Wenn das Blut »gefriert«

Unter Stress wird unser Lebenssaft tatsächlich dicker

Da ist mir das Blut in den Adern gefroren, sagen manche Menschen, wenn sie von einem großen Schrecken berichten. Diese Redensart meint eines sicher nicht: den Kältetod in Nordsibirien oder der Arktis. Einige Stunden nach dem letzten Atemzug wäre das Körperblut in der Eiseskälte allerdings tatsächlich gefroren. Hier geht es jedoch um etwas, das eine zweite Variante des Spruches deutlicher macht: »Mir stockt das Blut in den Adern.« Auch sie spielt darauf an, dass der Blutfluss zäher wird und scheinbar ganz zum Erliegen kommt.

Dieses Gefühl haben wir manchmal, wenn wir uns arg fürchten – und zwar schlagartig. Ein jähes Rascheln im Gesträuch, wenn wir im Dämmerlicht des Abends noch in einem düsteren Wald unterwegs sind – dann sind wir wie vom Schlag getroffen. Oder auch, sobald ein Hund uns unerwartet ankläfft, wenn wir um die Häuserecke biegen.

»Schlagartig« und »wie vom Schlag getroffen« – darin steckt mehr Wahrheit, als uns lieb sein kann. Denn heftige Angst oder gar innere Panik können tatsächlich unser Blut gerinnen lassen und so ein lebensbedrohendes, weil schlaganfallförderndes Blutgerinnsel oder einen Herzinfarkt begünstigen.

Dahinter steckt zunächst einmal ein wichtiger Überlebensmechanismus. »Im menschlichen Blut entsteht kontinuierlich etwas Fibrin, ein wasserunlöslicher Eiweißstoff, der sogleich wieder aufgelöst wird«, sagt Roland von Känel, Chefarzt des Kompetenzbereichs für Psychosomatische Medizin am Universitätsspital Bern.

Bei akutem Stress wird nun allerdings nicht nur die Blutgerinnung angekurbelt, also mehr Fibrin als üblich gebildet. Auch der Gegenspieler dieses Vorgangs, die Fibrinolyse (Fibrin-Auflösung), verstärkt sich. Allerdings wird die Gerinnungsseite etwas stärker aktiviert als die Fibrinolyse, wodurch das Blut – salopp gesagt – geringfügig dicker wird.

»Evolutionsgeschichtlich ergibt das auch Sinn«, fügt der Schweizer Experte für psychosomatische Körpervorgänge hinzu. »Denn wenn unsere Vorfahren durch Angreifer oder wilde Tiere unter Stress gerieten und entweder kämpfen oder fliehen mussten und sich dabei verletzten, war es natürlich von Vorteil, wenn das Blut möglichst rasch gerinnt und so die Wunde verschlossen wird, damit man nicht verblutet.« Bluttransfusionen gab es schließlich vor Jahrhunderten oder gar Jahrtausenden noch nicht, und auch Frauen im Geburtsstress konnten seit jeher froh sein, wenn ihr Blut rasch dicker wurde, der Blutverlust geringer und so die Überlebenschance größer war.

Es gibt allerdings »einige Faktoren, welche die vermehrte Blutgerinnung noch deutlicher ausfallen lassen, als es physiologisch sinnvoll wäre«, merkt von Känel an. Wer zum Beispiel eine Depression oder ein verengtes Herzkranzgefäß hat oder wer an zu hohem Blutdruck leidet, bei dem überwiegt unter akutem Stress die Blutgerinnung gegenüber der Gerinnselauflösung noch stärker als bei einem Gesunden. »Wenn unter seelischer oder körperlicher Anstrengung der Blutdruck steigt, kann deshalb beispielsweise bei einem Menschen mit verengten Herzgefäßen die abgelagerte Plaques am Gefäß-Engpass aufreißen und das Blutgerinnsel, das sich an dieser Wunde bildet, noch ausgeprägter ausfallen als ohne akuten Stress – und das kann zum Infarkt führen«, erklärt der Berner Mediziner das Problem.

Gefährdet sind auch Menschen mit chronischer Angst, wie Franziska Geiser, leitende Oberärztin der Bonner Uniklinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie, und Ursula Harbrecht, Oberärztin am Uni-Institut für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin, zusammen mit Kollegen herausgefunden haben.

Die beiden Ärztinnen konnten nachweisen, dass Menschen mit einer ausgeprägten Angststörung deutlich eher zu erhöhter Blutgerinnung neigen als psychisch Gesunde. Außerdem tragen die Betroffenen ein bis zu vierfaches Risiko, an einem Herzleiden zu sterben.

Schon frühere Erhebungen per Fragebogen hatten angedeutet, dass Stress und Angst das Blut von Menschen eher gerinnen lassen. Befragt worden waren jedoch Gesunde. Hingegen untersuchte das Bonner Forscherteam ausdrücklich Angstpatienten. Geiser und Harbrecht verglichen die Blutgerinnung von 31 Menschen, die unter einer ausgeprägten Form einer Panikstörung oder einer sozialen Phobie litten, mit jener einer gesunden Kontrollgruppe gleichen Umfangs.

Bei Gesunden halten sich beide Prozesse, Blutgerinnung und Fibrin-Auflösung, ungefähr die Waage. Bei den untersuchten Angstpatienten jedoch neigte das Blut zum Verdicken, während gleichzeitig die Fibrinolyse gehemmt war – und das, obwohl die Testpersonen nicht verletzt gewesen sind – sieht man von dem Piekser bei der Blutabnahme einmal ab. Die möglichen Folgen im Extremfall wurden bereits erwähnt: Es bildet sich ein Gerinnsel, das eine Herzkranzarterie oder ein Hirngefäß verstopfen kann.

Das heiße allerdings nicht, »dass alle Patienten mit einer ausgeprägten Angststörung nun Angst haben müssen, einen Herzinfarkt zu erleiden«, beschwichtigt Franziska Geiser übertriebene Sorgen. Brenzlig wird es erst, wenn andere Risikofaktoren hinzukommen – so etwa Rauchen oder Übergewicht. Beruhigend für Angstgestörte: Eine gute Psychotherapie kann die erhöhte Gerinnungsneigung wieder senken – auf dass den Glücklichen ihr Blut nicht länger übermäßig in den Adern stocke.

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