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Ostdeutsche »eher unterhaltungsorientiert«

Forscher auf den Spuren unterschiedlicher TV- und Lesegewohnheiten in Ost und West

Leben in den neuen Bundesländern 2010« – so heißt die Zusammenfassung einer Umfrage, die die Linkspartei in Auftrag gegeben hatte und deren Ergebnisse Ende Juni veröffentlicht wurden. Dabei bestätigte sich, wie sehr sich der Alltag in Ost und West immer noch unterscheidet. Etwa beim Einkommen, bei der sozialen Gerechtigkeit, im Arbeitsmarkt, bei der Kindererziehung. Nicht näher erfasst wurde ein keineswegs nebensächliches Thema: der Medienkonsum.

Darüber liegt nun ein Aufsatz vor, den Olaf Jandura und Michael Meyen in der Fachzeitschrift »Medien und Kommunikationswissenschaft« veröffentlicht haben (Heft 2/2010, S. 208-226). Unter dem Titel »Warum sieht der Osten anders fern?« legen die Münchner Medienforscher zahlreiche Daten vor, die abweichende Gewohnheiten nicht allein beim Fernsehen, sondern bei der Mediennutzung insgesamt belegen. Neben schon bekannten Statistiken greifen sie auf eine repräsentative Telefonumfrage zurück, bei der knapp 500 Erwachsene in Ost und West Auskunft zu ihrem Medienkonsum und ihrer sozialen Stellung gaben.

Die Sache ist klar: Auch 20 Jahre nach dem Mauerfall gibt es enorme Differenzen. Hier einige sehr auffällige: Westdeutsche sehen pro Tag durchschnittlich 213 Minuten fern, Ostdeutsche fast eine Dreiviertelstunde mehr (bei den 20- bis 29-Jährigen ist es sogar eine Stunde zusätzlich). Dagegen haben die überregionalen Tages- und Wochenzeitungen sowie Nachrichtenmagazine im Osten wesentlich weniger Zuspruch. Das sind keine zufälligen Nebenbei-Resultate; sie haben Gründe und Folgen.

Beim Fernsehen zeigt sich, dass die meisten Ostdeutschen Unterhaltungs- und Regionalangebote besonders bevorzugen. Zudem sind ARD und ZDF dort nicht die Marktführer; das sind die privaten Sender. Allerdings hat sich der Abstand in den letzten 15 Jahren deutlich verringert, weil beispielsweise SAT.1 und RTL Marktanteile verloren haben. Die Medienforscher dazu: »Die Ostdeutschen finden im Fernsehen weder ihre Probleme noch ihre Perspektiven, vor allem in den Sendungen nicht, die im Westen produziert werden«; zudem habe kaum ein Journalist der ARD-Tagesschau ostdeutsche Wurzeln. Ferner lässt sich ständig beobachten, dass rein ostdeutsche Ereignisse nur selten in den Nachrichten auftauchen. Übrigens zeigt auch der Umstand, dass von der Kanzlerin abgesehen niemand aus der ostdeutschen Politik im Bundeskabinett sitzt, die westliche Dominanz.

Dagegen schaffen es die »Heimatsender«, wie Michael Meyen schon früher festgestellt hat, »als Anwalt der Bevölkerung aufzutreten und die ostdeutsche Identität zu bedienen«. Leichtere Programme seien gefragt, weil im Osten mehr Menschen und TV-Zuschauer leben, die »eher unterhaltungsorientiert sind – Arbeitslose, Rentner, Menschen mit wenig Geld, die ihre Freizeit vor allem daheim verbringen«.

Hier lässt sich gut erkennen, wie stark erstens die soziale Lage und zweitens die bewusste politische Entscheidung zugunsten des tonangebenden Westens die Mediennutzung beeinflusst. Die ist auch deshalb günstiger für die Privatprogramme, weil deren Boulevardmagazine, Quizshows und Seifenopern vom Alltag etwas ablenken und der »offiziöse Verlautbarungsstil« von ARD und ZDF laut Studie nicht gut ankommt. Der habe »schon bald nach 1990 das Image des Staatsfernsehens« erhalten.

So kommt es auch, wie Jandura und Meyen schreiben, »dass die Ostdeutschen eher Medienangebote meiden, die ihre DDR-Herkunft abwerten, und sich dafür Sendungen, Zeitungen und Zeitschriften zuwenden, die ihre regionale ostdeutsche Identität stärken«. Für diejenigen, die kaum Aufstiegschancen haben, ist die Zeitungslektüre weniger wichtig. Ferner ist oft unmöglich, viel Geld etwa für die in Westdeutschland stark beachteten Blätter wie »Süddeutsche Zeitung«, »FAZ«, »Welt«, »Focus« und »Stern« auszugeben; die werden zwischen Dresden und Doberan kaum gelesen. Einzige Ausnahme ist »Sport-Bild«. Umgekehrt erscheint von Ostdeutschland aus kein Printprodukt, das auch im Westen eine führende Rolle spielt. Für das ND gilt indes, wie der Aufsatz festhält: Diese Zeitung »liefert sicher kulturelles Kapital in Form von Medienwissen«.

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