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Ein Jahrhundert wird besichtigt

Die spannende Lebensbeichte des Ilja Ehrenburg: »Menschen Jahre Leben«

In Hannover gestaltet ein Regisseur einen Theaterabend mit Heiner-Müller- und Ilja-Ehrenburg-Texten. Wie geht das zusammen? Schwierig bestimmt! Aber ich will es genauer wissen.

Vor Jahrzehnten lasen wir mit großem Interesse – und nicht kritiklos – die drei Bände (bzw. sechs Bücher) von Ilja Ehrenburgs spannender »Lebensbeichte« mit dem Titel »Menschen Jahre Leben«. Das siebente Buch, »jener einschneidenden Entwicklungsphase ... gewidmet, die mit dem Tod Stalins einsetzte und vor allem durch den XX. Parteitag der KPdSU geprägt wurde«, erschien erst zwölf Jahre später (1990) und ging in den damaligen euphorischen Umwertungen fast unter. Dabei gehört es, wie man nach dem Wiederlesen des Werkes feststellt, unmittelbar dazu. Ohne diese Kapitel sind die Memoiren unvollständig.

Nun gehen für mich aber erst einmal einige Bemühungen los, denn mein Bücherschrank enthält zwar einige Romane Ehrenburgs, die Memoiren aber nicht. Kein Verlag bietet derzeit dieses Standardwerk an (welche Lücke!). Aber ich habe Glück, erstehe alle vier Bände zusammen antiquarisch und besitze nun geradezu einen Schatz.

Ein Jahrhundert wird besichtigt. Zeitgeschichte, Weltgeschichte, russische, sowjetische, europäische Geschichte, politische und Kulturgeschichte erstehen noch einmal und authentisch in diesem »Roman mit der Geschichte« (Ralf Schröder). Es sind »die Lebenslinie des Menschen, des Volkes, des Jahrhunderts«, die hier aufgezeichnet sind. Alle rund 1900 Seiten sind spannend zu lesen von Anfang bis Ende. Ich kenne nichts »romanhaftes« Vergleichbares. Das wird mir jetzt mehr als vor Jahrzehnten bewusst.

Allein die Editionsgeschichte ist spannend, in Moskau erschienen die drei Bände Memoiren 1966/1967, in der DDR erst 1978. Man kann auch vieles zwischen den Zeilen lesen, Ausgelassenes, Irrtümer und Einsichten. Man kann Widersprüche finden, vor allem aber Hoffnungen.

Bevor wir genauer in die Bücher schauen, sollten vielleicht zwei Dinge gesagt sein: Äußerst geschickt, intelligent und hoch gebildet hat der Mann, der das Wort »Tauwetter« als Titel eines Romans und Kennzeichnung einer Epoche fand, sein Lebensschiff durch Eisberge, Eiszeiten, Revolutionen, Kriege und »Säuberungen« navigiert, wohl wissend um die ständigen Bedrohungen. Zum anderen hat Ilja Ehrenburg lebenslang, auch in Zeiten übler Formalismusdebatten, an seinen Zielen, Gerechtigkeit und Schönheit, festgehalten. Er strebte immer danach, eine neue Gesellschaftsordnung und die Kunst zu verbinden. Erstaunlich war sein Kunstverstand. Lebenslangem Reisen und den unendlich vielen persönlichen Begegnungen ist das zu verdanken. »Da ist ein Rest Staunen des Bildungsbürgers ... das amüsierte Lächeln des Globetrotters, ein Hauch von Verliebtheit in ein Einzelnes – die zärtliche Schwellenkundigkeit des Flaneurs ... und dann schon die Ahnung jenes unausweichlich sentimentalen Europatourismus unserer Tage...«, hat Fritz Mierau geschrieben.

Aber das ist nur eine Seite, die Memoiren verdeutlichen vor allem »den fabelhaft scharfen Blick« (Georg Lukács) dessen, der die Höllen des Jahrhunderts erlebte und dem gerade deshalb die Kunst als Glück einer kommenden Generation erscheinen musste. Ilja Ehrenburg, geboren 1891 in Kiew, aufgewachsen in Moskau, schrieb schon sechzehnjährig Zeitungsartikel und arbeitete früh in der kommunistischen Untergrundbewegung. Dafür landete er in einem zaristischen Gefängnis. Danach floh er nach Paris, wo er, in großer Armut lebend, bald die Emigrantenszene (auch Lenin) kennenlernte. Lebensmittelpunkt war das legendäre »Rotonde«.

Während des Ersten Weltkrieges arbeitete er als Kriegskorrespondent. Nach der Februarrevolution kehrte er nach Russland zurück. In den kommenden Jahren leitete er Kindertheater, schrieb Gedichte und Romane und vor allem Zeitungskorrespondenzen. Bald wieder in Paris, traf er nun die neue russische Emigrantengeneration an. Einmal in Berlin, dann wieder in Moskau oder auch andernorts in Europa unterwegs, sah er wachen Auges den aufkommenden Faschismus. Er erlebte den Spanischen Bürgerkrieg und den Zweiten Weltkrieg, oft an vorderster Front. In den »bitteren Jahren« zwischen 1945 und 1953 sah er die Wiederholung des Schreckensjahres 1937 mit den stalinistischen Säuberungen. Unermüdlich war er aber auch zu dieser Zeit unterwegs, nun für die Arbeit in der Friedensbewegung. Er reiste nach Amerika, Indien, China und Japan.

Das besondere der Erinnerungen sind die in den Text integrierten »Porträts« von Menschen, die er traf. Wie soll man die alle nennen? »Wir waren ein rundes Hundert Dichter und Maler, die die bestehende Gesellschaft hassten, Franzosen, Russen, Spanier, Italiener ... von dem Verlangen erfüllt, eine neue, echte Kunst zu schaffen ...« So schreibt er über die erste Pariser Zeit. Darunter waren Modigliani, Diego Riviera, Picasso. In Spanien begegnet er Hemingway. Bei den russischen Künstlern sind es vor allem drei Namen, die immer wieder erwähnt werden: Majakowski, Babel, Mayerhold, alle mit tragischen, abgebrochenen »Lebenslinien«.

»Wir waren Optimisten. Wir wurden Nägel ... wir waren Reisig im Feuer der Zeit«, so lesen wir. Die Memoiren sind oft bitter ernst. Aber es gibt auch – sparsam – Grotesken. Einmal schildert er, wie er vergeblich versuchte, den Chicorée in der Sowjetunion einzuführen, damit die Moskauer wie die Pariser Wintergemüse bekommen sollten. Es gelang nicht.

Diese Mischung aus Ernst und Groteske – vielleicht hat sie doch, so denke ich, etwas mit der Gemeinsamkeit von Ilja Ehrenburg und Heiner Müller zu tun.

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