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»Eine Weltmeisterschaft, die das Ganze im Blick hat«

Sie tragen Namen wie »Partysahne Kassel« oder »Vibrator Moskovskaya« – bei der 7. »Bolz-WM« in Kassel treffen sich Alternativ-Fußballer und -Fußballerinnen aus mehreren Ländern. Das Interesse gilt dabei nicht nur dem Sport.

  • Von Reimar Paul, Kassel
  • Lesedauer: 6 Min.
2006 hatte dieses Team aus dem Baskenland Grund zum Jubeln – sie wurden Vizeweltmeister..
2006 hatte dieses Team aus dem Baskenland Grund zum Jubeln – sie wurden Vizeweltmeister..

Morgen ist das Finale. Nicht nur bei der FIFA-Weltmeisterschaft der Männer-Nationalmannschaften, sondern auch bei der 7. »Bolz-WM« der Freizeit- und Alternativteams in Kassel, werden am Sonntag die neuen Champions ermittelt. Anders als in Südafrika, markiert das Endspiel in der nordhessischen Stadt aber nur einen Höhepunkt des Spektakels: Bei der »Bolz-WM« messen Kinder, Jugendliche, Frauen und Männer nämlich bereits seit dem 2. Juli in allerlei Wettbewerben ihre Kräfte.

Es ist eine ziemliche Kurverei durch kleine Wohnstraßen im Kasseler Norden und über einen asphaltierten Feldweg, bis man die Spielstätten erreicht hat. Die Waldauer Wiesen sind ein ideales Areal für zehn Tage Kicken, Gucken, Feiern und Freunde treffen. Die Stadt Kassel hat den Organisatoren der »Bolz-WM« das weitläufige Gelände kostenlos zur Verfügung gestellt. Die großen und kleinen Rasenplätze sind in vorzüglichem Zustand, es gibt weitere Grünflächen zum Zelten, Spielen und Grillen, eine Batterie von ToiToi-Toiletten und ein größeres Gebäude mit Umkleidekabinen und Duschen. Gleich hinter der Böschung liegt der »Buga-See«. Der Badesee entstand 1981 zur Bundesgartenschau aus mehreren ehemaligen Baggerteichen.

Gespielt wird mehr mit- als gegeneinander

»Das sind nur zwei Minuten zu Fuß von hier, ideal für ein Bad zwischendurch also«, sagt Christopher Vogel vom Freizeitsportclub »Dynamo Windrad«, der die »Bolz-WM« dieses Jahr bereits zum 7. Mal ausrichtet. Die Wasserqualität im See sei gut, »kippen tut der normalerweise erst im August«. An einem großen Zelte hängt ein Plakat: »Football Against Racism In Europe«. Büchertische bieten Fußball-Devotionalien, FC St. Pauli-Wimpel und Fachbücher an. Leicht angebrannte Bratwürste schmurgeln auf einem Grill vor sich hin. Auf zwei Plätzen herrscht Spielbetrieb. An diesem Nachmittag wird der »Fußball Fun Contest« ausgetragen. Dabei treten Teams von Jugendzentren und Jugendverbänden aus der Region in drei Disziplinen gegeneinander an.

Beim Street Soccer müssen sie in einem Metallkäfig ihre Dribbelkünste auf engstem Raum beweisen, beim Kickerturnier ihre Fingerfertigkeit zeigen und beim Großen Fußballquiz ihr Fachwissen rund um den Fußball kundtun. Die Teams bestehen aus sechs bis sieben Spielern, die zwischen 12 und 18 Jahre alt sind. Jedes Mitglied muss mindestens in einem Wettbewerb eingesetzt werden, erläutert Vogel. Wenn Mädchen mitspielen, erhält eine Mannschaft Extrapunkte. Am Schluss erhalten aber alle Teams Preise.

Während sich beim »Fußball Fun Contest« nur einige Dutzend Aktive und Zuschauer auf den Waldauer Wiesen verlieren, werden hier an diesem Wochenende bis zu 5000 Leute erwartet. Allein 32 Teams aus dem In- und Ausland haben für das Hauptturnier der »Bolz-WM« gemeldet. Titelverteidiger ist hier der Lokalmatador »Partysahne Kassel«. Aber auch »Roter Stern Leipzig«, »Vibrator Moskovskaya« aus Bremen, »Los Cubanos« sowie Teams aus Italien und Rumänien räumen sich Chancen auf den Turniersieg ein – aber wer gewinnt, ist ziemlich egal, gespielt wird in Kassel mehr mit- als gegeneinander.

Erstmals im Rahmen der Bolz-WM veranstaltet »Dynamo Windrad« auch ein Fußballturnier für Menschen mit Behinderungen – den »1. Handicup 2010«. Damit soll für Behinderte die Möglichkeit geschaffen werden, auch außerhalb ihrer Einrichtungen, Wohnheime und Werkstätten an einem sportlichen Event teilzunehmen. Bei den Begegnungen gibt es nur Spielbeobachter statt Schiedsrichter, und auch kein so strenges Regelwerk. »Dynamo Windrad« will mit dem »Handicup« ein »weiteres Zeichen setzen für das aktive, vorurteilsfreie und integrative Miteinander aller Menschen« – und gegen Ausgrenzung oder Diskriminierung jeglicher Art.

Abends und zwischendurch gibt es bei der »Bolz-WM« Fußball-Kultur satt. Am Samstag kurz vor Mitternacht etwa startet die »Lange Nacht der Fußballfilme«. Aus dem Fundus von »ungefähr einer Million« Dokumentar- und Spielfilmen zum Thema hat die Vorbereitungsgruppe nach eigenen Angaben einige Schmuckstücke herausgefischt. »Deutschland – ein Sommermärchen« sei aber nicht dabei, wird versprochen. In einem anderen Zelt ist die Ausstellung »Ballarbeit – Szenen aus Fußball und Migration« untergebracht. »Roter Stern Leipzig« hat die Schau erstellt. Sie thematisiert die Verbreitung des Fußballs als weltweiten Sport durch Arbeitsemigranten, diskutiert Probleme und Erfolge von »globalen Wanderern« und fragt nach dem Status des Spiels bei Menschen, die in westdeutschen Zechen und an Fließbändern in den sechziger Jahren den Aufschwung besorgten und nebenbei eine neue Heimat finden mussten.

Bratwurst und »Public Viewing«

In Lesungen und Diskussionsveranstaltungen geht es um die zunehmende Kommerzialisierung, Rassismus und Homophobie in den Stadien, aber auch um Fairplay und Fanprojekte. St. Pauli-Fans haben eine »Wasser-Bar« aufgebaut und informieren dort über das Trinkwasser-Projekt »Viva con Agua« ihres Vereins und der Welthungerhilfe auf Kuba. Am Sonntagmorgen wollen Koryphäen des Freizeitfußballs bei einer – in Anlehnung an und Abgrenzung zu einer ähnlich lautenden Veranstaltungen in einem privaten Sportkanal sogenannten Warburger Runde – über den Stand und die Perspektiven der »Bolz-WM« fachsimpeln. »Ein wahrer Leckerbissen direkt nach dem Aufstehen oder zum Runterkommen nach einer langen Nacht«, verspricht das Programm.

Seit Monaten schon organisieren die Leute von »Dynamo Windrad« das Spektakel »Bolz-WM«. »Das erste Planungstreffen hat es vor einem dreiviertel Jahr gegeben«, erzählt Christopher Vogel. 1986 veranstaltete der Club erstmals ein alternatives Fußballturnier. Erst zwei Jahre zuvor hatten eine Handvoll linker, langhaariger und fußballinteressierter Kasseler, die mit den herkömmlichen Vereinen nichts am Hut haben wollten, »Dynamo« gegründet. Als man im Ligabetrieb mitkicken wollte, schob der Hessische Fußballverband dem dynamischen Treiben einen Riegel vor: »Der Name Dynamo ähnelt zu sehr den Gepflogenheiten der Vereine der DDR und des Ostblocks«, beschied der Verband allen Ernstes den Antrag. Es folgten bizarre Schriftwechsel, Gerichtsurteile, Revisionen – und ein bundesweites Presseecho auf die nordhessische Provinzposse. Auch in der DDR, wo »Dynamo Windrad« um sportliches Asyl bat, konnten die bürokratischen Hürden nicht genommen werden. Von Reisen in die Sowjetunion, nach Kuba und China kehrte man »mit großartigen Niederlagen im Gepäck zurück«, wie es in einer Vereinschronik heißt. Immerhin gelang es den Kasselern, noch vor der Wende als erste BRD-Amateurmannschaft gegen eine DDR-Betriebsgruppe anzutreten.

Nach dem Fall der Mauer gab es dann plötzlich auch an dem Namen Dynamo nichts mehr auszusetzen, die »Dynamos« durften fürderhin neben den Germanias, Eintrachtlern und Sportfreunden auf dem Platz stehen. Längst hat sich »Dynamo Windrad« mit rund 1000 Mitgliedern und 20 Sparten zu einem der größten Anbieter und Dienstleister im Bereich Freizeitsport in Nordhessen entwickelt. Auch die Strukturen haben sich professionalisiert. Es gibt ein Büro mit hauptamtlichem Geschäftsführer, der Verein kann Projektmittel beantragen und Spenden steuerlich absetzen.

Das scheint auch nötig, denn für die Finanzierung der »Bolz-WM« musste Dynamo einige tausend Euro selbst aufbringen. Für die Teilnahme am Hauptturnier zahlen die 32 Mannschaften zwar ein Startgeld in Höhe von je 200 Euro, und für das Mitkicken beim Kleinfeld-Wettbewerb sind pro Team 70 Euro fällig. Doch das reicht noch nicht. Die fehlende Etat-Lücke versuchen die »Dynamos« durch den Verkauf von Fußball-Klimbim, Bratwürsten und Getränken zu decken.

Vor allem das abendliche »Public Viewing« im großen Festzelt spült da Geld in die Kasse. »Da kommen bis zu tausend Leute hierher ins Zelt«, sagt Vogel. »Die erleben hier gute Stimmung, nette Atmosphäre, und nicht so einen schwarz-rot-goldenen Partytaumel wie anderswo.« »Die ›Bolz-WM‹ stand und steht für eine Weltmeisterschaft, die das Ganze im Blick hat«, sagt Boris Mijatovic, 1. Vorsitzender von Dynamo Windrad. Am Sonntag geht sie mit einer Würdigung aller Teams und einer fulminanten Siegerehrung zu Ende

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