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Eine Kunst, ein Kommunist zu sein?

Jochen Voit schrieb eine Biografie über Ernst Busch: erschütternd, rührend, ironisch – aber auch voller Klischees

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Zunächst die Positiva. Der Band ist dick. Über 500 Seiten sind durchzustöbern – was sich lohnt. Der Quellenfundus ist riesig. Er ist gespickt mit teils hoch interessanten, vielfach neuen Informationen über die Busch-Vita, über geschichtlich-politische Zusammenhänge, und er enthält diverse, meist sinnvoll integrierte Kurzbiografien des personellen Umfelds von Ernst Busch und relevanten, den Verlauf der Geschichte beeinflussenden Personen.

Das Kapitel »Moskau 1936« ist erschütternd zu lesen. Kommunistenverfolgung wütet. Das Gros des kommunistischen deutschen Exils in Moskau wird Opfer der Mordpolitik Stalins. Ernst Busch, wie aus Interna ersichtlich, die der Autor auswertet, bleibt davon nicht unverschont. NKWD-Akten und dergleichen Quellen belegen das. Busch weiß davon nichts, ahnt allenfalls, aber kennt sehr wohl Namen der Opfer, ja teilt mit ihnen die Wohnstube.

Minutiös entfaltet Jochen Voit den Fall um die Liebe zwischen Busch und Maria Osten. Ebenso die Vorgänge um ihren gleichfalls Geliebten Michail Kolzow, Korrespondent der »Prawda« mit Direktdraht zum Kreml, verheiratet, dereinst berühmt durch Berichte vom Spanienkrieg. Als die Nachricht kursiert, Kolzow sei in Moskau verhaftet worden, fährt Maria in die Hauptstadt – mit dem Ziel, die Behörden über Kolzows Unschuld aufzuklären. Vergeblich. Sie selber wird später, wie Kolzow auch, von Stalins Schergen ermordet.

Faktenreich gezeichnet die gesamte Exilproblematik. Arbeit Buschs in Spanien als Truppenbetreuer und Herausgeber internationaler Lieder über den Befreiungskampf. Neues Material zudem über seinen Aufenthalt in Brüssel, wo er 1940, noch bevor die Wehrmacht einmarschiert, verhaftet und ins berüchtigte Camp de Gurs verschleppt wird. Auch hier hat der Autor fleißig recherchiert und jüngere wie jüngste Forschungen herangezogen. Nicht minder aufschlussreich, ja geradezu rührend das Kapitel über die Kieler Jahre, Buschs Kindheit und Jugend, wie der Schiffsschlosser zugleich zum Revolutionär und Theaterspieler aufsteigt. Voit – er erforscht hier auch Buschs Stellung zur damaligen SPD – komplettiert diese bislang eher unterbelichtete Lebensphase um interessante Nachrichten.

Diese Biografie ist nicht-chronologisch angelegt. Das Kieler Kapitel siedelt weit hinten, die fünf Jahre von Buschs Wirken im Berlin der Weimarer Republik ziemlich am Anfang. Die Epochen, Ereignisse, Fakten springen. Nicht selten verwendet Voit die Technik der Parallelmontage.

Zum kritischen Teil. Verwendete popkulturelle Vokabularien klingen nicht nur scheußlich, sie stören, verunklaren, ja ziehen Busch herab zu einem »Popstar«, der er nie war. Eigenart der Biografie: Sie bringt oft montagehaft Vorgänge und spinnt sie, wie der Roman, prosaisch fort. Da blüht, gar nicht schön, bisweilen die Fantasie des Autors. Ja, sie geht mit ihm durch, wenn etwa der Faden bis ins Schlafzimmer des »Traumpaares« Ernst und Eva Busch ausgesponnen wird. Störfaktor auch in »Moskau 1936« und anderen Abschnitten. Guido Knopps den NS-Faschismus verharmlosende, auf rechtskonservative Ideologien sich stützende ZDF-»History«-Serie lässt hier methodisch grüssen.

Voit steht kritisch, gelegentlich auch quer zu dem Subjekt, dessen Leben er zeichnet. Häufig ist sein Erzählton ironisch. Viel Sympathie hat er für den Künstler übrig. Aber Busch ist politisch, so belegen viele Textstellen, eine harte Kröte.

Dass er so vehement für die KPD eingetreten ist, passt dem Autor gar nicht. Am 14. August, befreit aus dem Gefängnis Brandenburg-Görden, tritt Busch in die KPD ein. »Loyalität mag der Hauptgrund sein, Opportunismus ein nicht zu unterschätzender Nebenaspekt.« Das ist schlicht falsch. Busch hätte derlei dem Autor um die Ohren gehauen. Gleichfalls die Aussage, Busch hätte bei seiner Entscheidung die Opfer des Stalinismus ausgeblendet. Eben war Europa durch die alliierten Armeen befreit worden, zum Größten und mit unendlichen Opfern durch die Rote Armee. Hier musste damals das Gedenken ansetzen. Den Heerführer Stalin verehrte ein halbe Welt. Das begreift SPD-Mann Voit nicht.

Stattdessen lanciert er die Totalitarismusdoktrin. Wo sie ansetzt, wird die Schrift schlecht. Ihre Extremismus-Variante wandert unmittelbar in das Kapitel »Barrikadentauber« ein. Dieses untaugliche Konstrukt suggeriert den erbitterten Kampf zweier extremer Fronten vor 1933, worauf »die Politik halbherzig« reagiert habe. Busch hätte, dem KPD-Aufruf »Gegen Reaktion und Faschismus« folgend, linksradikale Propaganda gegen die Nazis betrieben. Kein Satz zur deutschnationalen, monarchistischen, zentristischen Mitte, zur mit Hitler schon kollaborierenden Großindustrie, die den Nazismus ermöglichten. Eislers und Buschs Kampfmusik wie die anderer linker Kunstarbeiter geißelte diese schuldbeladenen Parteiungen allesamt. Und das ehrt sie ungeheuer.

Einem Gustav Noske indes, Drahtzieher der Niederwerfung der Novemberrevolution, im Volk »Bluthund« genannt, spricht der Autor nur positive Seiten zu. In Kiel 1918 hätte er als Abgesandter der MSPD Blutvergießen verhindert, sagt Voit mit dem die Busch-Forschung korrigierenden Hinweis, der angehende Künstler wäre zuerst auf sozialdemokratischem Kurs gewesen und dann erst Kommunist geworden. Busch wird seine Gründe dafür gehabt haben. Noske kriegt keine Kurzbiografie wie so viele andere, mit Busch direkt oder indirekt korrespondierenden Figuren in dem Buch. Um dessen mörderische Handlungen weiter zu verschweigen, wie die SPD es bis heute tut?

Im Schlusskapitel »Liebesgrüsse aus Russland und dem Ruhrgebiet« geht der jungdynamische Autor besonders forsch zur Sache. Dort ist er nicht mehr Busch-Forscher, sondern Ideologe, Papagei. Ausmessend den gängigen Geschichtsdiskurs, plappert er das nach, was westdeutsche Deutungsmächte seit sechzig Jahren vorplappern. DDR-Funktionäre: alle doof, schießwütig, volksfeindlich. Das System ohnehin schmutzig, verdammenswert. Die Politbüro-Bonzen noch dööfer, gemeiner, hinterhältiger als der Mittelmuff. Und weil diese Kaste so ist, überhöht sie den armen B. natürlich, als der 1980 gestorben war, und erlaubt ihrem Volk, den Künstler über den grünen Klee zu preisen.

Voit nennt das Trauerkult um ein »sozialistisches Denkmal«. Superlative und peinliche Phrasen hätten seit Jahrzehnten die Berichte über den Mann bestimmt. Neu sei im Sommer 1980 »allerdings das Ausmaß der medialen Beweihräucherung und politischen Vereinnahmung« gewesen. Medienarbeiter folglich ebenso bescheuert, parteihörig, staatskonform wie die da oben. Nicht minder Künstler, Literaten, Komponisten. Dass DDR-Medien qualifizierte Beiträge und Nachrufe bringen, ist dem Autor keine Recherche wert.

Nicht auszudenken, was amtlicherseits alles unter die Decke gekehrt worden ist, legt das Schlusskapitel nahe. Etwa, dass der Sänger zuletzt dement war. Dass er in Wirklichkeit in einer Bernburger psychiatrischen Anstalt gestorben ist und nicht in Berlin. Dass »der Misanthrop« Busch nur die Menschheit achtete, allenfalls sich selbst, aber nicht den Menschen neben ihm (viele seiner Zeitgenossen hätten sich darüber mokiert). Dass Busch zu »Tete« (Margarete Körting), mit der er siebzehn Jahre zusammen gelebt hat, gesagt haben soll »Du dusselige Kuh!« und sich schließlich trotz des Einspruchs von Genossen geweigert haben soll, der Trauerfeier seiner verstorbenen Lebensgefährtin beizuwohnen. Die Diktatoren über die Arbeiterklasse hätten solche Nachrichten einfach verdrängt oder wegretuschiert oder jedenfalls deren Verbreitung verboten. Und das sei zu korrigieren.

Jochen Voit meint sinngemäß, erst wenn solche Fakten freigeschaufelt seien, könne man über den Menschen und Künstler Busch ehrlich reden. Dass die zur Ikone erstarrte Figur nun endlich als Mensch ansichtig werde, das ist wahrlich das Verdienst des Autors.

Jochen Voit: Er rührte an den Schlaf der Welt. Ernst Busch. Die Biografie, Aufbau Verlag 2010, 515 S., 24,95 Euro.

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