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Gute schlechte Nachrichten

  • Von Brigitte Zimmermann
  • Lesedauer: 3 Min.
Flattersatz: Gute schlechte Nachrichten

Für Freunde der guten Nachricht kam jüngst die Meldung herein, dass der Genuss von Kaffee vor Krebs schützt. Wie bei allen guten Nachrichten ist es auch bei dieser angezeigt, wenigstens zwei Nachforschungen anzustellen: Von wem kommt die Meldung? Und gibt es außer der behaupteten wohltätigen Wirkung des Kaffees sowie jedes anderen empfohlenen Produkts zusätzlich heillose Sachen, vor denen sie nicht nur nicht schützen, sondern deren Verursacher sie gar sein könnten?

Im vorliegenden Fall erkennen wir erfreut, dass die Botschaft vom Krebsschutz des Kaffees ihren Ausgangspunkt nicht beim Deutschen Kaffeeverband hat. Plattes Marketing wäre also vorerst auszuschließen. Quelle der Nachricht ist vielmehr die Universität von Utah in Salt Lake City, über die hier keineswegs Nachteiliges verbreitet werden soll. Aber es wäre schön, wenn zwei, drei weitere Studien ihre Empfehlung bestätigen, mit dem Verbrauch von mindestens vier Tassen Kaffee am Tag sei das Risiko von Tumoren im Mundraum, aber auch in Hirn und Prostata erheblich einzuschränken. Immerhin behauptet die Studienleiterin, so steht es in der österreichischen Zeitung »Der Standard«, dass die Erkenntnisse vom Salzsee »weitreichende Folgen für die öffentliche Gesundheit« hätten. Online leuchtet neben der »Stan- dard«-Meldung allerdings die Nes-presso-Kaffee-Werbung mit einem bekannten Schauspieler auf. Das gibt zu denken.

Bei der weiteren Recherche stoßen wir auf eine Studie der Havard Medical School. Also ebenfalls aus den USA und verbreitet von »Welt-online«. Aus der soll hervorgehen, dass der Genuss von Kaffee, es ist hier von mindestens drei Tassen die Rede, die Wahrscheinlichkeit von Eierstockkrebs erheblich vermindert. Und pauschal wird in dem Text erwähnt, frühere Studien hätten die segnende Wirkung des Kaffees auch bei Diabetes, Parkinson und Gicht erwiesen. Mein lieber Schwan. Allerdings heißt es einschränkend, unklar wäre, ob diese guten Taten des Kaffees überhaupt mit dem Koffein zusammenhängen oder auf andere Bestandteile zurückzuführen sind: Antioxidantien, Säuren, Minerale. Auch das gibt zu denken.

Dann erreichen wir bei der Spurensuche im Netz »Focus«. Dort findet sich im Zusammenhang mit unserem Thema neudeutsch formuliert die Message, dass Kaffee auch die Leber schützt. Organisch war das jetzt fällig. Als Quelle der frohen Kunde ist die TH Aachen notiert. Und es wird gleich eine Verbindung zu Schluckspechten hergestellt, die ihre Leber gern überstrapazieren. Ein Tässchen Kaffee zwischendurch verhindert, so liest man, dass sich gesunde Leberzellen in nutzloses Gewebe verwandeln können. Ein Mittel gegen die Verwandlung vager wissenschaftlicher Erkenntnisse in anbiedernde Meldungen scheint Kaffee aber definitiv nicht zu sein.

Während das Unterbewusstsein schon ein wenig darüber nachdenkt, warum wohl Herz, Magen und Galle bei der offenbar laufenden Charity-Aktion für den Kaffee ausgelassen wurden, kann der zufällige Blick auf die Wissen-Seite der »Süddeutschen Zeitung« nur noch Schockstarre auslösen. Da steht geschrieben, Versuche mit Mäusen hätten ergeben, dass Koffein auch die Skelettmuskeln stärkt. Und zwar schon in Konzentrationen, die für starke Kaffeetrinker unterhalb der Dopinggrenze erreichbar sind. Britische Forscher aus Coventry hätten das jüngst auf einer Tagung in Prag zum Besten gegeben. Die Muskeln also auch noch. Allheilmittel Kaffee.

Um Seriöses von Unseriösem zu unterscheiden, müsste der Konsument solcher Meldungen sich allein auf die Suche begeben und die Geldgeber all dieser Studien ermitteln, deren Ergebnisse zum Lobe des Kaffees nahezu gleichzeitig das Licht der Öffentlichkeit erreicht haben. Das macht natürlich keiner, zumal man es beinahe für jede Nachricht, nicht zuletzt auch die politischen, leisten müsste. Da fragen wir letzten Endes kurzerhand unseren Arzt oder Apotheker und bleiben, was wir trotz moderner Kommunikationsmittel sind: komplex uninformiert.

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