Diese Website verwendet Cookies. Wir können damit die Seitennutzung auswerten, um nutzungsbasiert redaktionelle Inhalte und Werbung anzuzeigen. Mit der Nutzung der Seite stimmen Sie der Verwendung von Cookies zu. Unsere Datenschutzhinweise.
Werbung

Offene Fragen auch zehn Jahre nach dem Untergang der »Kursk«

Russland gedachte der Katastrophe des Atom-U-Boots

  • Von Irina Wolkowa, Moskau
  • Lesedauer: 4 Min.
Zehn Jahre nach dem Untergang des russischen Atom-U-Boots »Kursk« haben die Hinterbliebenen und die Marine am Donnerstag der 118 Opfer gedacht. In Kursk, Murmansk und St. Petersburg legten Angehörige Blumen an Gräbern und Denkmälern nieder. Die russische Militärführung habe sehr ernste Lehren aus der Tragödie gezogen, sagte der frühere Kommandeur der Nordflotte, Wjatscheslaw Popow, nach Angaben der Agentur Interfax. Die Rettungsmöglichkeiten seien »heute bedeutend besser als vor zehn Jahren«.

Im Club der U-Boot-Fahrer in St. Petersburg stellte Pater Mitrofan Badanin dieser Tage sein neues Buch vor: »Das ewige Licht«. Gemeint ist eine Lampada. Aus rotem Glas gemacht, umhüllt sie eine kleine Kerze, die vor Ikonen brennt. Auch auf dem Cover von Badanins Buch ist eine Lampada zu sehen, eine besondere, gefertigt aus Teilen der Notbeleuchtung in Sektor neun des Atom-U-Boots »Kursk«, das vor zehn Jahren in der Barentssee sank. Es war auch eine politische Katastrophe für den damaligen Präsidenten und heutigen Premier Wladimir Putin. Er musste harte Kritik in den Medien einstecken, habe er sich doch erst Tage nach Beginn der Tragödie zu Wort gemeldet und auch dann nicht das rechte gefunden. Der TV-Sender NTW – damals Synonym für unabhängigen, kritischen Journalismus – berichtete sogar von einem verbalen Schlagabtausch mit empörten Hinterbliebenen. Menschen, die Putin gut kennen, sagen, seine Schroffheit sei eine Art Selbstschutz gegen die eigene Dünnhäutigkeit.

Trotz aller Terroranschläge, Geiseldramen, Flugzeugabstürze, Naturkatastrophen danach oder der verheerenden Wald- und Torfbrände in diesen Tagen – der Untergang der »Kursk« ist, wie gleich mehrere große Zeitungen zum Jahrestag schrieben, nach wie vor eines der tragischsten Ereignisse der jüngeren russischen Geschichte. Und bis heute, so der Oberkommandierende der Seekriegsflotte, Wladimir Wysozki, sei nicht klar, welcher Fehler das Unglück auslöste. Denn der Untersuchungsbericht, den die Marine Anfang 2002 vorlegte, wirft mehr Fragen auf, als er beantwortet. Bekannt ist sein Inhalt bisher ohnehin nur in Teilen. Vollständig freigegeben wird er für die Öffentlichkeit frühestens im August 2025, 25 Jahre, nachdem am 12. Augst 2000 kurz vor 12 Uhr Moskauer Zeit im Stab der Nordmeerflotte das erste SOS-Signal von der »Kursk« einging.

Das Atom-U-Boot, das eher einem Schiff ähnelt, gehört zu den modernsten und nahm 180 Kilometer nordöstlich von Murmansk an einer Übung teil. Kurz vor dem SOS der Besatzung registrierte Norwegen dort zwei Explosionen. Wie später der russische Untersuchungsbericht erklärte, hatte die Besatzung den Motor eines Übungstorpedos zu früh eingeschaltet. Feuer brach aus, das sich schnell bis in den Bugtorpedoraum ausbreitete und dort zur Explosion der Sprengköpfe führte. Sie rissen ein großes Loch in die Bootswand. Wasser schoss in das U-Boot, das in wenigen Minuten sank.

Zwar ist die Barentssee dort nur 108 Meter tief, und mindestens 23 Besatzungsmitglieder in den hinteren Sektoren, hermetisch abgeschlossen und daher vom Brand nicht betroffen, lebten noch. Doch das Auftauchen aus eigener Kraft misslang. Dann passierte die zweite Katastrophe: Einer der Filter, die die Mannschaft zur Regenerierung der Atemluft aufhängte, kam mit Wasser in Berührung. Die dabei ablaufenden chemischen Reaktionen verursachten einen weiteren Brand, der den restlichen Luftsauerstoff verbrauchte. Die Männer erstickten.

Zwar kamen noch zwei Tage Klopfzeichen aus der Tiefe. Doch wurde an Land wertvolle Zeit vertan. Internationale Hilfe bei der Bergung lehnte Russland aus Angst vor Spionage zunächst ab. Erst nach mehreren Versuchen von Rettungsmannschaften der Marine durfte eine norwegische Tauchplattform die Leinen los machen. Wegen eines Sturms über der Barentssee traf sie aber erst eine Woche nach der Explosion an der Unfallstelle ein. Andrei Kolesnikow, einer der 23 im Heckteil der »Kursk«, hat versucht, die letzten Stunden zu protokollieren. Er schreibe bei völliger Dunkelheit, steht auf dem Zettel, der in der Tasche seiner Kombination gefunden wurde, als im November 2000 die ersten zwölf Leichen aus dem Wrack geborgen werden. Über den weiteren Inhalt wurde Andreis Ehefrau Irina, die den Zettel bekommt, zu strengstem Stillschweigen verpflichtet.

Das Wrack zersägte man unter Wasser in zwei Teile. Sie wurden am 8. Oktober 2001 gehoben und in den Kriegshafen Rosljakowo geschleppt, die restlichen Seeleute bestattet. Das Strafverfahren gegen die Marineführung wurde im Juli 2002 eingestellt, der Besatzung wegen Fahrlässigkeit die alleinige Schuld an der Tragödie aufgebürdet. Im Februar 2009 machte die »Kursk« ein vorerst letztes Mal Schlagzeilen. Ihr Turm, der in Murmansk nahe der Kathedrale in ein Mahnmal für das Unglück und seine Opfer eingebaut werden sollte, wurde eher zufällig auf einem Schrottplatz gefunden. Die Seekriegsflotte versprach schnelle und lückenlose Aufklärung. Auf Ergebnisse wartet die Öffentlichkeit bis heute.

Dieser Artikel ist wichtig! Sichere diesen Journalismus!

Besondere Zeiten erfordern besondere Maßnahmen: Auf Grund der Coronakrise und dem damit weitgehend lahmgelegten öffentlichen Leben haben wir uns entschieden, zeitlich begrenzt die gesamten Inhalte unserer Internetpräsenz für alle Menschen kostenlos zugänglich zu machen. Dennoch benötigen wir finanzielle Mittel, um weiter für sie berichten zu können.

Helfen Sie mit, unseren Journalismus auch in Zukunft möglich zu machen! Jetzt mit wenigen Klicks unterstützen!

Unterstützen über:
  • PayPal
  • Sofortüberweisung

Solidarisches Berlin und Brandenburg

Corona ist nicht nur eine Gesundheitskrise. Es ist auch eine Krise des Sozialen. Wir beobachten alle sozialen und sozioökonomischen Entwicklung in der Hauptstadtregion, die sich aus der Verbreitung des Coronavirus ergeben.

Zu allen Artikeln