Die »Rattenfresser« und der Monsun

Auch Deutschland hilft in den nordindischen Bundesstaaten Bihar und Uttar Pradesh

Angres Kumar lernt, wie er sich bei einem Erdbeben vor herabfallenden Trümmern schützen kann
Angres Kumar lernt, wie er sich bei einem Erdbeben vor herabfallenden Trümmern schützen kann

In den nordindischen Bundesstaaten Bihar und Uttar Pradesh hat im Juli der jährliche Monsun begonnen. Das heißt: viel Regen, die Pegelstände des Ganges, des Ghagra, des Ganga, des Koshi und anderer Flüsse, die aus dem Himalaya in Nepal kommend durch die nordindische Ebene fließen, steigen rasant. Das ist gut für die Landwirtschaft, dem wesentlichen Wirtschaftsfaktor im indischen »Kuhgürtel«. Nach der trockenen Jahreszeit mit heißen Temperaturen bis zu 50 Grad Celsius bringt der Regen neues Leben und die Überschwemmungen wertvolle Nährstoffe für die Felder und Wiesen.

Für die arme, besitzlose Landbevölkerung, die de facto rechtlosen Dalit, sind die Überschwemmungen jedoch nichts als eine Katastrophe, die sie ihre Hütten, ihr karges Einkommen und manchmal gar das Leben kostet. Trotz anderslautender Gesetzgebung ist Indiens Kastengesellschaft noch immer sehr lebendig, und die Dalit, die kastenlosen »Unberührbaren«, haben keine Hilfe von den Behörden zu erwarten. Das macht schon auf erschreckende Weise die Lage der Dörfer der Armen deutlich: Sie liegen auf der »nassen Seite« der Dämme, die die Kasteninder und ihren Besitz auf der »trockenen Seite« vor den Fluten schützen. Und die trockene Seite der Kasteninder bleibt für die Dalit selbst dann tabu, wenn die Fluten kommen. »Sie vertreiben uns mit Gewalt, wenn wir auf ihrem Gebiet Schutz suchen«, sagt Gita Devi, Vorsteher des Dörfchens Karanpur.

Den 135 Familien in Karanpur im Distrikt Begusarai in Bihar gehört nichts, nicht einmal das Stückchen Land, auf das sie ihre armseligen Hütten aus Bambus und Palmstroh gebaut haben, und erst recht nicht das äußerst fruchtbare Land rund um das Dorf, auf dem bei unserem Besuch im März sattgrün der Mais wächst, auch nicht die Obstbäume in der Ferne. Die Familien in Karanpur sind die Ärmsten der Armen. Sie sind Musahars, zu deutsch »Rattenesser«, oder genauer, »Die, die von Rattenfutter leben«. In früheren Zeiten gehörte es zu den Arbeiten der Musahar, die im Grunde Leibeigene waren, nach der Ernte die Felder von den Ratten zu »säubern«. Die Ratten wurden getötet, und die Musahar ernährten sich von den Getreidevorräten, die sich die Ratten in ihren Löchern für schlechte Zeiten angelegt hatten.

Auch heute noch dürfen sie die Felder nur als Arbeiter der wohlhabenderen Bauern betreten. Wer es wagt, mal einen Maiskolben, ein Stück Obst mit nach Hause zu nehmen, muss mit härtesten Strafen rechnen. »Einmal ist ein Kind zu Tode geprügelt worden, weil es sich eine Mango genommen hat«, erzählt Katrin Rothhaas, Regionalkoordinatorin Asien Süd der christlichen Hilfsorganisation »ADRA Deutschland«, die mit Mitteln der »Aktion Deutschland hilft« sowie des »Amts für humanitäre Hilfe der EU« (ECHO) in Karanpur und einigen Nachbardörfern ein Katastrophenpräventionsprojekt gestartet hat.

Gut 50 acht- bis zehnjährige Kinder sitzen in der einer nach allen Seiten offenen Halle auf dem kleinen Dorfplatz von Karanpur und lernen lesen, schreiben und überleben. Das ist nicht selbstverständlich. Die meisten Eltern in Karanpur schicken ihre Kinder nicht in die fünf Kilometer entfernte staatliche Schule. Das ist zu weit, aber sie können es sich auch nicht leisten, auf die Arbeitskraft der Kinder zu verzichten. Jeder in Karanpur wird gebraucht, um das karge Leben zu meistern. Kinder können die leichteren Arbeiten verrichten wie die Familienkuh hüten oder Kuhdung zu pizzagroßen Fladen zu formen und zum Trocknen durch die heiße Sonne an die Wände der Wohnhütte zu kleben, um so Feuermaterial zum Kochen zu erhalten.

Das Schulprojekt in Karanpur ist zeitlich befristet und hat nur das Ziel, die Kinder auf den Einstieg in die reguläre Schule vorzubereiten. Ob die Eltern die Kinder dann tatsächlich auf die staatliche Schule schicken werden, bleibt abzuwarten. »Es hat schon einiger Überredungskünste bedurft, damit die Eltern die Kinder in unsere Schule ließen«, sagt Rothhaas. In der von ADRA eingerichteten Schule lernen die Kinder aber auch, wie sie sich im Katastrophenfall zu verhalten haben. Stolz zeigt die kleine Sawita ein Bild von einem kleinen Mädchen, das aus Fluten gerettet wird. Dem sechsjährige Angres Kumar hat es in seinem Bilderbuch der Elefant angetan, der sich unter einem Tisch versteckt und seine dicken Vorderbeine über den Kopf geschlagen hat. Angres Kumar findet das superlustig, obwohl das Bild eine ernste Lektion erteilt, wie Risha Kumari, die Lehrerin in ihrem leuchtend gelben Sari, erklärt: »So lernen die Kinder, wie sie sich bei einem Erdbeben schützen können«, sagt sie. Denn in Bihar steht das Land nicht nur oft unter Wasser, es wackelt manchmal auch gewaltig.

Die Musahar und die Dalit ertragen seit Generationen die jährlichen Überschwemmungen durch den Monsun, der seit Menschengedenken regelmäßig das Land heimsucht. Aber in den letzten Jahrzehnten ist alles schlimmer geworden. »Früher stand das Wasser nur so hoch«, sagt Gita Devi und zeigt dabei auf eine Stelle seines Beins gut unterhalb des Knies. »Jetzt aber steigt das Wasser oft mehr als einen Meter. Außerdem kommen die Fluten jetzt häufiger und unvermittelter«, klagt der Mann, der alt aussieht, es aber vermutlich nicht ist, denn kaum einer der Männer in Karanpur wird sehr viel älter als 40.

Die Gründe für das veränderte Überschwemmungsverhalten der Flüsse in Bihar und Uttar Pradesh sind vielfältig. Da sind zunächst die Deiche, die die Überflutungsgebiete verkleinern. Folge: das Wasser steht höher und braucht länger, um wieder abzulaufen. Dann sind da die Dämme zur Erzeugung von Strom durch Wasserkraft. Die liegen größtenteils im Oberlauf der Flüsse im von Karanpur nur 120 Kilometer entfernten Nepal. Steigt der Wasserpegel in den Dämmen, lassen die nepalesischen Dammmanager das überschüssige Wasser ohne große Vorwarnung ab. Es entsteht eine Flutwelle, die sich in rasender Geschwindigkeit in die Ebene von Bihar und Uttar Pradesh ergießt und die durch die Monsunregen schon angeschwollen Flüsse weiter steigen lässt.

Zudem ist der Monsun, der früher präzise wie ein Uhrwerk funktionierte, in den letzten Jahren durch den Klimawandel unberechenbarer geworden. Er kommt später, dauert länger, die Regenfälle werden heftiger. Auch lässt der Klimawandel die Gletscher im Himalaya schmelzen, mehr Wasser kommt die Flüsse runter, die Pegel in den Dämmen steigen und dann siehe oben. »Der Klimawandel ist Dynamit«, sagte Yassine Gaba, Mitarbeiter des ECHO-Büros in Neu Delhi.

Die Überschwemmungen in Bihar hatten in den letzten Jahren biblische Ausmaße angenommen. »Wenn hier eine Katastrophe passiert, dann ist immer gleich eine sehr hohe Zahl von Menschen betroffen«, sagt Gaba und nennt als Beispiel die Flut von 2007 in Bihar. »Sie traf 59 Millionen der 96 Millionen Einwohner von Bihar. Das entspricht der Bevölkerung von Frankreich. Auch die Behörden waren völlig überfordert.« Oder 2009. Der Monsunregen im Verein mit einem Dammbruch machte in Bihar auf einen Schlag 1,2 Millionen obdachlos.

Bihar und Uttar Pradesh gehören zu den ärmsten indischen Staaten. Die landlosen Bauern leben als Tagelöhner, dürfen auf kleinen Fleckchen etwas Gemüse für den Eigenbedarf anbauen, verdienen sich ein paar Rupien mit dem Verkauf der Milch ihrer Kuh. Als Landarbeiter verdienen sie 25 Rupien am Tag. Und das auch nur in den drei Monaten im Jahr, in denen Landarbeiter für die Bestellung der Felder und die Ernte gebraucht werden. Wer keine Arbeit hat, zieht als Wanderarbeiter in die Stadt oder nimmt Kredite zu Wucherzinsen auf. »Sie sind hier alle hochverschuldet«, sagt Rothhaas.

Xavier Thomas, ADRA-Projektleiter vor Ort, sieht in der Landlosigkeit der Armen das Grundproblem, das durch eine gerechtere Landverteilung behoben werden könnte. »Eine umfassende Landreform wäre die Lösung, aber das ist nicht zu erwarten. Selbst Ansätze von Landreformen verpuffen, weil sie nicht umgesetzt werden«, sagt der Inder und fügt kritisch hinzu: »Wem gehört die Regierung? Den Reichen und Mächtigen.« Soziale Ungerechtigkeit und wirtschaftliche Ausbeutung machten die Dalit und Musahar anfällig für die Parolen der Naxaliten, einer maoistischen Guerillabewegung, die seit einigen Jahrzehnten einen bewaffneten Kampf gegen die indische Regierung führt. Bihar ist eine der Hochburgen der Naxaliten, die inzwischen als das größte innenpolitische Sicherheitsrisiko Indiens gelten.

Indiens Regierung führt einerseits mit Polizei und Armee einen Krieg gegen die Naxaliten. Andererseits hat sie durch umfangreiche Sozialprogramme, die inzwischen einen Löwenanteil im Haushalt ausmachen, begonnen, den Armen zu helfen. Ein Arbeitsbeschaffungsprogramm zum Beispiel garantiert für 115 Rupien am Tag Armen maximal 100 Tage Arbeit pro Jahr. Zur Erinnerung: gut drei Monate pro Jahr können die Dalits und Musahar in Dörfern wie Karanpur ein Einkommen als Landarbeiter verdienen. Mit dem ABM-Programm haben sie jetzt schon ein halbes Jahr garantierte Arbeit. Das ist schon was in Indien. Zumindest in der Theorie.

Die Praxis sieht anders aus. Aus den ABM-Mitteln sollen Infrastrukturmaßnahmen in den unterentwickelten Dörfern der Armen finanziert werden, die dann von den Dörflern selbst umgesetzt werden. Das können befestigte Wege sein oder auch die Installation von Solarlampen in Abuhar, einem Nachbardorf von Karanpur. An Investitionsprojekten mangelt es in den Dörfern nicht, in denen es von Strom bis zur Gesundheitsversorgung an allem fehlt. Aber es bedarf dazu Dorfvorsteher, Bürgermeister, Provinzpolitiker, die solche Projekte beantragen, die sich für die Armen überhaupt interessieren, die im notorisch korrupten Indien bereit sind, sich nur einen Teil des Budgets in die eigene Tasche zu stecken. Und es bedarf des Mutes der Armen, sich selbst Gehör zu verschaffen.

Den Armen zu ihrem Recht zu verhelfen, ist ein Ansatz der deutschen Hilfe in Bihar und Uttar Pradesh. »Wir stärken die Selbsthilfekapazitäten der Dorfgemeinschaften«, betont Maren Päch, Projektkoordinatorin des Malteser Hilfsdienstes, der in Uttar Pradesh aktiv ist. »Sie werden über ihre Rechte aufgeklärt und ermutigt, gegenüber der Distriktverwaltung Forderungen zu stellen.«

Aber zurück zum Monsun, den Überschwemmungen und den Katastrophenpräventionsprojekten von ADRA und den Maltesern. In den Dörfern haben sie Task Forces gegründet, die in den Überschwemmungszeiten aktiv werden. Eine ist darauf vorbereitet, Ertrinkende zu retten, eine andere fertigt Pläne an, die besonders flutgefährdete Stellen zeigen, die nächste leistet Erste Hilfe, um nur drei Beispiele zu nennen. Was so selbstverständlich klingt, ist in den Dörfern, in denen jeder mit dem eigenen Überleben im Hier und Jetzt beschäftigt ist, alles andere als normal. Rothhaas sagt: »Man kann seine Zukunft nicht planen, wenn man sich in der Gegenwart unwohl fühlt.«

Es gibt auch eine Task Force, die für die Aufklärung der Bevölkerung über Flutrisiken, Schadensminimierungstechniken und soziale Rechte zuständig ist. Und weil es eben Indien ist, arbeitet sie mit allen Tricks und Techniken, die durch die Bollywoodfilme weltberühmt geworden sind: Musik und Tanz, Tanz, Tanz.

Auch wenn man als des Hindi unkundiger Europäer nichts von dem versteht, was die Straßentheatergruppe auf der provisorischen Bühne auf dem staubigen Dorfplatz von Babhein singt und erzählt, macht allein das Zuschauen einen Heidenspaß. Und Spaß haben auch die Dörfler, die an diesem Nachmittag mal Fünfe gerade sein lassen und sich eine Stunde lang wie Bolle amüsieren. Aber jeder ist sich auch bewusst, dass es nur eine Frage der Zeit ist, bis das Wasser wiederkommt. Dorfchef Aditya Kumar spricht den Menschen aus der Seele, wenn er leise sagt: »Die nächste Flut kommt bestimmt. Alle haben hier Angst.«

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