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Im Dienste der Stauffenbergpartei

Das Tagebuch des Jeremy-Maria zu Hohenlohen-Puntiz – 2. Folge

Sause in meiner Bude. Der Festsaal, eine Dachkammer wie von Spitzweg gemalt. Das Gastmahl, preußisch, einfach, gut. Pellkartoffeln, geräucherte Forelle, Radieschensalat. Und als Unterhaltungsprogramm Leonore, die Kalle die Brille von der Nase stibitzt. Wulff hat es nun also geschafft. Roland persifliert seine Rede vor den Unions-Delegierten, Ursel gibt Frivoles über den neuen Präsidenten preis. Opium, Kokain. Befreites Lachen dringt in den Hof, bricht sich an der Brandmauer, kehrt als honigsüßes Echo zurück.

Später, ich auf dem Schaukelstuhl, die anderen auf dem Parkettimitat zu meinen Füßen. Aufgerissene Münder, Glucksen, Laute des Entzückens. Ich lese aus dem Parteiprogramm. Referiere über die Einführung eines leistungs- und herkunftsabhängigen Wahlrechts, preise die Wiedereinführung der Prügelstrafe als ein Instrument, das die Strafanstalten entlastet und zudem für soziale Gerechtigkeit sorgt. Erkläre die Vorteile eines sechzehngliedrigen Schulsystems gegenüber der gleichmacherischen Dreigliedrigkeit. Applaus mit jeder Atempause.

Auf einmal, wie im Rausch, krakelt Jauch seine Lieblingsforderung der Stauffenbergpartei: »Das Stadtschloss muss Sitz der neuen Regierung sein!«

Ich wundere mich, in unserer Runde hatte ich den sparsamen Hau-Drauf-Journalisten bisher als zurückhaltend erlebt. Dann schießt es auch aus Roland heraus: »Sozialleistungen nur in Naturalien!« Und Hotte schnarrt: »Polen, erst entschuldigst du dich für den Angriff auf den Sender Gleiwitz!« Alsbald meldet sich ein jeder zu Wort, ein ungestümes Crescendo aus dem Parteiprogramm.

»Mit Laptop und Pickelhaube in die Zukunft!«, rufe ich, der ekstatische Spaß hat auch mich mitgerissen.

»Intelligenztests für Ausländer!«, verlangen Ursel und Kalle. Doch hier muss ich den Ulk beenden. Solchen Unsinn haben wir nie beschlossen. In bestimmten Zyklen des Kapitalismus muss die Wirtschaft auf minderbemittelte, genügsame Arbeiter zurückgreifen. Vor allem der Agrarbereich. Ein ganz anderer Ansatz ist notwendig. Wenn friedlichen Kretins die Einreise unter der Bedingung gestattet wird, dass sie sich auf eigene Kosten sterilisieren lassen, stellen sie keine Gefahr dar. Das ist vernünftige Wirtschaftspolitik.

Ich mache aus meinem Ärger keinen Hehl. Ausgerechnet unsere Realos, Kalle und Ursel, die einzigen Minister, die wir in der gegenwärtigen Regierung noch stellen, greifen diese Traumtänzerei auf. Nächste Woche wollen wir geschlossen bei Wulff einrücken, da muss jeder das Parteiprogramm kennen. Ein Streit entfacht sich. Vorwürfe, böse Worte, kindlicher Zorn. Roland pflichtet mir bei. Hotte will schlichten. Indes, die Stimmung ist gekippt und meine Prinzipientreue hat alles verdorben. An der Tür ringe ich mit mir. Im Hals ein Kloß, von der gefühlten Größe eines märkischen Findlings. Dabei bin ich mir bewusst, den beiden in den letzten Wochen viel zugemutet zu haben. Kalle, dem ich den Umbau des Heeres abverlangt habe, Ursel, die erst Bundespräsidentin hatte werden sollen und nun als Polit-Geisha geht, doch ich finde nicht den richtigen Ton, bin Geisel meiner zu Hohenlohen-Puntizschen Arroganz. Natürlich werden wir uns versöhnen, wir sind wie liebende Eheleute, über die ein kurzes, heftiges Gewitter hereingebrochen ist.

Nun sind alle gegangen. Leonore döst im Käfig unter dem Seidentuch. Ich lümmele auf dem Bett, blättere im George, Das Jahr der Seele, in der schönen Ausgabe des Hans-Jürgen Maurer Verlags, und gönne mir eine Extradosis Valium. Eine Nacht durchschlafen, bei dieser Hitze, ein Luxus für den grübelnden Strategen.

Dies ist die zweite Folge eines wochenfrischen Tagebuchromans, der jeweils in der Mittwochausgabe des ND erscheint. Die nächste Folge erwarten wir am 14. Juli 2010.

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