Hungerlöhne haben Konjunktur

Der Niedriglohnsektor in Deutschland ist extrem gewachsen – besonders im Osten

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Der Niedriglohnsektor in der Bundesrepublik ist extrem gewachsen. 2008 waren 6,55 Millionen Beschäftigte betroffen – 2,3 Millionen mehr als 1998. In keinem anderen Land gibt es eine solche Dynamik nach unten.
Hungerlöhne haben Konjunktur

Lange Zeit war Deutschland für seine im internationalen Vergleich besonders ausgeglichene Lohnstruktur bekannt. Vor allem im letzten Jahrzehnt tut es sich dagegen mit einem überdurchschnittlichen Anstieg des Beschäftigtenanteils mit Stundenlöhnen unterhalb der Niedriglohnschwelle hervor. Jeder fünfte abhängig Beschäftigte muss von Armutslöhnen leben, wie eine aktuelle Studie des Instituts für Arbeit und Qualifikation (IAQ) der Universität Duisburg-Essen nachweist. Mehr als zwei Millionen Menschen verdienen pro Stunde weniger als sechs Euro brutto. Solche Niedriglöhne seien vor allem in Ostdeutschland weit verbreitet. Während der Anteil seit 2006 stagniere, steige die absolute Zahl der Betroffenen kontinuierlich, was am Anstieg der Beschäftigtenzahl liegt.

Auch im internationalen Vergleich hat die Bundesrepublik einen großen Niedriglohnbereich, wie die Studie konstatiert. So machte er in Frankreich im Jahr 2005 mit 11,1 Prozent lediglich die Hälfte des deutschen Niveaus aus, während er in Dänemark sogar bei 8,5 Prozent lag. Die Unterschiede führen die Wissenschaftler auf die in diesen Ländern deutlich höhere Tarifbindung und den größeren gewerkschaftlichen Organisationsgrad zurück.

Entscheidend sei aber ein gesetzlicher Mindestlohn. Extreme Niedriglöhne von unter fünf oder sechs Euro die Stunde, wie es sie hierzulande gibt, wären in den meisten EU-Ländern den Wissenschaftlern zufolge im Verhältnis zum jeweiligen mittleren Stundenlohn »unzulässig«. Grund dafür sei, dass die gesetzlichen Mindestlöhne in den Staaten zwischen 40,5 Prozent und 62,7 Prozent des Vollzeitstundenlohns betrügen. So lägen in den Niederlanden, Belgien, Irland, Frankreich und Luxemburg etwa die Lohnuntergrenzen zwischen 8,41 Euro und 9,73 Euro. Würde sich Deutschland an dieser Spanne orientieren, müsste hierzulande ein Mindestlohn zwischen 5,93 Euro und 9,18 Euro eingeführt werden, urteilten die Wissenschaftler.

Angelehnt an die OECD, die von einer Niedriglohnschwelle von zwei Dritteln des mittleren Stundenlohnes (Median) ausgeht, lag die bundeseinheitliche Niedriglohnschwelle bei 9,06 Euro je Stunde. Daraus ergibt sich für Westdeutschland ein Niedriglohnanteil von 17,9 Prozent, im Osten ist er mit 39,3 Prozent doppelt so groß. In absoluten Zahlen bedeutet dies für den Westen 4,75 Millionen Beschäftigte, im Osten sind es 2,03 Millionen. Überproportional sind davon Minijobber betroffen, aber auch unter 25-Jährige, befristet Beschäftigte, gering Qualifizierte, Ausländer und Frauen.

Als besonders auffällig bezeichnen es die Autoren der Duisburger Studie, dass zwar das Niedriglohnrisiko bei Beschäftigten ohne Berufsausbildung besonders hoch sei. Ein erlernter Beruf ist jedoch immer weniger eine Sicherheit gegen Lohnverfall. So hat sich der Anteil mit einer abgeschlossenen Qualifikation von 63,4 Prozent im Jahre 1995 auf 71,9 Prozent 2008 deutlich erhöht. Nimmt man die Beschäftigten mit Hochschulabschlüssen hinzu, so sind es inzwischen vier von fünf Niedriglohnbeschäftigten, die formal qualifiziert sind, was im internationalen Vergleich einen extrem hohen Wert darstellt. Hier hat der mit den Hartz-Reformen erhöhte Druck zur Aufnahme auch schlecht bezahlter Tätigkeiten für Besserqualifizierte eine verhängnisvolle Rolle gespielt.

Wirksame Gegenmaßnahmen können aus Sicht der Arbeitsexperten nur verbindliche gesetzliche Lohnuntergrenzen oder eine höhere Tarifbindung bzw. eine Kombination aus beidem sein.

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