Im Kampf gegen rasende Feuerwände

Wald- und Torfbrände in Russland breiten sich aus / Medwedjew: »Die Not ist wirklich groß« / Bei Betroffenen der Brandkatastrophe im Gebiet Nishni Nowgorod

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 5 Min.
»Die Feuerwand raste gleich von zwei Seiten auf uns zu.« Vera Samochina steht das Entsetzen selbst beim Erzählen noch in den graublauen Augen. Ihre Nachbarin, sagt sie, habe mehrmals beim regionalen Stab des Katastrophenschutzes angerufen und immer die gleiche Antwort bekommen: Nicht in Panik verfallen, Busse seien bereits unterwegs. »Doch kein einziger ist gekommen. Da haben wir schnell die Papiere zusammengerafft, ein bisschen Wäsche, was zu Essen und Wasser in eine Reisetasche gepackt und sind los zur Fernverkehrsstraße. Da kamen dann wirklich Busse, aber die Plätze reichten lange nicht für alle«.

Frau Samochina, 64 Jahre alt, hat bei Tochter Irina in Nishni Nowgorod Zuflucht gefunden. Bis Donnerstag letzter Woche war sie im Dorf Werchnjaja Wereja zu Hause. Es brannte in weniger als 20 Minuten nieder. 77 weitere Ortschaften hat das gleiche Schicksal ereilt. Über Russland rast die schlimmste Waldbrandkatastrophe seit Menschengedenken hinweg.

»Aber Putin hat gesagt ...«

Für sieben der 83 russischen Regionen hat Präsident Dmitri Medwedjew den Ausnahmezustand ausrufen müssen. Unabhängige Experten kommen beim Zählen der Katastrophengebiete auf 37. Denn auch Teile Ostsibiriens und des Fernen Ostens brennen lichterloh. Wie jedes Jahr, weil das Kontinentalklima im kurzen heftigen Sommer für Temperaturen um die 40 Grad sorgt. Zentralrussland dagegen, in gemäßigten Breiten liegend, macht ein derartiges Inferno zum ersten Mal durch.

Am schlimmsten ist das Gebiet Nishni Nowgorod an der Wolga betroffen. Qualm liegt über der Stadt, reizt die Schleimhäute und drückt die Sicht auf unter 300 Meter Die Flammen haben sich teilweise bis an die Fernverkehrsstraßen gefressen, die daher zum Teil gesperrt sind. Zwar konnte die akute Bedrohung für das 200 Kilometer entfernt liegende Kernforschungszentrum Sarow abgewendet werden. Doch die Betonung liegt auf vorerst. Ändert sich die Windrichtung, ändert sich auch die Bedrohungslage.

Ferienlager werden eilig evakuiert und zu Flüchtlingslagern umfunktioniert. So wie das Lager Lasurny, in dem viele Bewohner aus dem niedergebrannten Werchnjaja Wereja untergebracht sind. »Wir bekommen dreimal täglich gut und reichlich zu essen, Ärzte und Psychologen kümmern sich um uns«, sagt Swetlana Petrowa. Die kleine rundliche Frau Anfang 40 hat aus den Flammen nur die Papiere und das gerettet, was sie auf dem Leib trägt. »Aber Putin hat gesagt, Russland werde uns nicht im Stich lassen.« Gar nicht hoch genug, meint sie, könne man dem Regierungschef anrechnen, dass er sich gleich nach der Brandkatastrophe mit den Opfern getroffen hat. »Spätestens im November, hat er gesagt, hätten wir alle wieder ein Dach überm Kopf.« Ganz in der Nähe des abgebrannten Dorfes, wo Bagger bereits die Erde umpflügen.

Jeweils 100 000 Rubel – etwa 2400 Euro – sollen die Geschädigten für die Wiederbeschaffung von Möbeln, Hausrat und Kleidung von den Regionen bekommen. Die Zentralregierung legt noch mal eine Summe in gleicher Höhe drauf. Sie zahlt auch für die neuen Häuser: Jedes ist 100 Quadratmeter groß und schlägt mit zwei Millionen Rubel (knapp 50 000 Euro) zu Buche.

Wie ist das Inferno zu erklären?

Die Entschädigung bekommt aber nur, wer Besitz und Eigentum wasserdicht nachweisen kann. Eine Prozedur, mit der vor allem Ältere ihre Probleme haben. Doch die sind lösbar. Schwieriger zu beantworten sind Fragen, die sich die kritische Öffentlichkeit immer wieder stellt: Wie konnte die Katastrophe derartige Ausmaße annehmen und was muss getan werden, um Wiederholungen zu verhindern?

Schuld an dem Desaster, glaubt Katastrophenschutzminister Sergej Schoigu, sei nicht das Wetter, sondern der Mensch, der Zigarettenkippen wegwirft, Grillfeuer nicht richtig löscht oder Flaschen liegen lässt, die die Strahlen der Sonne wie ein Brennglas bündeln. An einem einzigen Wochenende, rechnete Schoigu der Nation vor, würden dadurch neue Brände auf einer Fläche entstehen, die in etwa dem entspricht, was in den fünf Tagen zuvor gelöscht wurde.

Bewährt haben sich dabei provisorische Rohrleitungen. In rekordverdächtigem Tempo verlegt, pumpen sie bis zu 3000 Kubikmeter Wasser aus Flüssen und See direkt in die Gefahrenzonen. Noch effektiver sind modifizierte Fliegerbomben. Sie sind 500 Kilo schwer, können auch von Hubschraubern abgeworfen werden und enthalten statt Sprengstoff Löschmittel, die bei der Explosion genau und ohne Verluste ins Ziel gebracht werden. Die dabei entstehende Druckwelle entzieht der Luft den Sauerstoff, wodurch das Feuer zusätzlich gedimmt wird. Theoretisch. Praktisch kam der Hersteller – der Rüstungskonzern Basalt – über Prototypen nicht hinaus. Sie wurden auf internationalen Ausstellungen erfolgreich vorgeführt. Griechenland und Kroatien waren begeistert, scheuten aber die den Preis. Ebenso die russische Regierung. Die Katastrophenschützer sind daher weiter auf die extrem wetterabhängigen Löschflugzeuge angewiesen. Von denen besitzt Russland gerade mal sechs. Ein Tropfen auf den heißen Stein für den Flächenstaat, wo das Feuer selbst in »normalen« Jahren im Durchschnitt 11 Quadratkilometer Wald vernichtet.

Praxistest vor den Toren Moskaus

Allein mit Technik und Armee-Einsatz, meinen Umweltaktivisten, sei dem Feuer nicht beizukommen. Die Bevölkerung müsse lernen, sich selbst in die Bekämpfung und die Verhütung von Waldbränden einzubringen. Wie das auch mit einfachen Mittel geht, führen Studenten der Moskauer Lomonossow-Universität den Dörflern im Umland der Hauptstadt vor. Denn dort brennen die Torfbrüche, die zu Sowjetzeiten entwässert wurden, um den Abbau zu erleichtern. Torfbrände sind besonders tückisch. Sie beginnen als Schwelbrand, der sich unter der Erde unbemerkt ausbreitet. Flammen lodern erst, wenn Sauerstoff durch Erdlöcher hinzutritt. Wenn dann noch der Wind auffrischt, gibt es meist keine Rettung mehr.

Ängstlich verfolgten die Bewohner von Schuwoje südöstlich von Moskau, wie die Wiese vor dem Dorf binnen Sekunden in Flammen aufging. Mit Mullbinden vor dem Gesicht, Spaten und Schaufeln in der Hand versuchten die Männer, die Katastrophe abzuwenden. Es gelang nur, weil der Wind sich plötzlich drehte. Dann kamen die Studenten und zeigten ihnen, wie Monitoring funktioniert.

Dazu, sagt Artjom Semenko, der Biologie studiert und seit drei Jahren Einsätze von Freiwilligen organisiert, brauche man kleine Gruppen von zwei, drei Mann, die mit Ferngläsern auf Hügeln oder dem Kirchturm in Stellung gehen. Und einen Geländewagen, der losfährt, sobald sich irgendwo Rauch zeigt. »Brände, die gerade entstehen, kann man in einer halben Stunde löschen, eine Stunde alte bestenfalls in zwölf und einen Tag alte in einer Woche«. Semenko und seine Helfer könnten noch viel zu tun bekommen.

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