. Juni

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